Wie Pegida den Jahrestag der Bombennacht nutzen wird

Die Innenstadt von Dresden im Juni 1945. Die massige Ruine des Kaiserpalasts steht noch – und wird 1951 doch abgerissen.
Die Innenstadt von Dresden im Juni 1945. Die massige Ruine des Kaiserpalasts steht noch – und wird 1951 doch abgerissen.
Foto: getty
Was wir bereits wissen
25.000 Menschen starben bei den Luftangriffen 1945 auf Dresden. Rechtsextreme und Pegida-Bewegte werden diesen 70. Jahrestag als Bühne nutzen.

Dresden/Essen.. Der Abendhimmel ist wolkenlos an diesem schicksalhaften Faschingsdienstag. Dresden ist bisher von Luftangriffen verschont geblieben, als am 13. Februar 1945 gegen 22 Uhr das Inferno beginnt. Ausgerechnet Dresden, die prachtvolle Barockstadt an der Elbe, die stolze, traditionsreiche, kunst- und kultursatte Metropole im Osten. Als am 15. Februar die US-Luftwaffe einen letzten Angriff fliegt, ist das einstige Elbflorenz nur noch eine rauchende Trümmerwüste.

Es war einer der schwersten Luftangriffe der Alliierten auf eine deutsche Stadt im Zweiten Weltkrieg. 630.000 Einwohner zählte Dresden, die zu dieser Zeit mit Flüchtlingen aus dem Osten überfüllt war. Bis zu 25.000 Menschen starben im Feuersturm, stellte eine Historikerkommission 2004 fest.

Jeder nutzt das Datum für seine Zwecke

Der 13. Februar 1945 ist der archimedische Punkt der Stadtgeschichte. Es gibt die glorreiche Zeit davor und die trübe danach. Die Zerstörung keiner anderen deutschen Stadt wurde propagandistisch derart ausgeschlachtet wie die der Elbmetropole. Und der 70. Jahrestag bietet sich dafür besonders an.

Politik Es steht zu erwarten, sagt der renommierte Dresdner Historiker Klaus-Dietmar Henke dieser Zeitung, dass Neonazis, Pegida-Bewegte und Gegendemonstranten auf jeweils ihre Weise ein Zeichen setzen wollen. „Es könnte jetzt wieder zu dem Deutungskampf kommen: Wem gehört das Datum?“ Den Rechten oder den Linken, den Wut- oder den Mutbürgern?

Dresden beansprucht Sonderstatus

Was die Lage verkompliziert ist eine Gefühlslage, die sich aus einer selbstgenügsamen Provinzialität sowie der verbreiteten Überzeugung speist, unschuldig zum Opfer geworden zu sein, erklärt Henke, der von 1997 bis 2012 Zeitgeschichte an der TU Dresden lehrte.

„Dresden hat immer einen kulturellen Sonderstatus gehabt“, sagt auch der Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Andreas Zick. Seine Studie nach der Einheit ergab, dass sich viele Dresdner wie Deutsche zweiter Klasse empfinden. „Das Verlustgefühl, das Empfinden, im Vergleich zum Westen abgehängt zu sein, ist stark ausgeprägt. Und das, obwohl es der Stadt gut geht.“ Aber der Anspruch sei eben ein anderer: Uns müsste es besser gehen als den anderen, denn Dresden ist etwas Besonderes.

Viele fühlen sich als Opfer

Die Geschichte der Stadt, ihre einstige Bedeutung und Schönheit, der Stolz der Bürger, die Teilung Deutschlands, die Kränkung nach der Wende, der Aufstieg rechter Gesinnung – all dies vermischte sich zu einer spezifischen lokalpatriotischen Befindlichkeit. Vor allem die Bombennächte schweißen die Dresdner zusammen. Viele fühlen sich immer noch als Opfer eines bis heute ungesühnten Kriegsverbrechens. Henke: „Dieser Opfermythos wirkt bis heute nach und wird instrumentalisiert.“

Pegida Hinzu kommt eine gewisse Neigung zur Nabelschau. So schön und voller Kunst die Stadt ist, so provinziell wird ihr Geist oft von Besuchern empfunden. Auf politischer Seite mag dazu auch eine jahrelange konservative Dominanz und ein Ministerpräsident wie Tillich beigetragen haben, der erst jüngst betonte, der Islam gehöre nicht zu Sachsen, meint Henke. „Wenn ein Stadtbürgertum nicht weltläufig ist, dann in Dresden. Durch Fremdes fühlt man sich gestört.“ Er fügt aber hinzu: „Dieses kleine Karo provoziert auf der Gegenseite aber auch Großmut, wie man sieht.“

Pegida wird das Datum nutzen

Auch den gepflegten Opfermythos sieht Henke kritisch: „Die Stadt war kein unschuldiges Opfer, das ist historisch falsch, auch wenn natürlich viele Bombentote unschuldig waren“, stellt der Historiker klar. „Es gab kriegswichtige Industrie in der Stadt, und sie war in den Endkämpfen im Osten ein ganz wichtiger Verkehrsknotenpunkt.“

In diese vertrackte Stimmungslage rund um den 70. Jahrestag der Bombardierung stößt nun erstmals auch Pegida. Die Vereinsspitze ist zwar zerstritten und die Bewegung mit sich selbst beschäftigt, sagt der Konfliktforscher Andreas Zick. Aber: „Wir werden sehen, dass Teile der Rechtsextremen bei Pegida das zum Anlass nehmen, noch deutlich massiver aufzutreten. Im Kern von Pegida werden sich im Zuge des historischen Datums die Rechten Platz verschaffen“, meint der Forscher. Die Stadt stehe vor einer neuen Zerreißprobe.

Heiligabend 1944 Auch das Ruhrgebiet lag in Trümmern

Auch die Städte an Rhein und Ruhr wurden durch alliierte Bomben in großen Teilen zerstört. Die Angriffe erreichten bei der fünfmonatigen Luftoffensive, die als „Schlacht um die Ruhr“ bekannt wurde, ihren Höhepunkt. Auftakt war die Bombardierung Essens im März 1943. Ende Oktober 1944 flogen über tausend britische Bomber die Stadt an. Bis Kriegsende wurde das Ruhrgebiet immer wieder Ziel der Bomber. Tausende Menschen starben – dennoch entstand im Ruhrgebiet nie ein ähnlicher Opfermythos wie in Dresden. Warum nicht?

Der Sozialhistoriker Prof. Stefan Berger, Leiter des Instituts für soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum, sieht dafür mehrere Gründe. Zum einen: „Das Ruhrgebiet wurde im Laufe des Krieges immer wieder angegriffen. Dresden aber wurde mit einem Schlag zerstört, die Stadt ging in einer Nacht unter.“ Es war ein einzelnes Großereignis, das sich in das Gedächtnis der Menschen mit großer Symbolkraft einbrannte.

Im Revier entwickelte sich aber kein Opfermythos

Zudem herrscht im Ruhrgebiet eine ganz andere Stadtkultur als in Dresden, historisch stärker geprägt durch ein Arbeiter- als durch ein Bürgermilieu, das im Revier zudem durch Zuwanderung offener und toleranter Fremden gegenüber war und ist. Dies sei auch ein Grund dafür, warum Pegida kaum Fuß fassen könne, „obwohl es auch hier neofaschistische Gruppen gibt“, so Berger. „Aber es fehlt ihnen das Hinterland, es gelingt nicht wie im Osten, Tausende Bürger auf die Straße zu bringen.“

Ein weiterer Grund: Im Ruhrgebiet, vermutet Berger, war der „Opfermythos“ bereits durch eine andere Tradition besetzt, die eng mit der industriellen Vergangenheit der Region verknüpft ist. Hier schlug das wirtschaftliche Herz des Landes, man hat schwer geschuftet, viel durchlitten – das schweißte die Menschen zusammen, daraus speiste sich ihr Selbstverständnis. Berger: „Die Identität im Ruhrgebiet ist in weiten Teilen mit Kohle und Stahl verbunden und befasst sich nicht zuerst mit dem Zweiten Weltkrieg und den Bombenangriffen. Das ist in Dresden anders.“