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Armut

Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung

12.12.2011 | 18:55 Uhr
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
Foto: WR

Essen.   Arme sterben früher als Reiche. Das war immer schon so, aber die Schere geht weiter auseinander. Geringverdiener sterben heute im Schnitt zwei Jahre früher als vor zehn Jahren. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu einem prekären Thema

Wie alt werden wir?

Einem Mädchen, das heute geboren wird, wird eine Lebenserwartung von 82,4 Jahren vorhergesagt. Jungen erreichen 77,2 Jahre. Vor zehn Jahren waren es 81,3 (Mädchen) und 75,6 Jahre (Jungen).

Die Lebenserwartung von Männern, die wenig verdienen, sinkt aber. Ist das ein deutsches Problem?

Ja. Diese Entwicklung ist in der jüngeren europäischen Geschichte fast beispiellos. „Es gab das in den 90-er Jahren in Großbritannien, nach dem Sozialabbau durch die Thatcher-Regierung. In Russland ging nach 1990 die Lebenserwartung in der armen Bevölkerung ebenfalls zurück. Aber eine sinkende Lebenserwartung ist äußerst selten“, sagt Rolf Rosenbrock, Experte für öffentliche Gesundheit.

Warum sterben arme Männer immer früher?

Die Lebenserwartung wird wesentlich beeinflusst von Bildung, beruflicher Position und Einkommen. „Bildung ist besonders wichtig“, erklärt der Bochumer Sozialrechtler Stefan Huster. Wer nicht gebildet ist, weiß oft nicht, wie er gesund leben kann. Ein Teil der Bevölkerung ist abgekoppelt von guter Bildung, bekommt schlechte oder keine Jobs. Das senkt die Lebenserwartung. Rosenbrock: „Das geht einher mit einer zunehmenden sozialen Ungleichheit im Land. Je größer die Ungleichheit, desto geringer ist die Lebenserwartung in der Gesellschaft.“

Warum ist die Lebenserwartung im Osten niedriger?

Das lässt sich durch die generell schlechtere soziale Lage und belastenden Lebenssituationen der Menschen auch durch Arbeitslosigkeit und Armutserfahrungen erklären, sagt der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler.

Welche Rolle spielt die medizinische Versorgung?

Keine, da sind sich die meisten Experten einig. Die medizinische Versorgung ist in ei­nem so hoch entwickelten Land, in dem fast alle Menschen krankenversichert sind, nicht so ungleich, dass die Lebenserwartung darunter leiden könnte. Aber, so Rosenbrock: „Männer aus der Mittel- und Oberschicht leben über zehn Jahre länger als Männer aus der Unterschicht. Herz-/Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder psychische Probleme zeigen sich in der armen Bevölkerung etwa vier Jahre früher.“

Warum sinkt die Lebenserwartung armer Frauen nicht?

„Dafür mag es neben biologischen auch soziale Gründe geben“, sagt Stefan Huster. Männer definieren sich mehr über ihren Beruf. Sie leiden noch mehr unter stressigen Jobs und Arbeitslosigkeit. Außerdem neigen sie eher zu ungesundem Verhalten: wenig Bewegung, Tabak, Alkohol.

Was fordern die Sozialverbände?

„Um Armut effektiv zu bekämpfen, brauchen wir eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes auf 420 Euro, einen gesetzlichen Mindestlohn und einen Ausbau der öffentlich geförderten Beschäftigung“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbendes.

Wir wirkt sich Armut auf Kinder aus?

Kinder armer Eltern sind oft schon beim Start ins Leben im Nachteil: Ihr Geburtsgewicht liegt im Schnitt deutlich unter dem von Kindern aus gut situierten Familien. Fast jede dritte Mutter (31 Prozent) mit niedrigem Sozialstatus hat geraucht während der Schwangerschaft; von den gut situierten Frauen war es jede zwölfte (acht Prozent).

In der Kindheit setzt sich für Kinder armer Eltern die Reihe der Ungleichheiten fort: Sie erleiden häufiger Unfälle, haben häufiger Zahnprobleme oder Essstörungen. Jungen vor allem fallen als Jugendliche verstärkt wegen psychosomatischer Beschwerden oder Verhaltensstörungen auf.

Besondere Sorge bereitet Medizinern und Sozialforschern das steigende Armutsrisiko der Kleinsten. Rund 13,1 Millionen Menschen unter 18 Jahren lebten 2010 in Deutschland. Gut jeder sechste (16 Prozent) wächst in einer Familie auf, die weniger als 11 151 Euro im Jahr zum Leben hat.

Warum ist der Trend so verheerend?

Wie sehr sich Arbeitslosigkeit, geringe Bildung und niedriges Einkommen der Eltern auf die Gesundheit der Kinder auswirken, analysiert das ­Robert Koch Institut (RKI) in Berlin seit 2003. Für die Langzeitstudie über „Die gesundheitliche Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) wurden bundesweit 17 641 Jungen und Mädchen sowie deren Eltern befragt.

Ein Ergebnis: Der Gesundheitszustand jedes zehnten Jungen aus einer armen Familie ist mittelmä­ßig bis „sehr schlecht“ – dieser Anteil ist doppelt so hoch wie der unter Jungen aus wirtschaftlich gut ­abgesicherten Familien.

Besonders stark sind die Unterschiede bei psychischen und Verhaltensauffälligkeiten bei drei- bis zehnjährigen Jungen: Von den sozial benachteiligten fiel damit jeder sechste (16,4 Prozent) auf, von den Gleichaltrigen mit hohem Sozialstatus war es jeder 25. (vier Prozent). Ähnlich war es bei Essstörungen: Die hatte jeder fünfte arme Jugendliche (19,9 Prozent). In „besseren“ Familien waren neun Prozent der Jugendlichen betroffen.

 

Gregor Boldt, Matthias Korfmann, Sigrid Krause

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Kommentare
13.12.2011
19:28
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
von sprichdichaus | #21

So gut wie unsere Regierung durch Einsparungen besonders im Gesundheits und Sozialbereich an der Armutsschraube dreht braucht man sich über solche Schlagzeilen nicht zu wundern . Die Gefahr ist nur wir werden solche Schlagzeilen eines Tages nur noch am Rand wahrnehmen da sie in Zukunft Alltäglich werden - und das mit Sicherheit.

13.12.2011
15:29
P.S.
von Elfentraum | #20

Nach divesen Studien wirkt sich Mangelernährung direkt auf das Gehirn und dessen Vernetzung aus, d.h. also, Kinder aus armen Familien, die sich nicht ausreichend ernähren können (und damit ist die Versorgung mit benötigten Nährstoffen gemeibt), dessen Hirn vernetzt sich nicht ausreichend genug, was direkte Folgen auf die Intelligenz hat. http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1122884

13.12.2011
13:37
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
von eiwi | #19

Was spricht eigentlich gegen ein Bedingungsloses Grundgehalt, wie es zum einen der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, Dieter Althaus, und zum anderen der Inhaber der DM Drogeriemärkte, Werner Götz, anregen?
Werner Götz spricht sogar von 1000€ im Monat, pro Kopf der Bevölkerung. Weiß man, dass die Sozialkosten im Jahre 2009 bereits bei über 13.000€ lagen,
ist das doch keine Utopie.
Ich bin davon überzeugt, dass dann auch die Demographiekurve eine Änderung erfährt.

13.12.2011
13:01
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
von wohlzufrieden | #18

Bildung, die Universalmedizin. Lesen sie bitte die Packungsbeilage ( falls soviel Bildung vorhanden) Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie bitte die Politiker oder ähnliche Dumm-quatscher.

13.12.2011
12:51
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
von wimmel | #17

Mittlerweile hilft Bildung gegen alles : Arbeitslosigkeit, Finanzkriese, Armut, Krankheiiten aller Art wie Kopfschmerzen, Wahnvorstellungen und nun auch noch gegen zu frühes Sterben.
Die verarsch.. uns zu schnell so schnell können wir doch gar nicht laufen. So ähnllich stelle ich mir das in der ehemaligen DDR vor, bevor die Bevölkerung auf die Barriekarden ging.
Glaube hier fehlt nur noch ein Funke.

13.12.2011
12:04
von fuffzig Pfennig #12, oder geht es noch dummer?
von wohlzufrieden | #16

"Gerade bei Hartz4 Empfängern ist auch oft zu beobachten, dass es zwar nicht für gesunde Ernährung reicht, dafür aber für täglichen Alkoholkonsum und Zigaretten." Wo haben Sie denn das "beobachtet," etwa im Supermarkt? Haben die Hartz IV Empfänger dort ein entsprechende Kennzeichnung, oder woran haben Sie diese r.kant? Oh Pardon, das war ein Freudscher Fehler, weil Ihr "Kommentar" mich so auffällig an diesen Blogger erinnert. Wahrscheinlich erkennen Sie die Langzeitarbeitslosen auch daran, das sie bei klirrender Kälte alle Fenster weit auf , und die Heizung voll anhaben, es bezahlt ja der Staat. Wo nehmen Sie nur solch blödes Zeug her?

13.12.2011
11:27
Was sind die Ursachen?
von Kontertor | #15

"Arme" sind in der Gesundheitsversorgung sind zwar schlechter gestellt als Großverdiener mit Privatversicherung aber deutlich besser gestellt als Normalverdiner. Sie haben den Zugreif auf die Gesundheitsleistungen zahlen dafür aber keinen bis einen geringen Beitrag und sind von Eigenbeiträgen und Zuzahlungen befreit. Das kann kaum - wie oben angemerkt - der grund für frühes Versterben ein.
Eine höhere Arbeitsbelastung liegt nicht immer aber überwiegend ebenfalls nicht vor. Selbständige und leitende Angestellte knüppeln in der Regel mehr Stunden.
Vermutung: Es liegt zum großen Teil im selbstverantworteten Umgang mit der eigenen Gesundheit. Die Studie ist daher weder überraschend noch schockierend! Gähn!

13.12.2011
11:17
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
von AntonC | #14

Nur wie will man das ändern? Die Bildungsangebote sind da, man muss sie aber auch nutzen und dazu kann man niemanden zwingen. Wer allerdings die Angebote nicht genutzt hat, der sollte sich anschließend nicht über seine schlechtere materielle Situation beschweren. Da muss man dann eben den Hintern hochbekommen und Versäumtes nachholen.

Dieser mangelnde Antrieb wirkt sich auch in den anderen Lebenebereichen aus. Auch über Ernährung, über die Schädlichkeit von Nikotin , Alkohol und anderen Drogen, die Folgen mangelnder Bewegung Bescheid zu wissen, ist eine Frage von Bildung,

Leider reicht bei den meisten der Leidensdruck nur zum jammern, wo doch handeln notwendig wäre.

13.12.2011
10:08
Nur die Korrektur der Alterspyramide
von michl25 | #13

Da fällt mir doch spontan das Unwort des Jahres 1998 ein: sozialverträgliches Frühableben (http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialvertr%C3%A4gliches_Fr%C3%BChableben)... auf die Nachfrage, ob die Pläne der Regierung zu einem früheren Tod von Patienten führen würden, meinte Vilmar: „Wird diese Reform so fortgesetzt, dann wird das die zwangsläufige Folge sein.“ Die damals viel kritisierte Aussage des Herrn Vilmar ist Realität geworden.
Gesundheits-, Bildungs- und Sozialpolitik der Regierungen arbeiten ja auch konsequent seit Jahren darauf hin. Niedrigstlöhne, Leiharbeit, HartzIV, Gesundheitsreform, Erhöhung des Renteneinstiegsalter, Bildungsnotstand …
Kostensenkung auf gut deutsch: je eher ein Rentner verstirbt, desto höher sind Kostenersparnisse für Renten-, Sozialkassen und Gesundheitswesen. Ein willkommener Beitrag zur Schuldenreduzierung des Staates.

13.12.2011
09:24
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
von fuffzigpfennig | #12

Völlig falsche Schlussfolgerung. Es müsste heißen: Wer sich ungesund ernährt und ungesund lebt, ist häufiger arm!

Gerade bei Hartz4 Empfängern ist auch oft zu beobachten, dass es zwar nicht für gesunde Ernährung reicht, dafür aber für täglichen Alkoholkonsum und Zigaretten. Ein höherer Satz würde rein gar nichts daran ändern, dass die Prioritäten falsch gesetzt werden.

1 Antwort
Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung
von michaelroempke | #12-1

Das sehe ich anders. Ich kann mich noch daran erinnern, dass eine Flasche Bier in den 70er Jahren 85 Pfennige gekostet hat. In Deutschland sind die Preise seitdem im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern gefallen. Ich bin rechtlicher Betreuer für einen Mann, der durch übermäßigen Alkoholkonsum im Laufe der Jahre ein Korsakow-Syndrom bekommen hat. Das ist die Gedächtnisschwäche, wie z.B. Harald Juhnke sie am Schluss seines Lebens hatte.
Der Betreute erzählte mir, dass er die Flasche Bier für 35 Cent im Supermarkt bekommt. Das sind umgerechnet ca. 70 Pfennig, also 15 Pfennige weniger als vor 40 Jahren! Er hat für umgerechnet ca. 85 Euro im Monat jahrelang täglich 8 Flaschen Bier konsumiert. Bei 345 Euro Hartz-IV locker zu finanzieren. Würde der Mann in England leben, müsste er für die gleiche Menge Bier mindestens das 4fache bezahlen als bei uns. Ich sehe durchaus einen Zusammenhang zwischen der leichten Verfügbarkeit des Alkohols und dem frühen Ableben der Sozialleistungsempfänger.

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