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Bundeswehr

"Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben"

02.10.2009 | 15:49 Uhr
"Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben"

Essen. Die FDP fordert das Ende der Wehrpflicht. Dabei gibt es faktisch sowieso keine allgemeine Wehrpflicht mehr, sagt Bundeswehr-Experte Michael Wolffsohn. Gutsituierte drückten sich um den Dienst; die Bundeswehr werde zur Unterschichtenarmee. "Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben."

Ein Streitpunkt der künftigen schwarz-gelben Koalition ist die Wehrpflicht: Die Liberalen wollen sie abschaffen, die Union hält eisern daran fest. Auf wessen Seite stehen Sie?

Michael Wolffsohn: Diese Frage stellt sich erst gar nicht, weil es in Deutschland faktisch keine allgemeine Wehrpflicht mehr gibt. Inzwischen leistet die Mehrheit der jungen Männer weder Wehr- noch Zivildienst. Und deshalb haben wir auch keine Bürger in Uniform mehr, sondern die Tendenz zu einer Armee von Berufssoldaten. Das ist ein Krisensymptom, das mit der Bundeswehr nichts, aber mit unserer Gesellschaft sehr viel zu tun hat. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Es gibt also keine Wehrgerechtigkeit mehr?

Michael Wolffsohn ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Foto : Jakob Studnar

Wolffsohn: So ist es. Inzwischen kann man durchaus von einem Zweiklassendienst sprechen. Denn es gelingt vor allem den Gutsituierten und Gebildeten, sich erfolgreich vor dem Wehr- und Zivildienst zu drücken. So schließen sich der Bundeswehr zunehmend diejenigen an, die auf dem zivilen Arbeitsmarkt nicht unterkommen. Das bedeutet, dass die Mittel- und Oberschichten den Einsatz für die Sicherheit der Gemeinschaft der Unterschicht überlassen. Das ist eine sehr unmoralische Entwicklung. Die Bundeswehr wird mit und mit zur Unterschichtenarmee. Es gilt der Satz: Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben.

Auch das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen ist in der Armee nicht ausgewogen. Die Ostdeutschen sind deutlich überrepräsentiert. Welche Folgen hat das?

Wolffsohn: Diese „Ossifizierung“ der Bundeswehr führt dazu, dass die Armee allmählich die Bindung an traditionelle Werte der alten Bundesrepublik verliert. Das heißt, die West-Orientierung nimmt ab, sowohl an das westliche Bündnis als auch an dessen politische Kultur. Der Soldatenberuf wird zudem weniger als Berufung, sondern lediglich als Job gesehen, der mangels anderer Alternativen ergriffen wird. Damit ist auch eine „qualitative“ Auslese verbunden. Das hat zur Folge, dass der Bundeswehr zunehmend das nötige Personal fehlt, das sie als hochtechnologisierte Armee braucht.

Sie lehren an der Bundeswehr-Universität. Macht sich diese Entwicklung dort auch bemerkbar?

Wolffsohn: Das Niveau in meinen Fächern ist im Vergleich zu früher gesunken. Noch haben wir mehr Bewerber als Studienplätze. Das hängt mit der schlechten Arbeitsmarktsituation zusammen. Das wird aber nicht so bleiben. Die Ent-Intellektualisierung der Bundeswehr wird deshalb eher zunehmen.

Die Bundeswehr ist zunehmend in Kampfeinsätze verwickelt. Sind unter diesen Bedingungen nicht ohnehin eher Kämpfertypen gefragt?

Wolffsohn: Eindeutig ja. Aber das treibt die Ent-Intellektualisierung natürlich voran. Deshalb ist es notwendig, dass wir die Allgemeinheit wieder für die Wehrpflicht gewinnen. Wenn aber die meisten sich für zu gut oder zu moralisch für die Bundeswehr halten, dann werden wir künftig eine Armee bekommen, die nur aus Kämpfern und nicht aus Denkern oder gar aus moralisch Überzeugten besteht.

Würde eine Berufs- oder Freiwilligenarmee, wie sie die FDP fordert, diesen Trend noch verschärfen?

Deutsche ISAF-Soldaten in Afghanistan. Foto: ap

Wolffsohn: Auf jeden Fall. Das zeigen die amerikanischen Streitkräfte. Es ist ja kein Zufall, dass so viele völlig verwerfliche Taten in Afghanistan oder im Irak zu beobachten waren. Stichwort Guantánamo. So etwas passiert in einer Berufsarmee viel häufiger als in einer Wehrpflichtigen-Armee.

Die Lösung für Sie wäre also: Die Wehrpflicht muss auf jeden Fall beibehalten, aber konsequenter durchgesetzt werden?

Wolffsohn: Das Problem ist jedoch, man kann eine Gesellschaft nicht dazu zwingen, für die Gemeinschaft einzutreten. Deshalb ist das nicht allein eine Frage der gesetzlichen Rahmenbedingungen, sondern der politisch-moralischen Überzeugungsarbeit. Die Gesellschaft muss sich fragen: Welchen Preis ist sie bereit, für ihre Sicherheit und Freiheit zu bezahlen. Ohne Einsatz des Einzelnen für die Gemeinschaft wird es langfristig keine Gemeinschaft geben.

Weitgehend einig sind sich FDP und Union in der Afghanistan-Politik. Der Einsatz wird grundsätzlich befürwortet. Doch mit jedem getöteten Zivilisten und jedem toten deutschen Soldaten wächst der Widerstand. Wie bewerten Sie den Einsatz?

Wolffsohn: Ich sehe noch keine Strategie. Die Bundeswehr ist in Afghanistan vornehmlich damit beschäftigt, sich selbst zu schützen. Das strategische Ziel, die Terrorbasis zu zerstören, ist mit den bisher angewandten Mitteln nicht zu erreichen. Wer die Basis für den internationalen Terrorismus zerschlagen möchte, kann sich zudem nicht nur auf Afghanistan konzentrieren. Wer über Afghanistan spricht und über Pakistan schweigt, führt die Bundeswehr und damit uns alle in eine Sackgasse.

Welchen Ausweg sehen Sie: Sollen die Truppen aufgestockt werden?

Wolffsohn: Wenn man die Taliban besiegen will, muss man mehr militärischen Einsatz bringen, allerdings mit einem klaren politischen Ziel. Das heißt, der Preis für die Taliban muss so weit in die Höhe getrieben werden, dass der Verzicht auf Terror für sie erheblich günstiger wird. Deshalb muss man diesen Kräften nach der militärischen Zerschlagung anbieten, sich am zivilen Wiederaufbau zu beteiligen. Man muss ihnen also eine politische Perspektive bieten. Solange sie jedoch nicht bereit sind, die Waffen niederzulegen, muss man sie weiter militärisch bekämpfen. Eine Truppenaufstockung ist hierfür auf jeden Fall nötig.

Wie sollte sich die Bundeswehr überhaupt künftig entwickeln? Sollte sie ihre Rolle als Kampfarmee akzeptieren und sich dafür besser rüsten oder sollet sie sich eher wieder zivilen Aufgaben zuwenden?

Wolffsohn: Zivile Aufgaben erledigen zivile Instanzen besser als militärische. Aber Kriegseinsätze außerhalb des eigenen Territoriums sollten nur dann erfolgen, wenn es um die eigene oder die Sicherheit unserer Bündnispartner geht. Alles andere ist nicht unsere Aufgabe. Es gibt viele Staaten, wo die inneren Verhältnisse katastrophal sind, etwa Somalia oder Simbabwe. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, diese Verhältnisse zu verändern. Einsätze in außereuropäischen Nationen sind nur im äußersten Notfall zu rechtfertigen.

Melanie Bergs

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Kommentare
03.11.2009
16:25
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von taubenvergifter | #68

Amerikanische Verhältnisse...

wenn wir so weiter machen, haben wir uns auch irgendwann unseren George W. verdient.

07.10.2009
09:46
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von supergoooral | #67

komme selbst aus der Arbeiterschicht und muß immer wieder feststellen das Junge Leute prahlen demnächst nach Afgahnistan zu dürfen um das große
Geld zu machen.Ich rede nicht nur von Leuten die vorher Arbeitslos waren.Fragt man die Jungs ob sie dort gefahren sehen kommen so Geistreiche antworten wie In deutschland kann Ich auch überfahren werden,oder die knall Ich alle ab.
Wer arm ist muß in Krieg früh sterben passt dann doch eher ins Mittelalter oder zum ersten Weltkrieg
wie zum Afgahnistan einsatz.

05.10.2009
10:19
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von miriam.lessmann | #66

Die Bundeswehr hat gefälligst das deutsche Territorium zu verteidigen und sich nicht vom großen Bruder für dessen hegemonialpolitische Abenteuer mißbrauchen zu lassen.
Raus aus Afghanistan.

04.10.2009
00:55
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #65

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

03.10.2009
22:06
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von mr holiday | #64

Der artikel vermischt zwei Fakten die nichts miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite wird eine Wehrpflicht angeprangert, die nicht gerecht ist. Auf der anderen Seite wird über ein Krieg in einem Krisengebiet berichtet. Der Wehrpflichtige hat nichts im Ausland zu suchen. Leider wird hier von der WAZ ein Niveau geliefert, was ich normalerweise in der Bild erwarte. Es handelt sich hierbei um reines getöse und viel heisse Luft. Die Wehrpflicht ist ein Thema, was man nicht in einem Nebenartikel wie diesem zu beantworten ist. Bevor hier wieder meine Freunde des linken Spektrums eine Neiddebatte über soziale Missstände anstossen, sollten sie sich mal näher mit diesem Thema befassen.

PS: Sehr viele Bekannte von mir haben ein Abitur oder Fachabitur und gehehn trotzdem zum Bund!!

03.10.2009
19:23
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von Elektrosteiger | #63

Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
Im WW I nannte man die armen Leute Kanonenfutter...

02.10.2009
23:42
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von Matsumura | #62

So ein blödes Gesabbel, wie von diesem Typen habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Entintellektualisierung! Ich bekomme gleich einen Würgereiz nach dem anderen! Dafür gibt es klare Einstellungskriterien, um eine Bestenauslese zu gewährleisten. Ansonsten haben bestimmte Dienstgrade auch keine Intelligenz zu beweisen, sondern sollen gefälligst gehorchen. Genauso das geseiere von der Wehrungerechtigkeit. Wer nicht will, der muss auch nicht. Ob Zivildienst oder sich ganz verpissen, kann sich jeder selbst aussuchen. Klar ist nur, wer heutzutage zum Bund geht, hat selbst die Risiken zu tragen. Der Feuerwehrmann kann auch nicht das betreten eines brennenden Hauses mit der Sorge um sein Leben verweigern. Ansonsten gilt es, die Wehrpflicht abzuschaffen eine schlagkräftige Truppe aus Zeit- und Berufssoldaten aufbauen, die bestmöglich ausgebildet werden. Der Rest und zwar Männlein wie Weiblein (ohne ansehen des Standes) haben gefälligst ein soziales Jahr zu absolvieren. Schließlich stehen sie auch in der verdammten Pflicht etwas an den Staat zurück zu geben, der ihnen Kita-Plätze, Schulen, Infrastruktur, Sicherheit und ein soziales Gefüge bietet. Dafür soll jeder gefälligst auch einmal in seinem Leben 12 Monate etwas zurück geben.

02.10.2009
17:40
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von weiterso | #61

@ #60 r.kant
Nicht ganz. theoretisch dürften Werdienstleistende in Auslandseinsätze. Aber nur, wenn sie sich freiwillig dazu melden (wie alle anderen Soldaten auch). Nur praktisch wird dort keiner landen, denn: drei Monate Grundausbildung + drei Monate Spezialausbildung in der Stammeinheit + sechs Monate Vorbereitung auf den Auslandseinsatz = zwölf Monate. Da die Wehrplicht nur neun Monate beträgt reicht also diese Zeit nicht um die Leute überhaupt fürs Ausland aus zu bilden, geschweige denn auch noch ein paar Monate dort hin zu schicken.
Sie haben also recht, dass es dort keine Wehrdienstleistenden gibt, nicht aber, dass diese dort nicht hin DÜRFTEN.

02.10.2009
17:10
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von r.kant | #60

@ #59

Wehrpflichtige dürfen überhaupt nicht auf Auslandseinsätze in gefährdete Gegenden.

Ihre Aussage ist absoluter Unsinn.

02.10.2009
16:58
Wer arm ist, muss eher in Afghanistan sterben
von Jammi | #59

Wer als Wehrpflichtiger einen Einsatz im Ausland ablehnt, wird schon sehen was er davon hat.

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