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Organspende

Wer "verdient" eine Organspende? - Vergabe soll reformiert werden

09.07.2013 | 16:09 Uhr
Die Spendebereitschaft sinkt: 2012 sind alleine 518 Menschen gestorben, weil sie nicht rechtzeitig eine neue Leber bekommen haben. Foto: Marius Becker/dpa

Berlin.  Das Vergabeverfahren für Organspenden soll reformiert werden. Gesündere Menschen sollen bessere Aussicht auf ein neues Organ bekommen. Die Ständige Kommission Organtransplantation (StäKO) der Bundesärztekammer will nach neuen Wegen suchen. Doch gibt es ein gerechtes System?

Für die Betroffenen ist es ein verzweifelter Wettlauf gegen den Tod, den viele verlieren. 2012 sind alleine 518 Menschen gestorben, weil sie nicht rechtzeitig eine neue Leber bekommen haben. Die Manipulationsskandale um die Vergabe von Lebern haben die Brisanz noch verstärkt, weil die Spendenbereitschaft gesunken ist.

Doch wer soll in Anbetracht des Mangels eine Leber bekommen? Der schwerstkranke Alkoholiker oder eher eine etwas gesündere Person mit höherer Überlebenschance?

Über Verteilungsgerechtigkeit wurde in Deutschland bislang kaum gesprochen. Dies mag daran liegen, dass die Rettung des einen den Tod eines anderen Patienten bedeuten kann. Doch nun wächst der Druck für eine Reform des Vergabeverfahrens, das sich nicht recht bewährt hat. Im Herbst will die Ständige Kommission Organtransplantation (StäKO) der Bundesärztekammer nach besseren Wegen suchen.

Dringlichkeit versus Erfolgsaussichten - Kriterien widersprechen sich

Die Vermittlungsstelle für Organspenden, „Eurotransplant“, entscheidet anhand von Richtlinien der StäKO, welcher Patient zum Beispiel eine Leber bekommt. Nun verlangt das Transplantationsgesetz, dass sich die Auswahl der Empfänger nach Dringlichkeit und Erfolgsaussichten richtet. Diese Kriterien „widersprechen sich prinzipiell“, sagte Wolf Bechstein, Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft, dieser Zeitung. Je kränker ein Patient ist, desto schlechter sind die Überlebenschancen mit einem neuen Organ.

Organspende
Uniklinik Essen beklagt fehlende Bereitschaft

Seit den Organspendeskandalen in München und Göttingen geht auch in Essen die Zahl der Organspenden stetig zurück. Allein im vergangenen Jahr sei die Zahl der Organtransplantationen am Uniklinikum Essen um 20 Prozent gesunken, so Professor Eckhard Nagel, ärztlicher Direktor der Uniklinik.

Ausschlaggebend für die Vergabe ist die Position auf der Warteliste, die sich nach dem MELD-Score richtet. Er setzt sich aus zwei Leberwerten sowie einem Nierenwert zusammen und geht bis 40 Punkte. In Deutschland bekommt ein Patient in der Regel ab 35 Punkten eine neue Leber. Da ist er schwer krank. Ohne ein Spenderorgan läge die Wahrscheinlichkeit bei 80 Prozent, dass er binnen drei Monate stirbt.

Organvergabe in Deutschland - ein "tödliches System"

Verschärfend kommt hinzu, dass Patienten bei manchen Krankheiten nur zwei anstatt drei schlechte Werte haben. Sie kommen nicht auf 35 Punkte. „Es gibt Patienten, die beim MELD-Score nicht adäquat abgebildet werden“, sagte Bechstein. Zwar können sie auf anderem Wege in der Warteliste nach oben rutschen. Aber ob das am Ende ausreicht? So geißelte der Spiegel unlängst die Organvergabe in Deutschland als „tödliches System“ und verwies dabei auf eine junge Mutter. Wegen guter Nierenwerte komme sie nur auf eine Meld-Score von 22 Punkten, habe keine Chance auf eine neue Leber und müsse wohl sterben. Fälle wie diese gebe es in Deutschland viele, schrieb das Magazin. In den USA hingegen verpflanzen Chirurgen Lebern bei einem MELD-Score um die 20 Punkte. Dort gibt es mehr Organspender. Während 26 von einer Million Einwohnern ihre Organe spendeten, waren es in Deutschland 2011 nur 14,7 .

Info
Organspende-Skandale

In Göttingen, Regensburg, München und Leipzig sollen Mediziner Krankenakten gefälscht haben, um ausgewählte Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen.

Mit den Manipulationen bei Lebertransplantationen am Klinikum rechts der Isar in München sollte vor allem die Zahl der Verpflanzungen erhöht werden.

Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ gab es an den Uni-Kliniken in Münster und Essen ebenfalls Unregelmäßigkeiten. In Münster gehe es um Dialysen. Hier bezweifelten Prüfer, dass in allen Fällen eine für eine Transplantation relevante Indikation vorgelegen habe.

„Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die Erfolgsaussicht im Vergabeverfahren etwas stärker gewichten können“, sagte der StäKO-Vorsitzende Hans Lilie dieser Zeitung mit Blick auf die Gespräche im Herbst. Damit käme man eher zu einem Gleichgewicht zwischen Erfolgsaussicht und Dringlichkeit. „Wir werden sicher auch prüfen, ob man den Fokus stärker auf Patienten mit einem MELD-Score unter 30 Punkte richten kann“, sagte Lilie weiter.

Zu wenig Effizienz

Sollte das Vergabeverfahren künftig gesündere Personen besserstellen, dürfte dies auf Kosten der Schwerstkranken gehen. Aus Bechsteins Sicht wäre dies ein gangbarer Weg: „Einem Patienten mit chronischer Leberzirrhose, der auf der Intensivstation mit künstlicher Beatmung liegt, Dialyse erhält und zwingend Kreislaufmittel braucht, sollte man keine Leber mehr transplantieren. Seine Überlebenschancen sind zu gering.“ Auch Harald Terpe, Fachpolitiker der Grünen, wehrt sich gegen Transplantationen, „die den Patienten am Lebensende nur noch zusätzlich belasten, ihm aber keine gesundheitliche Besserung bringen“. Zunächst aber müsse das geplante Transplantationsregister, das bundesweit Daten zur Organspende beinhalten soll, kommen.

Organspende

Der Patientenbeauftragte der Regierung, Wolfgang Zöller (CSU), möchte statt der Verteilungsdebatte erst einmal mehr Effizienz im System. „In Deutschland werden etliche Spendermöglichkeiten nicht genutzt, weil in den Entnahmekrankenhäusern die Voraussetzungen nicht ausgeschöpft werden“, sagte Zöller dieser Zeitung. Aus seiner Sicht könnte man die Spenderzahlen verdoppeln, wenn die Organisation in den Kliniken besser wäre. Ob dies den Mangel beheben kann? Wohl kaum. Laut Deutscher Stiftung Organtransplantation gab es im ersten Quartal 2012 noch 236 postmortal gespendete Lebern und im selben Zeitraum 2013 nur 207. Die Manipulationsskandale lassen grüßen.

Daniel Freudenreich



Kommentare
14.07.2013
18:37
Warteliste nach einem Spenderegister mit Kündigungsfrist
von chrloose | #15

Jeder, der bereit ist, für einen anderen ein Organ zu spenden, sollte bevorzugt ein Organ erhalten. Tue Gutes...

Der Aufbau eines freiwilligen Spenderegisters ermöglicht dieses Verfahren. Jeder ab 18 Jahren darf sich ins Register eintragen mit einer Kündigungsfrist von 6 Monaten. Wer dann ein Organ braucht und schon z.B. 15 Jahre im Register steht, erhält das Organ eher als jemand, der z.B. erst 2 Jahre drauf steht.

Nur absolute Notfälle werden dann noch vorrangig behandelt.

Dadurch steigt die Anzahl der Menschen, die sich beuwsst entscheiden können und dies auchdokumentiert wird. Sie haben ein Anreiz, sich frühzeitig in die Liste einzutragen. Dadurch gibt es evt. in ein paar Jahren sogar mehr Organe als nachgefragt werden und es wird viel Leiden und viel Geld (für Dialyse...) gespart.

13.07.2013
22:00
Wer
von wimmel | #14

Die meisten meiner Bekannten und auch ich haben einen Spenderausweis, aber mit dem Vermerk, ausdrücklich kein Spender zu sein. Hier wird sehr viel Unsinn verbreitet, wenn man nur darauf verweist das viel Menschen einen Ausweis besitzen und suggeriert damit Zustimmung.

12.07.2013
10:28
Wer
von harrass | #13

Ich habs !

Wenn kein Organspendeausweis vorliegt, werden die Angehörigen gefragt, ob die Organe regulär verkauft werden dürfen.
Und die ANGEHÖRIGEN bekommen den Verkaufserlös...

1 Antwort
Wer
von BigLA | #13-1

Wer ist der Schuldige? Das alte Henne - Ei Spielchen ;)

12.07.2013
09:06
Wer
von Faltengesicht | #12

Man kann es drehen und wenden wie man will ,die entscheidung wer ein Spenderorgan bekommt wird eh nach Geldbörse entschieden .
Da helfen keine Listen oder ethischen gesichtspunkte .
Wer z.B. in einer Privatkrankenkasse versichert ist wird auf jeden Fall dem Pflichtversicherten vorgezogen .
Soll keiner erzählen das wäre nicht so . Die wirklichkeit sieht man jeden Tag in jeder Arztpraxis .

11.07.2013
22:38
Wer
von Herby52 | #11

Es gibt kein gerechtes Verfahren.
Die Herrgötter in Weiß werden nach wie vor entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss. Und wir werden es auch nicht verhindern können, dass bei un einigen Fälle auch geößere Summen unter den Tisch weitergereicht werden.

10.07.2013
15:41
Wer darf Organspender werden
von Geierlein59 | #10

Seit 10 1/2 Jahren bin ich an der Dialyse und die meisten meiner anderen Krankheiten sind Kollateralschäden der Dialyse. Ab Märzt 2014 kann ich wieder täglich mit eienr neuen Niere rechnen - es sein denn, da werden neue Hürden eingebaut!

10.07.2013
15:18
Erlebnisse und kritische Informationen von Angehörigen über die Organspende
von chemtrail | #9

Wieviele die im Gesundheitssystem arbeiten, sind wohl selbst bereit Organe zu spenden?

Ein Verein Betroffener will der einseitigen Werbung für die Organspende kritische Informationen entgegensetzen.
KAO e.V. wurde gegründet von Angehörigen, die im Schock ein Kind zur Organspende
freigegeben haben.

10.07.2013
14:45
Ein krankes Vergabesystem
von Melete | #8

Das Problem ist nicht, dass der gesündere gegen den kränkeren Patienten ausgespielt wird.

Durch die genannten Kriterien der Dringlichkeit sorgt man dafür, dass gesündere Patienten so lange keine Chancen auf ein neues Organ haben, bis sie krank genug sind, dass in der Liste nach oben rücken. Man wartet einfach ab, bis sich der Zustand von Menschen so verschlechtert, dass ihnen schließlich das Organ, das ihnen vielleicht im Jahr zuvor noch geholfen hätte, nun evtl. nicht mehr viel nutzt. Die Verschlechterung des Gesundheitszustands ist hier eine beabsichtigte Entwicklung. Das ist ein krankes Vergabesystem.

10.07.2013
12:59
Wehret den Anfängen...
von Leseviel | #7

Sonderkriterien könnten auf Betreiben interessierter Kreise derart angepasst werden, dass es, soweit nicht bereits geschehen, zur Durchsetzung von Marktgesetzen (Angebot und Nachfrage regeln den Preis) kommt.
Dem wohlhabenden Alkoholkranken sollte es leicht fallen, sich einen anderen Grund für das bevorstehende Kollabieren seiner Leber bescheinigen zu lassen und damit dem Austausch derselben via Transplantation alle Türen zu öffnen.

Wohlgemerkt: KÖNNTEN

10.07.2013
11:38
Wer
von fogfog | #6

werden die Ärzte alles entscheiden??ausgerechnet die Leute die nie genug Euros verdienen können??? Der Hund bewacht die Wurst-mehr fällt mir dazu nicht ein.

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