Wie die EU den Kampf gegen resistente Keime verstärken will

Politiker und Mediziner kritisieren den massenhaften vorbeugenden Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. Dadurch werden immer mehr Bakterien resistent. Tausende Menschen sterben jedes Jahr, weil Antibiotika nicht mehr wirken.
Politiker und Mediziner kritisieren den massenhaften vorbeugenden Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. Dadurch werden immer mehr Bakterien resistent. Tausende Menschen sterben jedes Jahr, weil Antibiotika nicht mehr wirken.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Tausende Patienten sterben jedes Jahr, weil Antibiotika ihre Wirkung verlieren. Eine Ursache ist der Masseneinsatz in der Tiermast. Doch auch Salat ist oft verkeimt.

Brüssel.. Die weltweite Zunahme von Antibiotika-Resistenzen steht ganz oben auf dem Programm der diesjährigen G7-Präsidentschaft unter deutschem Vorsitz. Dass die sieben führenden Industrienationen nicht den Kampf gegen Wirtschaftskrisen, sondern den gegen gefürchtete Krankheitskeime in den Mittelpunkt stellen, spricht für sich. Man könnte sagen: Gefahr erkannt.

Gebannt aber ist das Risiko, das von der zunehmenden Wirkungslosigkeit bakterienabtötender Medizin ausgeht, damit noch lange nicht. Im Gegenteil: Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker wie der südwestfälische Europaabgeordnete und Mediziner Peter Liese (CDU) betrachten die Entwicklung der letzten Jahre mit großer Sorge.

Leichtfertiger Umgang mit Antibiotika

Immer hemmungsloser setzen Tiermastbetriebe Antibiotika vorbeugend bei der Viehzucht ein. Die Meldungen von keiminfizierten Krankenhaus-Patienten häufen sich. Auch der teils leichtfertige Umgang mit Antibiotika in der Hausmedizin bereitet Unbehagen.

Hygiene Liese hat die verhängnisvolle Verkettung von Tiermast, Krankenhaus-Hygiene und übermäßiger Verwendung von Antibiotika im Gesundheitsbereich seit Jahren im Visier. Doch jetzt, so glaubt der Mann aus Meschede, bestehe „akuter Handlungsbedarf“. Der Mensch könne sonst in eine Situation geraten, in der Antibiotika nicht mehr wirkten. Das, fürchten Wissenschaftler, wäre gleichbedeutend mit dem Ende der modernen Medizin.

Weitere Killerbakterien

Auf Einladung Lieses, der auch gesundheitspolitischer Sprecher der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europaparlament ist, berichteten internationale Wissenschaftler in dieser Woche über den Stand der Multiresistenz-Forschung. Die Analyse vor Brüsseler EU-Abgeordneten fiel ernüchternd aus. Immerhin: Die Lage ist nicht hoffnungslos.

Puten Laut Guido Werner vom Berliner Robert-Koch-Institut sind neben dem gefürchteten Krankenhaus-Keim MRSA inzwischen weitere Killerbakterien wie ESBL und VRE auf dem Vormarsch. Thomas Tängdén von der Universität Uppsala hat einen rapiden Anstieg der Resistenz-Raten in den letzten Jahren beobachtet. Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geschätzte Zahl von jährlich 25.000 Keim-Toten in Europa sei fünf Jahre alt und längst überholt. Man müsse in Europa von 100.000 Infizierten und Millionen von Trägern resistenter Erreger ausgehen.

Lösungswege sind bekannt

Lösungsansätze sind aus Sicht Tängdéns längst bekannt: schärfere Infektionskontrollen in Krankenhäusern, eine bessere Diagnostik, neue Geschäftsmodelle für die Antibiotika-Forschung in der Pharma-Industrie. Auch Johanna Fink-Gremmels, Leiterin der Veterinär-Pharmakologie der Universität Utrecht, plädiert dafür, die großen Pharma-Konzerne mit ins Boot zu holen.

„Wir brauchen Antibiotika, müssen aber lernen, sie verantwortlicher einzusetzen“, so die Tiermedizinerin, die den ungehemmten Antibiotika-Einsatz in Mastställen scharf kritisiert. „Diese Medikamente sollte man nur dann verabreichen, wenn Tiere tatsächlich krank sind, nicht damit sie besser und schneller wachsen.“

In den Niederlanden sei es gelungen, Antibiotika in der Viehhaltung um 58 Prozent zu reduzieren. Doch die Gefahr lauert nicht nur bei Rindern, Schweinen und Geflügel. Vegetariern dürfte es nicht schmecken, was die Utrechter Wissenschaftlerin auch sagte: 60 Prozent aller in Holland angebauten Salate sind verkeimt.