Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Ausschreitungen

"Wildwest" in Süditalien

08.01.2010 | 19:01 Uhr
"Wildwest" in Süditalien

Rom. In Süditalien ist es nach Schüssen auf eine Gruppe von Einwanderern zu schweren Zusammenstößen gekommen. Dutzende Afrikaner setzten in der kalabrischen Stadt Rosarno Autos in Brand, zertrümmerten Schaufenster und riefen "Wir sind keine Tiere."

"Heute arbeitet ihr wohl nicht?", rufen drei junge Süditaliener  lachend aus einem fahrenden Auto afrikanischen Tagelöhnern zu. Dann  zücken die mutmaßlichen Mafiosi die Waffe. Sie schießen aus dem  Autofenster,  und zwei Passanten fallen verletzt zu Boden. Die Folgen  dieser Szene in Wild-West-Manier, am Donnerstagabend im  Mafia-verseuchten 16 000-Einwohner-Städtchen Rosarno in Kalabrien  passiert, sind dramatisch. Eine bis in den Freitag hinein dauernde  Revolte bricht aus. Für hunderte  Apfelsinenpflücker, fast alle  heimliche Einwanderer, die dort seit Jahren für 20 bis 25 Euro  Tageslohn über acht Stunden schuften, in einer alten Fabrikhalle  schlafen und sich mit 200 Mann eine chemische Toilette teilen müssen,  ist das Fass jetzt voll. Sie stecken Autos in Brand, schlagen mit  Stöcken Schaufenster und Häuserfenster ein, kippen Mülltonnen um. 

Schüsse vom Balkon

Schließlich kommt es zu Zusammenstößen mit der Polizei, es gibt 34  Verletzte auf beiden Seiten und mehrere Festnahmen.Und um ein Haar  hätte es auch einen Toten gegeben: Als eine Gruppe Migranten ein  Wohnhaus erstürmen will, schießt der Besitzer einfach vom Balkon. "Die Lage ist ernst und schwerwiegend", sagt  Präfekt Domenico  Bagnato. Er ist kommissarischer Verwalter von Rosarno, dessen  Stadtrat wegen Mafia-Einwirkung von Amts wegen aufgelöst worden war.

Fünf Euro "Aufenthaltssteuer" für die Mafia

Kalabriens hochgefährliche "Ndrangheta", die im Zuge einer Clanfehde  im August 2007 in Duisburg mit einem Sechsfachmrod zugeschlagen  hatte, gibt auch dort den Ton an. Sie beutet selbst diese Ärmsten  der Armen aus, die gemäß ihren Angaben  von ihrem kargen Tageslohn  auch noch fünf Euro "Aufenthaltssteuer" an die Mafia entrichten und  dennoch menschenunwürdig leben müssen.

"Raus mit diesen Ausländern",  das fordern Anwohner jetzt. Bagnato versuchte zu schlichten und bat auch die Aufständischen, nicht  die gesamte Bevölkerung als Ausbeuter zu sehen.  Gestern, gegen Mittag,   beruhigte sich die Lage wieder - wer weiß, wie lange.

Was bleibt, ist viel Polemik, ausgelöst durch unterschiedliche  politische Reaktionen. Innenminister Roberto Maroni von der  ausländerfeindlichen Lega Nord beklagte die Revolte als "Ergebnis  einer jahrelangen verfehlten Einwanderungspolitik" und zu viel  Toleranz gegenüber illegalen Zuwanderern."Wir werden die Lage  normalisieren", kündigte er an und schickte eine Sondereinheit nach  Kalabrien.

"Zuwanderer werden zu Sklaven"

Verärgert reagierte die Opposition, der das scharfe  Einwanderergesetz der Berlusconi-Regierung ein Dorn im Auge ist, auf  die Maroni-Worte. In Rosarno herrsche "Mafia, Ausbeutung, Fremden-  und Rassenhass", strich Oppositionschef Pierlugi Bersani von der PD  heraus. Die Revolte zeige, dass Wirtschaft in der Hand von  organisierter Kriminalität Zuwanderer zu Sklaven mache, hieß es  weiter. "Das, was in Rosarno geschieht, ist das Ergebnis eines  Klimas fremdenfeindlicher und mafioser Intoleranz", kommentierte der  Präsident der Region Kalabrien, Agazio Loiero.

Christa Langen-Peduto

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2360570/create

Umfrage
Bürger sollen künftig häufiger gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Können Sie sich vorstellen, Organspender zu werden?
 
Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
David McAllister geht "baden"
Bildgalerie
Boot kentert
Triumph der Sozialisten
Bildgalerie
Frankreich
Aus dem Ressort
Ramsauer will Punktesystem in Flensburg noch verschärfen
Verkehr
Wer sich unerlaubt vom Unfallort entfernt oder andere durch zu nahes Auffahren nötigt, soll im neuen Verkehrssünder-System mit drei Punkten in Flensburg bestraft werden. Das plant Bundesverkehrsminister Ramsauer. Er will die Reform der Verkehrssünder-Datei nach Bürgerbefragungen verschärfen.
Iran will ein zweites Atomkraftwerk bauen
Kernkraft
Der Iran will ein neues Atomkraftwerk bauen. Mit dem Bau soll nach Medienberichten möglicherweise in einem oder zwei Jahren begonnen werden. Der Westen verdächtigt den Iran, den Bau von Atomwaffen anzustreben. Das Land weist die Vorwürfe zurück.