Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Organspende

Wie Politiker die Organspende sicherer machen wollen

09.08.2012 | 18:57 Uhr
Künftig soll unter anderem das Mehraugenprinzip Manipulationen bei Organspenden verhindern.Foto: dapd

Berlin.   Künftig soll nicht mehr ein Arzt allein entscheiden, wer auf die Warteliste für ein neues Organ kommt. Die Bundesärztekammer fordert mehr und vor allem effizientere Kontrollen. Doch Politikern wie dem CSU-Gesundheitsexperten Johannes Singhammer ist das zu wenig.

Nach dem Skandal um die Vergabe von Spenderorganen zieht die Ärzteschaft Konsequenzen. Sie will die Vergaberichtlinien für Organe ändern, pocht auf mehr Transparenz und stärkere Kontrollen in der Transplantationsmedizin. Die Auswahl der Empfänger werde künftig effizienter kontrolliert, kündigte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, nach einem Treffen mit Vertretern von Kliniken und Kassen an.

Welche Möglichkeiten zur Manipulation gibt es derzeit bei der Organspende?

Mehrere Wege sind denkbar. Ein Arzt kann durch gefälschte Labordaten einen Menschen „kränker“ darstellen, als er ist. Damit rückt er auf der Warteliste nach oben. Der Mediziner kann auch einen Spender so krank darstellen, dass seine Organe schwer vermittelbar werden. Wenn sich kein Abnehmer findet, kann es zum beschleunigten Vermittlungsverfahren kommen. Es soll verhindern, dass ein Organ verloren geht. Dann spielt die offizielle Warteliste keine Rolle mehr. Die Klinik entscheidet schließlich, wem sie das Organ einpflanzt.

Wie will man die Manipulations­gefahr dabei verringern?

Durch die Einführung eines Mehraugenprinzips, durch neue Regeln für die beschleunigte Organvergabe, härtere Strafen für Übeltäter und unangekündigte Kontrollen bei den Transplantationszentren.

Wie funktioniert das Mehraugenprinzip?

Es bedeutet, dass nicht mehr ein Arzt allein entscheidet, ob man auf die Warteliste kommt. Das erledigen künftig mehrere Mediziner in Transplantationskonferenzen. Montgomery denkt dabei an einen Laborarzt, der kontrollieren soll, ob die an Eurotransplant gemeldeten Werte korrekt sind.

Verhindert es die Manipulation?

Eine 100-prozentige Sicherheit kann man nie erzielen. Wenn allerdings mehrere Personen eingebunden sind, dann sind Tricksereien durch eine Einzelperson nicht mehr möglich.

Welche Konsequenzen drohen künftig Ärzten bei Manipulation?

Bei „nachgewiesenem schweren ärztlichen Fehlverhalten“ können Ärzte ihre Approbation und Zentren ihre Zulassung verlieren.

Wird es mehr Kontrollen geben?

Ja. Künftig sind verdachtsunabhängige flächendeckende Kontrollen geplant – und zwar ohne Verdachtsmomente. Bislang konnten die Prüf- und Überwachungskommissionen der gemeinsamen Selbstverwaltung erst dann einschreiten, wenn sie Hinweise auf mögliche Manipulationen bekommen haben. Für den verstärkten Einsatz fordert Montgomery mehr Personal und Geld von den Kassen. Er strebt eine bessere Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern an.

Was ändert sich beim beschleunigten Vermittlungsverfahren?

Das Verfahren war einst als Ausnahmeregel gedacht, damit kein Organ verloren geht. Nun gibt es immer mehr beschleunigte Vermittlungen, weil die Spender immer älter werden und deren Organe als schwer vermittelbar gelten. Künftig soll das Vermittlungsverfahren wieder zur Ausnahme werden – durch enge Regeln.

Debatte über Organspenden

Die Details sind noch offen. Der GKV-Spitzenverband etwa fordert, dass bei jeder beschleunigten Vergabe schriftlich festgehalten werden muss, warum eine Vergabe an eine bestimmte Person erfolgt. Diese Begründungen müssten an Eurotransplant gehen.

Was sagen Politiker zu den Plänen?

Für Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und den CSU-Gesundheitsexperten Johannes Singhammer sind sie ein erster Schritt. „Die reichen aber nicht aus“, sagte Singhammer dieser Zeitung und forderte eine staatliche Kontrollinstitution bei der Organspende. Das will die Bundesärztekammer nicht.

Was bringen die Pläne?

Das wird erst die Ausarbeitung zeigen. Zwei Beispiele: Die Prüfkommission will künftig ihre Berichte offenlegen. Schön und gut. Dabei wird es aber darauf ankommen, wie detailliert sie sind. Auch das Mehraugenprinzip ist sinnvoll. Es wäre aber auch beim Organspender nötig, damit niemand in Versuchung kommt, den Geber „kränker“ darzustellen, als er tatsächlich ist.

Wie geht es nun weiter?

Am 27. August gibt es ein Spitzentreffen bei Gesundheitsminister Bahr. Die neuen Richtlinien könnten im September erstellt werden, sagte der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation, Hans Lilie.

Daniel Freudenreich

Kommentare
11.08.2012
11:16
Wie Politiker die Organspende sicherer machen wollen
von Der.Surg | #6

"Politiker" "wollen" "etwas" "machen".
Da graust es mir gleich wieder mal.
"Versager ohne Plan" "streiten sich" irgendetwas - egal was" "zu...
Weiterlesen

Funktionen
Aus dem Ressort
Grüne Abgeordnete fordert "Ehe light" auch für Deutschland
Ehe
Ursprünglich für homosexuelle Paare erdacht, ist die Zivilpartnerschaft "Pacs" in Frankreich gesellschaftlich anerkannt. Modell auch für Deutschland.
Katholische Kirche geht auf geschiedene Mitarbeiter zu
Kirche
Wer geschieden wurde und wieder heiratet, verliert den Job - wenn er bei der katholischen Kirche arbeitet. Nun lockern die Bischöfe das strenge Recht.
Mohammed-Karikaturen - IS bekennt sich zu Anschlag in Texas
Terror-Anschlag
Die zwei Angreifer einer islamfeindlichen Ausstellung in den USA sollen im Auftrag der IS-Terrormiliz gehandelt haben. Als "Soldaten des Kalifats".
Helmut Kohl gewinnt vor Gericht: Buch bleibt verboten
Urteile
Der Bestseller seines früheren Ghostwriters Schwan mit recht rüden Äußerungen des Altkanzlers über andere Politiker darf nicht verkauft werden.
Bleiberecht - Schulz will EU-Flüchtlingspolitik reformieren
Flüchtlinge
Martin Schulz fordert in der EU Quoten für Flüchtlingen. Die müssen sich am jeweiligen Bedarf orientieren. Auch das Bleiberecht solle geändert werden.
article
6966778
Wie Politiker die Organspende sicherer machen wollen
Wie Politiker die Organspende sicherer machen wollen
$description$
http://www.derwesten.de/politik/wie-politiker-die-organspende-sicherer-machen-wollen-id6966778.html
2012-08-09 18:57
Organspende,Medizin,Organe,Ärzte
Politik