Wie glaubwürdig ist Alois Mannichl?
24.01.2009 | 16:36 Uhr 2009-01-24T16:36:00+0100
Essen/München. Im mysteriösen Fall des Passauer Polizeidirektors verflüchtigt sich allmählich die Theorie vom Neonazi-Täter. Die Ergreifung des Täters schien nur eine Frage von Tagen. Fünfeinhalb Wochen später ist alles anders. Wird der Fall jemals aufgeklärt?
Es war nicht irgendeine Allerwelts-Tätowierung, die eine Zeugin im Fall Alois Mannichl an einem cirka 30 bis 40 Jahre alten, glatzköpfigen Mann mit bulligem Nacken erkannt haben wollte. "In Form einer grünen Schlange hinter dem linken Ohr - nach vorn in Richtung Schläfe verlaufend - mit ausgestreckter, roter Zunge" - so und nicht anders habe sie ausgesehen. Und so und nicht anders schrieb es die Passauer Polizei in einem ihrer ersten Fahndungsaufrufe, die zur Klärung einer Tat führen sollen, die erst bundesweit Entrüstung mobilisierte und heute nur noch Stirnrunzeln auslöst.
Rund um den 13. Dezember 2008 schien die Ergreifung der oder des seinerzeit einzig im rechtsextremen Milieu gewähnten Täters, der den Passauer Polizeidirektor vor dessen Wohnung in Fürstenzell mit einem Messer niedergestochen hatte, nur eine Frage von Tagen. Fünfeinhalb Wochen später ist alles anders. Wird der Fall jemals aufgeklärt?
Die NPD kriegt wieder Oberwasser
Die Ermittler des inzwischen federführenden Landeskriminalamtes in München suchen jedenfalls nicht mehr nach Verdächtigen mit überaus auffälligen Tattoos. Die Zeugin, nun ja, sie soll sich unglaubwürdig gemacht haben. Darum: "Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen bestehen keine hinreichenden Anhaltspunkte mehr, dass diese Personengruppe im Zusammenhang mit dem versuchten Tötungsdelikt an Polizeidirektor Alois Mannichl steht", zitiert LKA-Sprecher Karl-Heinz Segerer im NRZ-Gespräch aus einer offiziellen Mitteilung. Viel mehr will er nicht sagen. Am liebsten will er gar nichts sagen.
Stattdessen redet die rechtsextremistische NPD, die andere Sorgen hat; etwa einen Bundesvorsitzenden Udo Voigt, gegen den die Münsteraner Staatsanwaltschaft wegen Parteienspenden-Schmu ermittelt. Pressesprecher Beier ließ am Donnerstag eine Meldung verbreiten, die an Häme über die bisher erfolglose Arbeit der Polizei im Fall Mannichl kaum zu überbieten ist.
Tenor: All jene (vor allem in den Medien...), die allzu fix einen neobraunen Hintergrund für die Tat vermuteten, stünden heute als Täter in einer "Hetzjagd gegen die nationale Opposition" da. Anstatt weiter im NPD/Neonazi-Revier zu wühlen, so Beier, sollten die Ermittler lieber mal nachschauen, ob Mannichls Stichwunde in Wahrheit nicht viel harmloser war als dargestellt - und ob dessen medial ausführlich berücksichtigter Krankenhausaufenthalt womöglich unnötig verlängert wurde. Dass der Täter laut Alois Mannichl "Schöne Grüße vom nationalen Widerstand. Du trampelst nicht mehr auf den Gräbern unserer Kameraden herum" gerufen haben soll, bevor er zustach, war der NPD keine Silbe wert.
500 Hinweise und keine heiße Spur
Das LKA in München darf das nicht weiter kümmern. Die 50-köpfige Sonderkommission hat es inzwischen mit fast 500 Tipps aus der Bevölkerung zu tun, nicht aber mit einer auch nur ansatzweise heißen Spur. Auch darum wohl wurde jetzt die Belohnung für substanzielle Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens auf ungewöhnliche 20 000 Euro erhöht. Aber das ist nicht alles.
Mit dem kompletten Fahndungsrückzieher, es ging wochenlang um eine fünfköpfige Gruppe von möglichen Tatkomplizen, hat die Polizei selbst die Theorie durchlöchert, dass es sich gewiss um einen Racheakt von Rechtsextremisten handelt. Hintergrund: Mannichl hatte im Sommer 2008 beim Begräbnis eines in der Szene bewunderten AltNeonazis in Passau hart durchgreifen lassen - bis hin zur Öffnung des Grabes nach der Beerdigung. Tatsache ist: Vorübergehend festgenommene Mitglieder und/oder Sympathisanten der Münchener Neonazi-Szene (Freie Nationalisten) wurden in den vergangene Wochen allesamt wieder auf freien Fuß gesetzt.
Familiärer Hintergrund nicht ausgeschlossen
Statt (wie am Anfang offensichtlich geschehen) allein einen politischen Hintergrund zu vermuten, ermittelt das Landeskriminalamt seit Tagen schon in alle Richtungen. Dazu gehört auch die Möglichkeit eines familiären Hintergrunds (sprich: Beziehungstat), den Alois Mannichl jüngst gegenüber einer Heimatzeitung "wütend" abstritt. Zudem soll ein rechtsmedizinisches Gutachten die Messerverletzung Mannichls haarklein rekonstruieren. Grund: Hier haben sich gewisse Widersprüche aufgetan.
Beispiel: Aus Polizeikreisen sickerte kürzlich durch, dass Mannichl dem unbekannten Täter mit dem im Bauch steckenden Messer sogar noch einige Meter gefolgt sein soll, bevor er sich die Klinge selbst herausgezogen habe.
Das Messer gibt noch immer Rätsel auf
In der ersten Version, die den Tatablauf als Sekundenerlebnis schilderte, war davon nicht die Rede. Überhaupt, das Messer. Es stellt die Ermittler vor gewaltige Rätsel. Es stammt aus Mannichls eigener Küche und soll wenige Tage vor der Tat auf einem Fensterbrett im Freien vergessen worden sein. Dort soll es sich der Täter gegriffen und zugestochen haben. Allein, bis heute wurden keinerlei aussagekräftige Spuren an dem Messer sichergestellt.
Für Irritationen sorgte zudem, dass erst das LKA drei Wochen nach der Bluttat das Wohnumfeld Mannichl intensiv etwa auf Zigarettenstummel absuchen ließ. Die lokale Polizei vor Ort hatte diese Tatortuntersuchung verabsäumt. Das bedrückendste Detail will hingegen in München derzeit niemand offiziell kommentieren. Aber ein Fahnder stellt es im Gespräch nüchtern fest: "Mannichls Glaubwürdigkeit steht auf dem Prüfstand." (NRZ)
