„Wir hätten früher auf die Straße gehen müssen“

Tröglitz..  Die kleine evangelische Kirche in Tröglitz ist völlig überfüllt, die Stimmung ist bedrückt: „Wir hätten früher auf die Straße gehen müssen“, sagt Pastor Mat­thias Keilholz erschüttert beim Friedensgebet, „über Wochen ­wurde Stimmung gemacht gegen die Flüchtlinge“. Viele der 120 Menschen nicken stumm, einige haben Tränen in den Augen.

Dann zieht die Menge schweigend los zum Haus an der Ernst-Thälmann-Straße mitten im Ort. Schwarz verkohlte Dachbalken ­ragen in den Himmel, vor den ­rot-weißen Absperrgittern steht ein Polizeifahrzeug: Hier in dem ­gerade erst sanierten Mehrfamilienhaus war zwei Tage zuvor in der Nacht zu Ostersamstag ein Feuer ausgebrochen.

Das Gebäude, in das in wenigen Wochen 40 Flüchtlinge einziehen sollten, ist für Monate unbewohnbar. Es war Brandstiftung, die Täter brachen eine Tür auf und setzten offenbar Brandbeschleuniger ein. Ein älteres Paar, das in der einzig vermieteten Wohnung lebte, ­konnte sich noch rechtzeitig vor den Flammen retten. Die Ermittler haben keinen Zweifel, dass Rechtsextremisten hinter der Tat stehen.

„Die Rechten haben alles genau geplant. Tröglitz soll zu einem bösen Fanal werden“, sagt Matthias Nierth. Der 46-Jährige war vor vier Wochen als ehrenamtlicher Bürgermeister der 2700-Einwohner-Gemeinde zurückgetreten, weil Rechtsextremisten und Gegner des geplanten Flüchtlingsheims vor seinem Haus demonstrieren wollten – Nierth fühlte sich im Stich gelassen von Behörden und Einwohnern. Nicht nur er steht jetzt unter Polizeischutz, seit Ostern auch der CDU-Landrat Götz Ulrich: Der hat per Mail ebenfalls Morddrohungen erhalten. Von Methoden der französischen Revolution, also von Enthauptung, ist in den Droh-Mails die Rede, Ulrich spricht von einem „rechtsextremistischen Hintergrund“.

Schon seit Monaten machen Rechte unter Führung von NPD-Funktionären Stimmung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in Tröglitz, in „Abendspaziergängen“ zogen bis zu 150 Menschen durch das Dorf. Diese Leute seien die „geistigen Brandstifter“, klagt der Ex-Bürgermeister Nierth.

Hochburg der NPD

Und auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verweist auf die Aktivitäten der NPD-Funktionäre, die den „geistigen Nukleus“ für das Verbrechen darstellten. Die NPD sieht den Burgenlandkreis als ihre „Hochburg“ in Sachsen-Anhalt, ­allein im Kreistag hat sie voriges Jahr drei Mandate geholt. In Tröglitz hetzt die NPD gegen „Asylüberflutung“, die erst zum Wertverlust der Grundstücke führe und am Ende zur Zerstörung der Gesellschaft.

In dem Dorf südlich von Leipzig, das 1937 als Arbeitersiedlung für die Braunkohle-Benzin-AG gegründet wurde und heute von Einwohnerrückgang und Arbeitslosigkeit geplagt ist, fallen solche Parolen auf fruchtbaren Boden. Ein Teil der Bürger hat Angst vor Belästigungen oder Diebstählen, wie vergangene Woche bei einer Einwohnerversammlung deutlich wurde. In anderen, größeren Gemeinden des Landkreises ist die Stimmung freundlicher – offenbar auch deshalb, weil sich dort Bürger frühzeitig für die Flüchtlinge engagierten.

Schweigende Mehrheit

In Tröglitz aber hatten der Bürgermeister und eine Initiative für die Flüchtlinge einen schweren Stand. „Die schweigende Mehrheit hat ­dazu beigetragen, dass sich der Schwelbrand der Fremdenfeindlichkeit ausbreiten konnte“, klagt Pastor Keilholz. Er glaubt aber, dass jetzt bei einem Teil der ­Einwohner die Entschlossenheit wächst, Gesicht zu zeigen. „Wir müssen bedingungslos an der Seite der Flüchtlinge stehen“, mahnt er und beschwört einen „mutigen Aufstand der Anständigen“.

Möglichst im Mai sollen die ­ersten Flüchtlinge kommen. Geprüft wird nun, sie in Privatwohnungen unterzubringen. Nicht alle im Dorf sind begeistert: „Jetzt sollte man es gut sein lassen“, sagt ein ­älterer Mann. Ängste gebe es aber wohl auch unter den Flüchtlingen, glaubt Ex-Bürgermeister Nierth, denn die würden jetzt wohl mit Polizeischutz anreisen müssen.