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Plagiatsvorwürfe

Wie sich die Uni Düsseldorf im Fall Schavan blamiert

17.10.2012 | 09:10 Uhr
Die Uni Düsseldorf steht wegen im Rahmen der Plagiatsvorwürfe gegen Bundesbildungsministerin Schavan unter Beschuss.Foto: dapd

Düsseldorf.   Der Fall Schavan könnte am Ende der Uni Düsseldorf mehr schaden als der Bildungsministerin, die in der Wissenschaft hoch angesehen ist. Bevor sich der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät mit der Frage beschäftigt, ob Annette Schavan sauber gearbeitet hat, sollte er sich erst einmal bei ihr entschuldigen.

Im Fall der Bundesbildungsministerin Schavan hat sich die Universität Düsseldorf in eine selten dämliche Lage manövriert . Es mag sogar sein, dass am Ende dieser seltsamen Affäre um eine vor 32 Jahren fertig gestellte Doktorarbeit in Erziehungswissenschaften der Schaden für die Bildungseinrichtung größer ist als für die Bildungsministerin.

Heute tagt nun der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät. Bevor er sich mit der Frage beschäftigt, ob Annette Schavan sauber gearbeitet hat, sollte er sich erst einmal bei ihr entschuldigen. Und danach seine Arbeit gleich ganz einstellen. Denn dieser Ausschuss ist, nachdem das Gutachten eines einzelnen Professors beim Nachrichtenmagazin „Spiegel“ landete, in jedem Fall befangen. Wie sollte ein Gremium ein Urteil fällen über das wissenschaftliche Verhalten eines Doktorinhabers, wenn es selbst wissenschaftliche Spielregeln verletzt hat?

Gutachten im Fall Schavan scheint angreifbar

Dazu gehört nicht nur die Indiskretion eines von 15 Professoren, die das Gutachten per E-Mail bekamen . Dieser Mensch hat seiner Uni schwer geschadet. Er gehört gefeuert. Weshalb hat die Uni eigentlich erst nach drei Tagen Strafanzeige wegen Vertrauensbruchs gegen Unbekannt gestellt?

Auch das Gutachten selbst, verfasst von dem Judaistik-Professor Rohrbacher, scheint durchaus angreifbar zu sein. Hat Rohrbacher, darin den anonymen Plagiatsjägern in deren Methode folgend, nur einzelne Textstellen bewertet? Hat er auch untersucht, welche Auswirkung der festgestellte lasche Umgang mit Zitierregeln auf den Charakter der Promotion hatte, auf den Wert der Eigenleistung, die nun einmal der Kern einer Doktorarbeit ist? Hier geht es um den Kern wissenschaftlichen Arbeitens an einer Philosophischen Fakultät.

Zitate für Doktorabeit im Zettelkasten

Schavans Doktorvater Gerhard Wehle verteidigt jedenfalls sein Urteil von damals, die Arbeit mit „gut“ zu bewerten . Die Arbeit habe „damals“ dem wissenschaftlichen Standard entsprochen, sagte er der Rheinischen Post.

Video
Berlin, 16.10.12: Kanzlerin Merkel hat sich am Montag hinter Bildungsministerin Schavan gestellt, die wegen Plagiatsvorwürfen bei ihrer Dissertation unter Druck ist. Der Gutachter für die Uni Düsseldorf soll eine Täuschungsabsicht festgestellt haben.

Heutigen Studierenden, die sich freimütig im Fernsehen zu bester Sendezeit über Schavans Regelbruch beschweren, sollte man vielleicht doch noch mal erklären, dass man vor 32 Jahren Freud und Marx und Co. tatsächlich noch nicht googeln konnte. Schavan sammelte, wie die meisten damals, ihre Zitate in einem Zettelkasten. Hätte sie seinerzeit alle Zitate, die sie benutzte, erst im Original lesen müssen, wäre das wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen, es sei denn, sie hätte sich für ihre Arbeit weitere 32 Jahre Zeit genommen. Vielleicht wäre aber auch das eine oder andere Werk in der Uni-Bibliothek gar nicht erhältlich gewesen.

Es kann noch Monate dauern

Wie es nun weiter geht? Wie zu hören ist, wurden alle Mitglieder des Promotionsausschusses schon vor Wochen vergattert, bloß ja nichts an die Presse herauszulassen. Das hat augenscheinlich nichts gefruchtet. Mit Schavan wurde wohl das Verfahren detailliert besprochen . Sie wird gehört werden. Nach der Indiskretion hat man ihr per Boten schon einmal schnell ein Exemplar des Gutachten-Entwurfs geschickt. Sie dürfte ein Gegengutachten machen lassen. Dann dürfte die Universität ein drittes Gutachten einholen. Am Ende jedenfalls ist der Fakultätsrat frei, der Promotionsausschuss hat kein imperatives Mandat, kann also nur raten, nicht entscheiden.

Mit anderen Worten: Das alles kann noch Monate dauern. Ob Annette Schavan das politisch überlebt , steht auf einem anderen Blatt. Es wird auch nach anderen Spielregeln entschieden als im viel langsameren, manchmal naiv agierenden Wissenschaftsbetrieb. Jedenfalls sollte niemand Schavan unterschätzen. Wäre diese Frau keine Kämpferin, hätte die Kanzlerin sie wohl kaum als ihre engste Verbündete ausgesucht.

Ulrich Reitz


Kommentare
17.10.2012
23:35
Wie sich die Uni Düsseldorf im Fall Schavan blamiert
von wolla | #25

Der einzige Mensch der sich hier blamiert hat, ist Herr Reitz.

17.10.2012
18:38
Wie sich die Uni Düsseldorf im Fall Schavan blamiert
von Riffralf | #24

Anscheinend fehlt dem Autor des Artikels jedes Verständnis für wissenschaftliches Arbeiten. Auch ich habe vor ca. 32 Jahren studiert und gelernt, wie richtig zitiert wird, ob Zettelkasten oder Originale ist doch dabei unerheblich, fragt sich nur noch ob der ominöse Zettelkasten von ihr selbst zusammen gestellt wurde oder nicht, woher haben sie die Erkenntnis darüber eigentlich, ich hatte sowas nicht, sondern immer die Originale aus der Unibibliothek.

17.10.2012
15:52
Ein blamables, ein unwürdige Schauspiel
von schaufensterfeeling | #23

Die öffentliche Vorverurteilung von Frau Dr. Schavan ist absolut inakzeptabel.
Während eines laufenden Verfahrens gutachterliche Expertisen an die Medien und somit in die Öffentlichkeit zu lancieren, ist eine Meinungsmache der besonders perfiden Art. Das Gutachter, Juristen und Journalisten sich vor einem rechtskräftigen Urteil gegenseitig auf dem Laufenden halten und publizieren was das Zeug hergibt, diskreditiert rechtsstaatliches Handeln in übelster Weise.

Wenn diverse Medien und deren Meinungsmacher sich voreilig wie Lynch-Mobs verhalten und einige Staatsanwälte, wie unlängst im Fall Wulff und Kachelmann geschehen, sich zu Handlangern degradieren lassen, offensichtlich gegen rechtsstaatliche Prinzipien verstoßen, indem sie gezielt interne Ermittlungsergebnisse durchstechen.

Dann bekomme ich es mit der Angst zu tun, vor diesem dubiosen Kartell. Dazu passt ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach:
"Ihr jubelt über die Macht der Presse - graut euch nie vor ihrer Tyrannei?"

17.10.2012
15:38
Wie sich die WAZ blamiert
von akaz | #22

Ist bei Herrn Reitz wieder die alte Tätigkeit bei der RP durchgebrochen. Seinen Erguss kann ich noch so eben erklären, wenn es ein persönlicher Kommentar ist. Ansonsten lese ich Berichte oder Kommentare von Herrn Reitz schon lange nicht mehr. Ebenso verzichte ich auf den Presseclub, wenn Herr Reitz eingeladen ist. Ansonsten schließe ich mich #21 Meinemal an.
Übrigens hat der Plagiatsjäger ja sogar angeführte Zitate gefunden, die mit dem Text in der Dissertation keinen Zusammenhang hatten.

So hätte ich meine Diplomarbeit auch schreiben wollen. Schon vor über 50 Jahren konnte nicht nur das fehlende sondern auch das falsche Zitieren große Probleme bereiten. Selbst Telefongespräche oder Besuche z.B. bei Firmen mussten angeführt werden. Aber das gilt wahrscheinlich nur für die technische Abteilung.

17.10.2012
15:23
Wie sich die Uni Düsseldorf im Fall Schavan blamiert
von Meinemal | #21

Moment mal! Jeder, der eine Dissertation eigenhändig verfasst hat, kennt die Texte, die er verwenden will, deren Autoren, die Herkunft der Textstellen und die Fußnoten, die anzugeben sind, soll deren Textinhalt benutzt werden. Hier von Schusseligkeit oder unbedachter Unaufmerksamkeit zu sprechen, wie im Fall Schavan, ist nichts Weiter als Nebelkerzenwerfen und Vertuschen. Und wenn mann die Fußnoten (bewusst!) weglässt, will man betrügen und sich mit fremden Federn schmücken. Oder will man mal wieder den mündigen Bürger medial für doof verkaufen, nur weil MUTTI sich vor der Wahl keinen Rauswurf mehr leisten kann?

17.10.2012
14:58
Ich finde, dass sich auch die WAZ massiv blamiert hat,
von cui.bono | #20

als sie in den letzten Tagen sehr süffisant und vorverurteilend über Frau Schavan berichtet hat.

Jetzt versucht auch die WAZ zurückzurudern, weil sie merkt, dass eine Vorverurteilung doch nicht so leicht durchzuhalten ist.

Ich finde das sehr beschämend!

17.10.2012
14:55
Wie sich die Uni Düsseldorf im Fall Schavan blamiert
von Hagrid | #19

Moment mal.
Wer damals Zitate verwendete, musste den entsprechenden Text vorher sogar gelesen haben - oder einen anderen, in dem das verwendete Zitat enthalten war. Anders ging es gar nicht: woher hätte man das zitierte Teststück denn sonst haben sollen? Da spreche ich aus Erfahrung, denn ich habe zu jener Zeit selbst meine Diss geschrieben.

Strikt gesehen müsste das Verfahren jetzt zu Ende sein und neu begonnen werden. Es liegt ein klarer Verstoß gegen die Verfahrensregeln vor.

17.10.2012
14:41
Ich verstehe den Kommentar als das,
von pipapu | #18

was er ist. Eine persönliche Meinung. Nicht mehr.

Und ich habe eben eine andere Meinung.

Mindestens die, dass auch Zettelkästchen keine Entschuldigung sind. So wurde eben damals gearbeitet. Das Sortierte genau zu lesen, gehörte auch dazu.

17.10.2012
14:01
Wie sich die Uni Düsseldorf im Fall Schavan blamiert
von holeve | #17

Ich denke mal, dass sich hauptsächlich Herr Reitz blamiert mit seinem Artikel. Wenn jemand bei einer Doktorarbeit schummeln sollte und mit einem erschlichenen Titel dann berufliche Karriere macht, dann ist das kein Kavaliersdelikt. Dazu kommt, dass Frau Schavan Bildungsministerin ist und dem ehemaligen Dr. und Kabinettsmitglied ja auch den Rücktritt nahegelegt hat. Amüsanterweise mit der Aussage, sie würde sich schämen über das, was der ehemalige Dr. gemacht hat. Nun, es liegt sehr wohl in einem öffentlichen Interesse, wenn jemand seine Titel gesetzwidrig erwirbt und es ist absolut keine Vorbildfunktion für die heutigen Studierenden.

1 Antwort
Wie sich die Uni Düsseldorf im Fall Schavan blamiert
von Hagrid | #17-1

Ja, wenn. Da besteht aber offenbar längst noch nicht die Einigkeit wie bei anderen "Fällen". Also vorsichtig mit dem Knüppel.

17.10.2012
13:55
Reitz-Thema :-)
von lass_mal_laufen | #16

Ja, da echauffiert sich der Hr. Reitz aber mal über dieses unverfrorene Volk, dass sich wagt, eine Fr. Schavan zu unterstellen, dass...
Hr. Reitz: Warum eigentlich nicht? Wer will dieses Volk denn daran hindern? Sie? Ich glaube kaum.
Die Wortwahl in dem obigen Artikel ist ja geradezu ein Zeichen dafür, wie erdrückend die Beweislast zu seien scheint. Da hilft es auch nicht, wenn Sie sich wünschen, einen Prof. zu entlassen -wörtlich zu feuern!
Oder glauben Sie, Sie könnten mit Ihrer gewaltigen Stimme aus der WAZ eine -wie auch immer geartete- Entscheidung herbei führen, wenn Sie jemandem drohen?
Ich kenne die Arbeit von Fr. Schavan nicht, muss ich auch nicht, denn, ich kann ja nicht -wie Sie sagen- alles lesen, um mir ein Bild zu machen. Das dauerte dann ja...
Und trotz alledem bin ich der Meinung, dass diese Arbeit umfassend untersucht gehört. Ebenso sollten Sie sich in Ihrer Berichterstattung und Ihrer Wortwahl zurückhalten oder sachlich schreiben. [Entfernt von Moderation]

1 Antwort
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Name von Moderation entfernt | #16-1

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