Wenn Dörfer schrumpfen, wachsen die Probleme

Berlin..  Wenn die Dörfer schrumpfen, wachsen die Probleme: kein Bus, kein Arzt, kein Bäcker. Wer in dünn besiedelten Regionen lebt, muss erfinderisch sein – und hartnäckig. Denn: Viele gute Ideen, mit denen das Leben in den ländlichen Gebieten beispielsweise im Sauerland auch in Zukunft noch funktionieren kann, geraten in den deutschen „Regulariensumpf“, wie das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner neuen Studie beklagt. „Von Hürden und Helden“ heißt sie – und listet auf, mit welchen Hindernissen mutige Bürger zu kämpfen haben, wenn sie ihren Dörfern neues Leben einhauchen wollen.

Zum Beispiel, wenn der Bus nicht mehr fährt. Oder nur noch zweimal am Tag. Was für rüstige Autofahrer kein Problem ist, stellt viele ältere Dorfbewohner vor Fragen: Wie komme ich günstig und flexibel in die Kreisstadt, zum Facharzt oder zum Einkaufen? Im Odenwald hatten sie eine gute Idee – eine Art öffentliche Mitfahrzentrale. Übers Internet können Autofahrer Angebote machen und Mitfahrer Wünsche angeben, dazu gibt es Rufbusverbindungen. Doch wer trägt das Risiko? Nach dem Gesetz haben Privatautos nichts zu suchen im System des öffentlichen Nahverkehrs. Doch es gab eine Lösung: Die örtliche Verkehrsgesellschaft sprang ein, übernimmt Bezahlsystem und Versicherung für die Privatfahrer.

Mobile Zahnarztpraxis wird nicht genehmigt

Eine große Hilfe, gerade für Ältere und Kranke, können rollende Arztpraxen sein: In der Uckermark fährt einmal in der Woche eine Zahnärztin über die Dörfer, um Patienten zu behandeln, die im Rollstuhl sitzen oder bettlägerig sind. Auch sie hatte mit Hürden zu kämpfen: Die Idee, einen Kleintransporter zur mobilen Zahnarztpraxis auszubauen, wurde nicht genehmigt – jetzt nimmt sie den 15 Kilogramm schweren Instrumentenkoffer mit.

„Häufig behindern starre Auflagen, Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften den Tatendrang vor Ort“, kritisieren die Forscher des Berlin Instituts. Beispiel Apothekenbus: Nur zehn Prozent der Bewohner in ländlichen Regionen finden eine Apotheke in wohnortnaher Umgebung – die meisten müssten weit mehr als eine Viertelstunde zu Fuß laufen. Für sie hätte eine Sammelstelle für Rezepte plus Bringedienst Vorteile – doch die bürokratischen Hürden sind groß. Auch die Apotheker sind dagegen: Sie argumentieren vor allem mit der fehlenden persönlichen Beratung.

Probleme gibt es auch beim Einkaufen: Seit 2006 hat sich die Zahl der kleinen Lebensmittelgeschäfte nahezu halbiert. Viele Dorfzentren drohten auszusterben. Eine Gegenbewegung entstand vor zehn Jahren mit den „DORV-Zentren“ (Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung). Hier können Bürger Lebensmittel kaufen, Bankgeschäfte erledigen, Pakete abgeben, Kfz-Sachen regeln, Zeitungsanzeigen aufgeben und im Internet surfen. Die Läden gibt es mittlerweile im gesamten Bundesgebiet.

Der Erfolg ist nicht gesichert

Doch der Weg dahin war steinig – und nicht überall ist der Erfolg schon gesichert. Beispiel Hygienevorschriften: Wer gleichzeitig Fleisch verkaufen und Nummernschilder über die Theke reichen will, braucht wohlwollende Behörden, die ihren gesetzlichen Spielraum nutzen. „Die Leute sind aus purer Not oft sehr kreativ“, sagt Reiner Klingholz vom Berlin Institut. „Sie stoßen aber ganz oft auf das übliche ‘Das geht nicht, das gab’s noch nie’“.