Wie Katrin Göring-Eckardt auf Glaubwürdigkeit setzen will

Katrin Göring-Eckardt. Der Wahlkampf wird das nächste Jahr auch ihren Alltag bestimmen. Die Frau aus Thüringen ist unter den Spitzen-Grünen der pastorale Typ.
Katrin Göring-Eckardt. Der Wahlkampf wird das nächste Jahr auch ihren Alltag bestimmen. Die Frau aus Thüringen ist unter den Spitzen-Grünen der pastorale Typ.
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Was wir bereits wissen
Die Spitzenkandidatin der Grünen ist für die Öffentlichkeit der pastorale Typ. Seit 2005 ist sie Vizepräsidentin des Bundestages. Privat schätzt es Katrin Göring-Eckardt sehr, immer wieder auf den Boden der Realität zu kommen. Die Kinder, der Kontakt zu anderen Eltern, habe sie regelmäßig geerdet. 2013 wird auch für sie ein anstrengendes Jahr.

Berlin.. Mehrmals in der Woche geht sie jobben, „um Ruhe zu finden“., erzählt Katrin Göring-Eckardt, die Spitzenkandidatin der Grünen, beim Besuch im Berliner Büro der WAZ-Gruppe. Wenn sie dies auch im Wahlkampf durchhalte, „dann war das ein gutes Jahr“. Die 46-Jährige wurde im November durch Urwahl der Partei neben Jürgen Trittin zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013 nominiert.

Unter den Spitzenkandidaten ist die Grüne der pastorale Typ. Ein Gespräch über die Kraft, die in der Ruhe liegt, und über Glauben in der Politik.

Frau Göring-Eckardt, im Wahljahr lassen Sie Ihr Amt als Präses der Synode der Evangelischen Kirche ruhen. Warum eigentlich?

Katrin Göring-Eckardt: Ich habe darum gebeten. Ich wollte nicht, dass sich die Leute bei jeder Äußerung fragen, ‚Sagt das jetzt die Politikerin oder die Kirchenfrau?’ Gleichzeitig ist die Evangelische Kirche eine, die bewusst will, dass Christinnen und Christen sich in die Politik einmischen.

Ihr Vorsatz für 2013?

Göring-Eckardt: Das klingt vielleicht pathetisch, aber ich wünsche mir, dass ich im Wahlkampf erkennbar bleibe als die, die ich bin.

Wie wichtig wird Glaubwürdigkeit im Wahlkampf?

Göring-Eckardt: Glaubwürdigkeit wird eine entscheidende Rolle spielen. Das heißt auch, nicht immer auf alles eine fertige Antwort zu haben, sondern mit den Bürgerinnen und Bürgern in einen Dialog über die besten politischen Konzepte zu treten.

Warum besitzen ostdeutsche ­Protestanten wie Angela Merkel, Joachim Gauck und Sie ein so ­starkes politisches Durchsetzungsvermögen?

Göring-Eckardt: Tja… (Pause). Vielleicht liegt es an der Arbeit in der evangelischen Kirche in der DDR. In den Synoden konnte man freier diskutieren, und schon mal Demokratie lernen.

Evangelische Kirche Ich wollte mich jedenfalls immer schon einmischen. Es gab sogar eine ganz kurze Phase, wo ich in Konfrontation zu meinem Vater überlegt habe, in die Partei einzutreten, um von innen zu verändern. Das war aber sehr schnell vorbei…

Welche Rolle spielt Ihr Glaube im politischen Alltag?

Göring-Eckardt: Also, es nicht so, dass ich morgens meinen Bibelvers lese und weiß, wie ich nachmittags abstimmen muss. Im Gegenteil: Als ich, die ostdeutsche Pazifistin, 1999 über den Militäreinsatz im Kosovo abstimmen musste, war das für mich nicht einfach ein Gegensatz. Für mich war es die schwerste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Am Ende hat mich ein Flüchtling beeinflusst, der in unserer Nähe wohnte und sagte: ‚Wenn ihr uns im Stich lasst, dann bedeutet das für uns den Tod.’

Ist die Pazifistin abgestumpft?

Göring-Eckardt: Es ist einfacher, Pazifist zu sein, wenn man keine Entscheidungen in der Regierung treffen muss.

Sind gläubige Politikerinnen und Politiker besonnener?

Göring-Eckardt: Nein, aber es ist beruhigend zu wissen, dass es etwas Größeres gibt als das, was uns als Politiker gerade umtreibt. Und wir können sonntags in die Kirche gehen und eine Stunde lang Dinge tun, die uns immer wieder zur Besinnung bringen.

Ihr Etikett lautet: christlich und wertkonservativ. Auch: Feministin?

Göring-Eckardt: Ja. Der springende Punkt war die Frauenquote. Nach 1989, bei den Verhandlungen zwischen Bündnis 90 und den Grünen, dachte ich noch: Quote? Ist das nötig?! Ich war sicher: Gute Frauen setzen sich durch. Ein dreiviertel Jahr später war ich vehement für die Quote

Ihre Söhne sind 1989 und 1991 geboren, da waren Sie Anfang zwanzig. Haben Sie je gedacht: Ohne die Kinder hätte ich mehr Beinfreiheit?

Göring-Eckardt: Sicher, ich war oft hin- und her­gerissen. Und ein schlechtes ­Gewissen den Kindern gegenüber kenne ich auch. Aber ich war immer heilfroh, Mutter zu sein.

Sozialpolitik Das hat mich immer wieder auf den ­Boden der Realität geholt. Beim ­Elternabend, zum Beispiel, merkt man ja sehr gut, welche Probleme auch noch anstehen. Es hat mir jedenfalls gut getan, dass ich an den Wochenenden nicht zwei Tage Wellness gemacht habe, sondern drei Tage Familienprogramm.

Mit Ihnen an der Spitze können auch Leute ihre Partei wählen, die ihr noch nie grün waren – so die Hoffnung. Was sind das für Leute?

Göring-Eckardt: Das sind oft wertorientierte, aber auch sehr engagierte Menschen. Sie wollen die Schöpfung bewahren, aber auch Verantwortung für ihre Nachbarn übernehmen – im eigenen Viertel und am anderen Ende der Welt. Für diese Menschen bin ich offenbar vertrauen­erweckend und glaubwürdig.

Wieso gerade Sie?

Göring-Eckardt: Nicht nur ich, aber ich spreche ­vielleicht Leute an, die mit der ­Geschichte der Grünen fremdeln. Ich war nicht vor 1989 in Westdeutschland und ich habe ­bestimmte Konflikte dort nicht ausgetragen.

Grüne Aber auch in NRW sind wir zu 50 Prozent wegen der Sozialpolitik gewählt worden. In Baden-Württemberg war das ähnlich, in Schleswig-Holstein haben wir Wahlen mit dem Begriff Heimat gewonnen. Und auch meine Wahl steht dafür.

In NRW schaut man mitunter ­neidisch auf den Aufbau Ost, während im Revier Städte verfallen. Wäre es nicht längst Zeit für einen Aufbau West?

Göring-Eckardt: Natürlich gibt es im Osten Städte, denen es richtig gut geht, aber auch Bereiche, wo die Arbeitslosigkeit höher ist als in Teilen des Ruhrgebiets. Wir brauchen künftig aber weder den Aufbau West noch Ost. Wir müssen einzelne Regionen fördern, die im Umbruch sind.

Und wir müssen den Kommunen helfen. Es kann nicht sein, dass sie immer weniger finanziellen Spielraum haben und immer mehr Aufgaben bekommen. Wir wollen sie entlasten, gerade dort, wo sie durch steigende Sozialausgaben überproportional belastet werden. Denn nur starke Kommunen garantieren ein gutes Leben vor Ort.

Was haben Sie, was Claudia Roth nicht hat?

Göring-Eckardt: Von mir heißt es immer, ich sei ganz ruhig. Claudia Roth ist leidenschaftlich – zumindest, was ihre Auftritte angeht. Aber man kann sich auch mit Ruhe durchsetzen.

Über 60 Prozent der jungen Wähler wünschen sich Angela Merkel als Kanzlerin. Was ist da los?

Göring-Eckardt: Sie wirkt glaubwürdig und volksnah und vermittelt den Eindruck, sich zu kümmern. Dabei ist ­allerdings viel Schein statt Sein, das werden wir im Wahlkampf deutlich machen.