Wenn es die Schwächsten trifft

Datteln..  Wird ein Säugling innerhalb kürzester Zeit zum dritten Mal mit einem gebrochenen Arm in ein Krankenhaus eingeliefert, ist jeder Arzt skeptisch. Wie kommt es zu solchen Verletzungen bei einem Baby, das noch nicht mal laufen kann? Die Aussage der Mutter, ihr Kind sei erneut von der Wickelkommode gefallen, scheint nicht glaubwürdig. Der Mediziner ist alarmiert. Doch alles, was er zusätzlich zur nötigen Versorgung des gebrochenen Arms unternimmt, um eine mögliches Kindeswohlgefährdung nachzuweisen oder auszuschließen, bezahlt die Krankenkasse nicht: zeitaufwendige Gespräche mit den Kindern, Eltern, Jugendamt und weitere Untersuchungen, um mögliche Alt- oder Zusatzverletzungen festzustellen.

,,Die Krankenkassen wenden das Verursacherprinzip an. Bei einem Missbrauch müsste der Täter für die entstehenden Kosten aufkommen. Dazu müsste das Kind den Täter benennen und der müsste auch noch richterlich verurteilt werden. Das ist eine Riesenhürde. De facto bleiben normale Ärzte oder Kliniken auf den Kosten sitzen.“ Das sagt die Ärztin Dr. Tanja Brüning. Die 39-Jährige leitet die medizinische Kinderschutzambulanz der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln (Kreis Recklinghausen). Tanja Brüning ist Kinder- und Jugendgynäkologin mit der bundesweit einzigen kinderärztlichen Vollzeitstelle für Kinderschutz in Deutschland. Ihre Stelle wird für drei Jahre durch die Anneliese-Brost-Stiftung finanziert. Die einzige Krankenkasse, die die Kosten für die aufwendigen Untersuchungen und Gespräche übernimmt, ist die GEK Barmer. Verhandlungen mit anderen Krankenkassen sind bislang gescheitert.

Unvorstellbare Gewalt

„Dabei wissen wir doch, wie groß der Bedarf ist“, sagt Brüning. Täglich untersucht sie Kinder, die Schlimmes erlebt haben. Kinder, deren Körper grün und blau geprügelt sind. Mädchen, auf denen Zigarettenkippen ausgedrückt wurden. Jungen, die gebissen, mit Messern verletzt wurden und fast verhungert sind oder deren Hals blau ist von Würgemalen. Diese Kinder kommen in Begleitung ihrer Eltern, ihren Peinigern. Als Brüning hier vor zwei Jahren ihre Arbeit begann, waren es 124 kleine Patienten, die sie versorgte. Im vergangenen Jahr waren es schon 550. Der Bedarf ist enorm, viele Krankenhäuser überweisen ihre Patienten an die Dattelner Ambulanz, die sich auf das Erkennen von Missbrauch und Gewalt bei Kindern spezialisiert hat. Bei einem Drittel dieser Kinder liegt der Verdacht auf sexuellen Missbrauch vor.

Häufig landen sie bei Tanja Brüning, ,,weil sie sich allein nicht mehr berappeln und die Eltern Angst bekommen“. Oder weil die Jugendämter eingeschaltet wurden. ,,Mir geht es nicht um die Täter, sondern um die Kinder. Sie dürfen nicht ein zweites Mal Opfer werden, weil kein Geld vorhanden ist“, sagt Brüning. „Ich bin Deine Ärztin. Ich will dir helfen. Wo hat man Dir wehgetan. Ich möchte, dass es dir gut geht“, stellt sich die Ärztin ihren Patienten vor. Auf ihrem weißen T-Shirt strahlt ein rosa Hello-Kitty-Namensschild. Ihr Hauptklientel sind Mädchen, die im Durchschnitt sechs Jahre alt sind. Aber auch Kleinkinder, die noch gar nicht sprechen können, sind darunter.

Behandlung kostet Zeit

,,Ab fünf Jahren steigt die Zahl der registrierten Missbrauchsopfer: In diesem Alter beginnen sie über das Geschehene zu sprechen.“ Brüning weiß, was die Kinder durchmachen. ,,Sie werden eingeschüchtert. Ihnen wird gedroht, und sie wissen, was ihnen blüht“. Brüning leistet Sisyphusarbeit. Sie spricht mit Jugendämtern, Rechtsmedizinern, schreibt Gutachten, erstattet Anzeige und sorgt dafür, dass die Kinder vor ihren Peinigern geschützt werden. ,,All das machst du nicht in einer halben Stunde.“

Doch für Prof. Dr. Michael Paulussen, Chefarzt der Vestischen Kinder- und Jugendklinik steht fest: „Für eine umfassende Krankenhausbetreuung von Kindern, die Opfer von Gewalt wurden, gibt es in Deutschland keine ausreichende Finanzierungsregelung. Kliniken können es sich nicht mehr leisten, kostenlos zu arbeiten. So ist davon auszugehen, dass Betroffenen nicht immer die optimale Unterstützung erhalten.“ Sein Fazit: ,,Für die Abrechnung sind blaue Flecke blaue Flecke, egal ob durch Sport oder durch Schläge entstanden“, und ,,Krankenhäuser müssen, von der Politik gewollt, wirtschaftlich arbeiten.“