Wie Islamisten in Deutschland gezielt Flüchtlinge ansprechen

Der Salafistenprediger Pierre Vogel hat per Twitter Tipps für Gleichgesinnte gegeben, wie gezielt Flüchtlingen anzusprechen sind.
Der Salafistenprediger Pierre Vogel hat per Twitter Tipps für Gleichgesinnte gegeben, wie gezielt Flüchtlingen anzusprechen sind.
Foto: © epd-bild / Thomas Lohnes
Der Angreifer von Würzburg kam als Flüchtling nach Deutschland. Ließ er sich von der Propaganda der Islamisten zu der Tat verleiten?

Berlin.. In seinem Zimmer hing eine selbst gemachte IS-Flagge. Augenzeugen zufolge rief er „Allahu Akbar“, als er mit einer Axt über Zug-Passagiere herfiel. Erhärten sich diese Informationen über den 17-jährigen Afghanen, der am Montagabend bei Würzburg bei seiner Attacke in einem Regionalzug mehrere Menschen verletzte, dann hat es Deutschland möglicherweise erstmals mit einem neuen Phänomen zu tun, das schon bei dem Massenmord von Nizza erkennbar war: Ein bis zum Anschlag unauffälliger Einzeltäter, der sich offenbar selbst radikalisierte und unvermittelt und ohne großen Planungsaufwand losschlägt.

In Deutschland warnen Sicherheitsbehörden seit längerem vor radikalisierten Einzeltätern. Als eine der treibenden Kräfte dieser Entwicklung gilt der IS, der seine Anhänger in Europa dazu aufruft, als Vergeltung für die Luftwaffen-Einsätze gegen seine Kämpfer in Syrien und im Irak wahllos „Ungläubige“ anzugreifen.

Wer ist der Angreifer von Würzburg?

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zufolge handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 17-Jährigen aus Afghanistan, der vor etwa zwei Jahren als sogenannter „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ nach Deutschland gekommen ist. Seit vergangenem Jahr war er als Asylbewerber registriert. Er lebte seit März zunächst in einer Flüchtlingseinrichtung in Ochsenfurt, im Landkreis Würzburg. Vor etwa zwei Wochen soll er in einer Pflegefamilie untergebracht worden sein.

Ein Schriftstück des Täters lege den Verdacht nahe, dass sich der junge Mann „in letzter Zeit selbst radikalisiert hat“, sagte Herrmann. Nun müsse dringend geklärt werden, wie es sein könne, „dass jemand, der nach Wahrnehmung seiner Mitmenschen bislang eigentlich eher unauffällig war und auf keinen Fall als radikal erschien, sich mutmaßlich in kurzer Zeit dann plötzlich umorientiert“.

Die Spur zum Islamischen Staat

Bei der Durchsuchung seines Zimmers wurde eine handgemalte IS-Flagge gefunden. Die IS-nahe Agentur Amak verkündete wenige Stunden nach dem Angriff, der 17-Jährige sei ein Kämpfer der Extremisten-Miliz. Zuletzt hatte die Agentur islamistisch motivierte Angriffe für den IS reklamiert, auch wenn direkte Kontakte zwischen Täter und Miliz nicht belegt werden konnten. Es ist durchaus möglich, dass der IS gleichsam als Trittbrettfahrer Gewalttaten für sich in Anspruch nimmt.

Islamisten sprechen gezielt Flüchtlinge an

Nicht ausgeschlossen ist auch, dass der 17-Jährige in Deutschland der Propaganda gewalttätiger Islamisten auf den Leim ging. Es wäre nicht das erste Mal. „An mehreren Orten haben Islamisten versucht, Kontakte zu Flüchtlingen herzustellen“, heißt es beim Bayerischen Landeskriminalamt. „Mehrere islamistische Organisationen haben gezielt dazu aufgerufen, den Kontakt zu Flüchtlingen zu suchen, darunter sind auch salafistische Gruppierungen.“

Und weiter heißt es beim LKA: „Eine Gefahr besteht insbesondere für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die ohne Eltern und Verwandte nach Deutschland gekommen sind und somit besonders nach sozialer Nähe suchen.“ So wie der Angreifer von Würzburg.

Als Beleg für das Vorgehen der Islamisten führen die Ermittler eine Twitter-Nachricht des bekannten Salafistenführers Pierre Vogel an, die inzwischen gelöscht ist. Darin ruft er Gleichgesinnte dazu auf, mit Flüchtlingen Kontakt aufzunehmen und gibt Tipps, wie das geschehen kann: „Bildet Teams in eurer Umgebung! Macht alle Flüchtlingsunterkünfte in eurer Umgebung ausfindig! Besucht die Flüchtlingsunterkünfte und macht euch kundig!“

Die Parallelen zu Nizza

Auch wenn das Ausmaß und die Folgen der Axt-Attacke von Franken nicht mit dem Anschlag von Nizza in der vergangenen Woche vergleichbar sind – Parallelen könnte es doch geben. Beide Angreifer waren den Behörden zuvor nicht als religiöse Eiferer oder gar potenzielle islamistische Gewalttäter aufgefallen. Sie verwendeten keinen Sprengstoff für ihre Taten, sondern „Waffen“ aus dem Arsenal des Alltags. In Nizza ein Lastwagen, in Bayern eine Axt und ein Messer. In beiden Fällen verbuchte zudem die Agentur Amak die Tat für den IS.

Für die Sicherheitsbehörden ist dieser Typ eines Einzeltäters, der gleichsam aus dem Nichts heraus aktiv wird, ein Albtraum. Die Fahnder haben kaum eine Chance, vor einem möglichen Anschlag einzugreifen. Es gibt keine ausgefeilte Planung, die Spuren hinterlassen könnten, und es gibt auch keine Treffen mit Komplizen, die Polizei oder Geheimdiensten auffielen. Auch die riskante Beschaffung von Waffen – siehe oben – fällt weg. (mit dpa/rtr)