Wie die Menschen im Donbass ums Überleben kämpfen

Kriegsalltag in der Ostukraine: Ein Junge spielt im improvisiertem Schutzraum des örtlichen Kulturzentrums von Mironowski nahe Donezk.
Kriegsalltag in der Ostukraine: Ein Junge spielt im improvisiertem Schutzraum des örtlichen Kulturzentrums von Mironowski nahe Donezk.
Foto: dpa
Von Waffenstillstand keine Spur: Der Alptraum für die Zivilbevölkerung im Donbass geht weiter. Hunger, Grippe und Kälte schwächen die Menschen.

Mironowski.. Hinter dem evangelischen Gebetshaus an der Donezker Straße liegt ein Toter. Jemand hat ein rotes Tischtuch über ihn gelegt, jemand anders hat ihm die Stiefel ausgezogen. „Er hatte gefütterte Plastikstiefel, solche wie ich“, erzählt der grauhaarige Walera. „Und mich hat ein Splitter der gleichen Granate erwischt, aber ich habe nur einen Schlag gegen den Arm abgekriegt.“ Der Leichnam trägt grobe graue Wollsocken, mit einem großen Loch an der Ferse, durch das die Haut seines Fußes schimmert, der Tod hat sie gelb gefärbt.

Das Städtchen Mironowski liegt 14 Kilometer nördlich des von Separatisten weitgehend eingenommenen Debalzewos, es liegt auf dem Hauptschlachtfeld des gescheiterten Waffenstillstandes, der Sonntagnacht in der Ostukraine beginnen sollte. Um Mironowski tobt weiter der Krieg, aus allen Himmelsrichtungen rumsen die Abschüsse ukrainischer Batterien, ab und zu zerreißen Einschläge feindlicher Geschosse den eisgrauen Himmel. Zwei Kilometer westlich der Stadt lodert ein 60 Meter hohes Feuerinferno – eine Gaspipeline ist in Brand geraten.

Seit drei Wochen ohne Strom

Ein Greis im Halbpelz trägt eine leere Einkaufstasche über den Rathausplatz. „Kein Brot, die Geschäfte sind geschlossen, kein Wasser, kein Strom, kein Gas, keine Heizung“, fasst er die Lage zusammen. „Keine Medikamente. Und die Frau liegt krank zuhause.“

Auf der Trasse nach Debalzewo rollen Schützenpanzer und Reisebusse mit ukrainischen Soldaten. Mironowski aber lebt seinen eigenen Albtraum. „Seit dem 22.“, sagen die Leute hier. Am 22. Januar wurde die Stromverteilerstation in Brand geschossen, danach fielen auch die Gasleitung und das Heizwerk aus, der Krieg hängt eisig, schwarz und blutig über den ramponierten Plattenbauten der Stadt.

Mit Kerzen und Kanonenöfen gegen Dunkelheit, Kälte und Grippe

Keiner hier weiß, wie viele der 8000 Einwohner noch in Mironowski ausharren, keiner weiß, ob die Bomben weniger oder doch schon mehr als zehn Tote gefordert haben. Die Stadt ist in ein paar Luftschutzkeller und ihre Bewohner zerfallen. Männer und Frauen haben Plastikflaschen mit Wasser, Decken, Matratzen und Lebensmittel zusammen getragen. Und sie kämpfen mit Kanonenöfen und Kerzenstumpen gegen Dunkelheit, Kälte und den Grippevirus, der halb Mironowski befallen hat.

Der größte Keller ist unter der Technischen Berufsschule, seine Bewohner haben sogar einen Dieselgenerator aufgestellt, aber mangels Treibstoff liefert er nur drei Stunden am Tag Licht. „Wir lassen nur russische Journalisten rein!“, rufen die Leute am Eingang. „Weil nur das russische Fernsehen die Wahrheit über uns zeigt.“ Die Leute beklagen sich bitter über die ukrainischen Truppen, die ihre eigene Stadt zerschössen, Wohnungen und Geschäfte ausplünderten. Aber sie schelten auch die Journalisten: „Ihr verdient euer Geld mit unserem Unglück“, beklagt sich Tamara Iwanowna, eine hochgewachsene Englischlehrerin, die mit einem schwachen Lidschatten um ein bisschen Zivilisation kämpft. „Wieso bringt ihr nicht wenigstens Lutschbonbons und Fieberzäpfchen für unsere kranken Kinder mit?“

Auch die Zivilisten teilen sich auf in feindliche Lager

Auch im Nachbarwohnblock windet sich das Blechrohr eines Kanonenofens aus dem Kellerfenster, aber in diesem Luftschutzkeller führt Tante Nadja, eine hagere Rentnerin das Kommando: „Wir mögen hier keine russischen Journalisten, das russische Fernsehen lügt.“ Hier seien alle Ukrainer und wollten Ukrainer bleiben. „Was hat die russische Armee in der Ukraine zu suchen? Sie soll verschwinden!“ Tante Nadja glüht vor Patriotismus, führt uns wieder auf die Straße, zum nächsten Rohr eines Raketenblindgängers, dass im steilen Winkel aus dem Bürgersteig ragt: „Sehen sie, die Rakete ist südöstlicher Richtung gekommen, die haben die Russen abgeschossen.“

Die Geschütze, die Donezker Rebellen, russische Kanoniere oder die Ukrainer auf der anderen Seite bedienen, lassen weiter Stahl auf Dutzende Städtchen und Dörfer bei Debalzewo regnen. Keiner hat mit ihrem Abzug begonnen, dessen Start das Minsker Waffenstillstandsabkommen auf Montag festgesetzt hat. Die Rebellen wollen die Stadt weiter vollständig einkesseln, die Ukrainer wollen das verhindern. So werfen sich beide Parteien zu Recht vor, das neue Waffenstillstandsabkommen von Anfang an zu brechen.

Niemand kümmert sich um die Leiche hinter dem Gebetshaus

Die Krieger träumen vom Sieg, das Leben der Zivilisten aber wird immer hilf- und hoffnungsloser. Der Tote hinter dem evangelischen Gebetshaus liegt jetzt fünf Tage dort. Warum ihn niemand beerdigt? Die Leute sagen, man kenne die Angehörigen nicht, der Bürgermeister kümmere sich auch nicht…

Nur wenige Meter von der Leiche unter dem roten Tischtuch quellen drei Müllcontainer über. Ein großer, gelber, herrenloser Hund schnüffelt dort herum. „Nehmen Sie sich in Acht“, ruft der alte Valera. „Die Hunde und Katzen werden hier noch Jagd auf die Menschen machen.“

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE