Wie viel Gewalt steckt im Islam?

Kairo..  Seit Monaten hält eine Welle bestialischer Verbrechen die Welt in Atem – verübt im Namen des Islam, wie die Täter behaupten. In Syrien enthaupten die Terroristen westliche Geiseln. Im Irak und in Syrien massakrieren sie Tausende Opfer. In Pakistan ermorden sie Schulkinder. In Nigeria löschten sie Dutzende Dörfer aus – und in Paris töteten sie jetzt 17 Menschen.

Wie ist diese Häufung religiös motivierter Gewalttaten zu erklären? Wie gewalttätig ist der Islam? Und was könnte in den nächsten Jahren noch an Horror auf uns zukommen?

Schwere Legitimationskrise

Von Lehre und Ethos her ist der Islam nicht gewalttätiger als Christentum und Judentum. Passagen, die von Gewalt oder Krieg reden, sind im Koran ähnlich selten wie in der Bibel. Trotzdem erfährt der Islam, vor allem der sunnitische, die schwerste Legitimationskrise seiner jüngeren Geschichte. Denn so wie er sich heute organisiert, kann der Islam gegen die Fanatiker in eigenen Reihen seine Kernbotschaft nicht mehr schlüssig formulieren.

Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Sind Selbstmordattentäter Massenmörder oder Aspiranten für das Paradies? Ist das Köpfen, das Auspeitschen bei religiösen Verstößen Lehre des Islam oder nicht? Warum werden Frauen im islamischen Recht bis heute diskriminiert? Und wie hält es die islamische Doktrin mit der modernen Toleranz gegenüber Andersgläubigen?

Die Islamisten hätten im Prinzip nichts Neues erfunden, sondern die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert, urteilt Ahmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Ihre Haltung zum Umgang mit „Ungläubigen“ oder zur Rolle von Mann und Frau unterscheide sich nur graduell. Kein Wunder, dass sich nicht mehr überzeugend darlegen lässt, wie das moralische Fundament des Islam aussieht. Abgrenzungen zur Gewaltbotschaft der Dschihadisten fallen häufig halbherzig und nebulös aus.

Plädoyer für eine Neuinterpretation

Anders Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Alles, was den Muslimen heilig sei, werde inzwischen im Rest der Welt als Quelle von Angst, Gefahr, Tod und Zerstörung wahrgenommen, beklagte er: „Wir brauchen eine religiöse Revolution.“ Er plädierte für eine moderne, aufgeklärte Neuinterpretation der heiligen Texte von den Geistlichen: „Die Gemeinschaft der Muslime wird zerstört. Sie ist dabei unterzugehen – durch unsere eigenen Hände.“