Wie nach einer Verjüngungskur

Keine drei Monate her, da galt Barack Obama nach der krachenden Niederlage seiner Demokraten bei den Halbzeitwahlen im Kongress bereits als abgemeldet: lahme Ente. Nach seinem jüngsten Rechenschaftsbericht zur Lage der Nation erscheint der von positiven Wirtschaftsdaten getragene amerikanische Präsident dagegen wie nach einer Verjüngungskur: kämpferisch und entschlossen. Wie das funktioniert? Auto-Suggestion. Einbildung.

Mögen die Herzen europäischer Sozialdemokraten auch höher schlagen angesichts der Umverteilungsversprechen Obamas, die von Erhöhung des Mindestlohns, bezahltem Mutterschaftsurlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, flächendeckender Kinderbetreuung, höheren Steuern für Schwer- und Schwerstreiche bis hin zu kostenloser College-Ausbildung reichen: Ein stramm republikanisch dominierter Kongress, der bei fast allen Themen auf der Gegengeraden läuft, wird den Mann im Weißen Haus schon sehr bald auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Die Verlängerung der politischen Grabenkämpfe bis zum Wachwechsel im Januar 2017 ist programmiert.

Dass Obama ausschließlich die erogenen Zonen des in die Minderheit gewählten demokratisch gesinnten Volkskörpers streichelte, wird beim anderen Teil Muskelversteifungen auslösen. In Obamas Ruck-Rede fehlte ein Friedensangebot an die Mehrheitspartei. Wenn Politik die Kunst des Machbaren ist, hat sich dieser Präsident endgültig ins Fantasialand verabschiedet.