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EU-Terrorexperte

"Wir müssen die Radikalisierung stoppen"

29.05.2008 | 06:24 Uhr
"Wir müssen die Radikalisierung stoppen"

Brüssel. Gilles de Kerchove ist Anti-Terror-Beauftragter der Europäischen Union. Im Gespräch mit DerWesten warnt er vor radikalen jungen Muslimen. Und er erklärt, wie die Strategie der EU-Länder aussehen müsste.

Vor einigen Tagen wurden Islamisten in Marokko verhaftet, die Anschläge auf EU-Institutionen in Brüssel geplant hatten. Auch die europäische Polizeibehörde Europol hat kürzlich vor einer steigenden Terror-Gefahr in Europa gewarnt. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Gilles de Kerchove: Wenn wir uns die Entwicklung des letzten Jahres anschauen, gibt es schon Grund zur Sorge. Islamisten planten Anschläge in Deutschland, in den Niederlanden gab es Festnahmen, in Dänemark, Barcelona ist ebenfalls nur knapp einer Anschlagsserie entgangen. Viele dieser Terroristen haben Verbindungen nach Pakistan.

Info
Zur Person: Gilles de Kerchove

Gilles de Kerchoves Amt gibt es erst seit 2004. Seit den Anschlägen von Madrid leistet sich die EU einen eigenen Anti-Terror-Beauftragten.

Gilles de Kerchove ist in Europa kaum bekannt, bis vor kurzem hat er noch nicht einmal Interviews gegeben. Dabei spielt der 51-jährige Belgier in der EU-Politik eine wichtige Rolle: Unter EU-Generalsekretär Javier Solana koordiniert der Spitzenbeamte im Rat der EU-Regierungen in Brüssel die gemeinsame Anti-Terror-Politik – ein Amt, das nach den Anschlägen von Madrid 2004 geschaffen wurde, um dem Anti-Terror-Kampf in Europa ein Gesicht zu geben.

De Kerchove wurde im September vorigen Jahres in diesen Posten berufen. Seitdem berät er die europäischen Innen- und Justizminister. In der nächsten Woche wird er ihnen in Luxemburg seinen neuen Bericht vorlegen, in dem er auch vor der wachsenden Terror-Gefahr aus Nordafrika warnt.

Gleichzeitig waren Terroristen in Nordafrika aktiv, die mit El Kaida in Verbindung gebracht werden. In Algier kam es zu Anschlägen, die Rallye Dakar musste abgesagt werden, weil es massive Drohungen gegen die Teilnehmer gab. Dazu kommt die Radikalisierung junger Leute in Europa – wir müssen also auf der Hut sein.

Welche Länder in Europa sind denn am meisten vom Terror bedroht?

Gilles de Kerchove: In Deutschland, Dänemark, Belgien und den Niederlanden wurden bereits Terror-Zellen ausgehoben. Daraus kann man vielleicht schließen, dass diese Länder stärker bedroht sind als andere. Aber nur weil es etwa in Polen noch keine Vorfälle bekannt wurden, heißt das nicht, dass keine Anschlags-Gefahr besteht.

Terroristen nutzen einige EU-Länder auch als Ruheraum, um Aktivitäten anderswo vorzubereiten. Kürzlich wurde mir mitgeteilt, dass es eine Verbindung von El-Kaida-Zellen aus dem Maghreb nach Schweden gibt. Die EU-Länder müssen ein gemeinsames Bewusstsein entwickeln – die Gefahr kann überall lauern.

 Wird Nordafrika zum neuen Sprungbrett für Terroristen nach Europa?

Gilles de Kerchove: Tatsächlich müssen wir unseren Blick stärker auf Nordafrika und besonders auf einige Ländern der Sahel-Zone richten – Mali, Mauretanien, möglicherweise Niger. In Westafrika, besonders in Guinea-Bissau, blüht der Drogen- und Waffenhandel. Im islamischen Maghreb gibt es Trainings-Camps für Terroristen. Wir müssen mit diesen Ländern zusammenarbeiten, ihnen wirtschaftlich helfen. Sie müssen in Bildung investieren, um einer Radikalisierung vorzubeugen. Wir brauchen Experten für diese Regionen.

Die EU hat also bislang zu wenig unternommen, um die Terror-Gefahr einzudämmen?

Gilles de Kerchove: Nein, es hat viele Anstrengungen gegeben. Aber wir müssen noch mehr tun, etwa um die Radikalisierung junger Leute in Europa zu stoppen. Wir müssen über Integration von Muslimen in unseren Gemeinden diskutieren und die moderaten Kräfte in der muslimischen Welt stärken.

In einigen Mitgliedsländern laufen interessante Integrations-Modelle – warum tauschen wir nicht die besten Beispiele aus? Auf der anderen Seite müssen wir uns auch besser auf mögliche Anschläge vorbereiten. Die EU-Staaten haben sich dazu verpflichtet, nach Naturkatastrophen oder terroristischen Anschlägen mit allen Mitteln, auch mit dem Militär, zu helfen. Darauf sollten wir uns jetzt vorbereiten.

Doch die EU-Länder tun sich gerade in der Sicherheitspolitik oft noch schwer mit der Zusammenarbeit.

Gilles de Kerchove: Die Sicherheitsdienste arbeiten sehr gut zusammen. Allerdings müssen die Mitgliedsstaaten auch besser mit der europäischen Polizeibehörde Europol und der Justizbehörde Eurojust kooperieren. Es kann nicht sein, dass Europol Informationen zuerst aus der Presse erfährt und dann den Mitgliedsstaaten hinterher telefonieren muss. Da gibt es noch viel zu tun.

Viele haben kritisiert, dass die EU unter dem Deckmantel des Anti-Terror-Kampfes immer mehr Daten von Bürgern sammelt, jetzt will sie auch noch Fingerabdrücke speichern und Fluggastdaten – ist das alles wirklich notwendig?

Gilles de Kerchove: Um Terroranschläge zu verhindern, müssen Polizei und Geheimdienste Informationen sammeln. Aber ich verstehe die Sorge der Bürger. In der einen Woche erfahren sie, dass biometrische Daten in die neuen Schengen-Computer aufgenommen werden. In der nächsten reden wir über Visa-Daten.

Statt die Informationen scheibchenweise zu geben, sollten wir mit dem Europäischen Parlament ein globales Konzept diskutieren. Wie weit wollen wir im Kampf gegen den Terror gehen? Welche Grenzen setzen wir uns? Diese Fragen können wir nur gemeinsam klären.

(Das Interview führten Katrin Teschner und Svetlana Jovanovska)

Katrin Teschner und Svetlana Jovanovska

Kommentare
29.05.2008
11:32
Wir müssen die Radikalisierung stoppen
von jan-willem | #60

es gibt auch deutsche gewalttäter das vorne weg.eines ist jedoch sehr auffällig das immer wieder der jugendschutz heran gezogen wird und dadurch die...
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2008-05-29 06:24
Politik