Wie die Polizei im Darknet die Täter 4.0 jagt

Das dunkle Netz, das Darknet, will sich allen staatlichen Ermittlungen entziehen. Beim Bundeskriminalamt beschäftigen sich über 140 Mitarbeiter mit der Aufdeckung von Cyber-Kriminalität. Sie stehen 20 solcher Netze gegenüber.
Das dunkle Netz, das Darknet, will sich allen staatlichen Ermittlungen entziehen. Beim Bundeskriminalamt beschäftigen sich über 140 Mitarbeiter mit der Aufdeckung von Cyber-Kriminalität. Sie stehen 20 solcher Netze gegenüber.
Foto: Nicolas Armer/Archiv
Was wir bereits wissen
Das Darknet bietet Kriminellen neue Vertriebswege und neue Chancen, Geschäfte zu organisieren. Die Gesetzeshüter verschärfen die digitale Fahndung.

Berlin.. Holger Münch ist seit sieben Monaten Deutschlands oberster Polizist. Der 53-Jährige Bremer hat es nicht bereut, der neue Chef des Bundeskriminalamtes (BKA) zu werden. Die Arbeit macht ihm Spaß, sagt er. Nur manchmal ärgert es ihn, wenn er darüber nachdenkt, dass nicht wenige Polizeidienstellen in Deutschland ein sichergestelltes Handy auf den Kopierer legen müssen, um ein digitales Bild für die Akten zu erhalten. Mehr Technik geht dann eben immer noch nicht.

Darknet Dabei wird Münch doch der BKA-Chef 4.0 sein. Einer, der es mit ganz neuen Spielarten von Kriminalität zu tun bekommt. Mit Cyber-Crime wie bei Sabotageangriffen auf Bankkonten, Kraftwerken, Hochöfen oder den Bundestag. Mit Absprachen von Tätern, die sie per Skype-Telefonie machen. Vor allem mit dem Schwarzmarkt des dritten Jahrtausends. Das ist das Darknet.

Darknet - ein idealer digaler Raum für Kriminelle

Das dunkle Netz, das sich allen staatlichen Ermittlungen entziehen will, sei „zwischenzeitlich einer der maßgeblichen Räume für alle Arten von Kriminalität“, sagt Münch. Dort gebe es – jenseits von Einkaufsportalen wie E-Bay, Amazon und Zalando im offenen Netz – verschlüsselte „Angebote von Kinderpornografie über Waffen, Rauschgift bis zur Schadsoftware“.

Internet-Kriminalität Krasse Vergewaltigungs-Bilder werden dort angeboten, von denen die Ermittler nicht einmal wissen, ob sie im Einzelfall gestellt sind oder eben den realen Missbrauch wiedergeben. In Amerika sind schon Auftragskiller im digitalen Warenkorb vermittelt worden. US-Gerichte haben die Gefahr erkannt und gehen knallhart gegen die Betreiber der Netzwerke vor. Ross Ulbricht, Gründer der Drogenhandelsplattform Silk Road, ist jetzt zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte zwei Millionen Dollar umgesetzt. Im Monat.

140 Ermittler gegen 20 Netze

Die Herausforderung wird in der Wiesbadener BKA-Zentrale sehr ernst genommen. Über 140 Mitarbeiter beschäftigen sich dort mit der Aufdeckung von Cyber-Kriminalität. Sie stehen 20 solcher Netze gegenüber, die nach vorliegenden Erkenntnissen in Deutschland operieren.

Deren Nutzer gehen „konspirativ“ vor, sagt Münch. Sie kommunizieren mit „Nicknames“, nutzen Anonymisierungsdienste, zahlen in der digitalen Kunstwährung Bitcoin und verschlüsseln ihre Botschaften, Angebote und Kaufverhandlungen extrem gut. Bis zu 70 Prozent der Botschaften, so die derzeit bittere Erkenntnis im BKA, sind kaum zu knacken. Es sei eine neue Tätergeneration. Mit neuen technischen Kompetenzen.

Wenn Kriminalität zur Dienstleistung wird

Die macht damit reales Geld: Für die Beschaffung eines illegalen Kontos werden schon mal 3000 Euro genommen. Drogen entsprechen dem Preis im gemeinen Straßenhandel oder sind etwas teurer, in der Substanz aber oft reiner.

Darknet Dabei ist die Darknet-Herausforderung nicht einmal das Ende der absehbaren Entwicklung. Die Täter 4.0 werden ihre Verbrechen nicht nur getarnter, sondern auch viel arbeitsteiliger planen. Der BKA-Chef spricht von „Crime-as-a-service“ (Kriminalität als Dienstleistung) als dem künftigen Geschäftsmodell von Mafia-Paten und Unterwelt: Handlangerdienste, Instrumente und Angreifer-Software zur Begehung von Straftaten werden zugekauft.

Der Osnabrücker Strafrechtler Prof. Arndt Sinn hat sich damit beschäftigt. Sinn: „‚Crime-as-a-service’ bedeutet, dass die traditionellen Strukturen krimineller Netzwerke durch Modelle von individuellen Dienstleistungen abgelöst werden“. Gruppierungen der Organisierten Kriminalität könnten so über das Internet anonymer als bisher Straftaten begehen.

Attacke auf die Boombranchen

Ein Straftaten-Katalog der europäischen Polizeibehörde Europol, an dem Sinn maßgeblich mitgearbeitet hat, nennt Geschäftsfelder, die das besonders treffen wird: Logistik- und Transportunternehmen, die ihre Prozesse zunehmend digital steuern und dabei riskieren, dass ganze Warenströme durch Manipulationen „umgeleitet“ werden. Und die wegen der alternden Gesellschaft boomenden Branchen Gesundheit und Arzneien, die für Fälschungen und illegale Lieferungen anfällig sein werden. Sinn schließt sogar nicht aus, dass am Ende „hybride“ Täter das Netz für Arbeit auf sehr unterschiedlichen Feldern nutzen könnten: „Am Tag Terrorist und in der Nacht Zigarettenschmuggler“.

Hacker-Angriff Das alles werde den Ermittlungsbehörden große Probleme bereiten, warnt Sinn. Sie müssten mehr als heute „die schwarzen Schafe von den grauen und den weißen unterscheiden“. Einerseits. Andererseits: Auch der Polizei könne einiges leichter fallen. Sie könne den „Dienstleistern“ von Straftaten selbst Deals anbieten. Einen Strafnachlass über eine Kronzeugenregelung zum Beispiel - wenn sie bereit sind, auszupacken. Auch solche Angebot kann man digital unterbeiten ...