Wenn der Überfluss zu Hunger führt
16.11.2009 | 13:06 Uhr 2009-11-16T13:06:00+0100
Rom. Noch nie wurden auf der Erde so viele Nahrungsmittel produziert wie heute. Trotzdem hungert eine Milliarde Menschen. In Rom kommen am Montag Staats- und Regierungschefs und Vertreter von mehr als 60 Ländern zum Welternährungsgipfel zusammen.
Mathematisch ist alles so einfach. Rechnet man die heute weltweit produzierte Menge der Nahrung auf die Zahl der Erdbewohner um, dann stellt sich heraus, dass jeder Mensch tagtäglich 2800 Kalorien in sich hineinschaufeln kann. Damit ist zwar die Rechenaufgabe gelöst, das Problem aber nicht einmal im Ansatz erfasst. Denn die FAO, die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, teilt mit, dass derzeit ein Sechstel der Menschheit gar nicht an die Kalorien herankommt, die auf Dauer das Existenzminimum und ein aktives Leben garantieren.
1,02 Milliarden Menschen hungern, sagt die FAO, 105 Millionen mehr als vor einem Jahr. Und das, obwohl sich die Staaten der Welt im rosaroten Morgenlicht des Dritten Jahrtausends feierlich verpflichtet hatten, die Zahl der Hungernden von damals 840 Millionen auf 420 Millionen zu halbieren. 2015 wollte man das geschafft haben. Indes: Je näher der Termin rückt, umso weiter entfernt sich das Ziel.
Jahrhundertfluten hier, Jahrhundertdürren dort
Zusätzlich wird die Aufgabe immer gewaltiger: Bis zur Jahrhundertmitte steigt aller Voraussicht nach die Zahl der Menschen von heute 6,7 auf 9 Milliarden. Und sie wächst vor allem in jenen Ländern Afrikas und Asiens, in denen die Nahrungsversorgung schon heute nicht sicher ist.
Es sind Jahrhundertfluten hier, Jahrhundertdürren dort, die Folgen des Klimawandels mit anderen Worten, die in wechselnden Weltgegenden mit zunehmender Intensität die Landwirtschaft zum Erliegen bringen. Es sind, derzeit vor allem in Afrika, die unaufhörlichen Kriege, das „menschliche Versagen” also, das ganze Völkerschaften in den Hunger treibt.
Das alles könnte die Welt ausgleichen; die Kornspeicher sind voll, die Ernte gerade des ausgehenden Jahres bleibt nur knapp unter den Allzeitrekorden. Doch der Fehler liegt im Weltwirtschaftssystem. Er tritt nirgendwo deutlicher zutage als in den Ländern, die Hunger leiden. Es sind praktisch alles Gesellschaften, die agrarisch strukturiert sind. Italienische Experten spitzen das auf die Formel zu: 80 Prozent der Hungernden sind Bauern.
Kleinbauern sind es, genauer gesagt. 85 Prozent der „Landgüter” auf dieser Welt sind nach Angaben der FAO kleiner als zwei Hektar; Kleinbauern und ihre Familien machen ein Drittel der Weltbevölkerung aus. Deswegen will die FAO auch bei den Kleinbauern ansetzen. Deren Problem gerade in der Dritten Welt ist es, dass sie nicht rationell, nicht billig genug produzieren können und im Lauf der vergangenen Jahrzehnte sowohl von der Masse als auch von den Preisen jener Lebensmittel plattgewalzt worden sind, die aus den - auch agrarisch - industrialisierten Ländern der Nordhalbkugel importiert wurden.
Selbst gutgemeinte „Hungerhilfen” haben mehr geschadet als genützt: die Lieferung von Lebensmitteln hat zahlreiche heimische Landwirtschaften eben nicht auf die Beine gebracht, sondern ihr Elend vergrößert. Da mit all dem aber diesen Ländern die einzige Möglichkeit zur Wertschöpfung genommen wurde, fehlt ihnen nun auch das Geld, die in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegenen Lebensmittelpreise bezahlen zu können. Die Schere zwischen Nord und Süd öffnet sich weiter. Die Preise heute, so sagt die FAO, lägen zwar unter dem Niveau von 2007/08, als Börsenspekulationen gerade den Reis - als Welt-Hauptnahrungsmittel - in unerreichbare Höhen gejagt hatten; spürbar billiger aber würden die Lebensmittel auf Jahre hinaus auch nicht.
Jacques Diouf, der FAO-Generalsekretär aus dem Senegal, verlangt dringend, dass die reichen Staaten pro Jahr weitere 44 Milliarden Dollar für die Landwirtschaftsentwicklung in den armen Staaten locker machen. Das wäre zwar etwa viermal so viel wie heute - anders betrachtet aber lediglich eine Rückkehr auf das Niveau der achtziger Jahre. Seit damals sind unter dem Credo des „freien”, des „vom Markt geregelten” Handels Hunderte von Milliarden eingespart worden; agrarische Hilfsstrukturen wurden abgebaut. Das aber hat die heute hungernden Länder überfordert: So weit waren sie mit ihrer Entwicklung noch nicht.
Hinzu kam, dass sich das verbreitete Problem der staatlich gesteuerten oder geförderten Misswirtschaft - in despotisch regierten Ländern Afrikas zum Beispiel - durch die „bestrafende” Verknappung internationaler Mittel nicht erledigt hat: Es kam nur noch weniger Geld ganz unten an, bei denen, die es dringend gebraucht hätten.
Benedikt XVI. will der Welt ins Gewissen reden
Heute beginnt am Sitz der FAO in Rom wieder einmal ein Welternährungsgipfel. 60 Staats- und Regierungschefs sollen zugesagt haben, versichert Generalsekretär Diouf. Aber da er nicht verraten will, wer sich angemeldet hat, können es so furchtbar gewichtige Persönlichkeiten nicht sein. Libyens Ghaddafi wird offenbar kommen, Zimbabwes Mugabe - aber Leute wie sie tragen zur Bekämpfung des Welthungers eher wenig bei. Friedensnobelpreisträger Barack Obama fehlt. Er ist in China.
Immerhin: Jacques Diouf freut sich, dass der „Gipfel” einen starken „spirituellen und moralischen” Impuls bekommen wird: Gleich zu Beginn der dreitägigen Versammlung will Papst Benedikt XVI. dieser Welt ins Gewissen reden. Und Diouf selbst hat eine Internetpetition gestartet, eine Art Volksbegehren gegen den Hunger, das Druck auf die Politiker ausüben soll. Diouf hofft auf eine Milliarde Klicks. Dann bekäme beinahe jeder Hungernde einen Unterstützer. Mathematisch. NRZ

22:45
Da hilft nur eins, spendet endlich ihr Schmarotzer Einsicht allein bringt die Hungernden nicht weiter.
16:25
Leider sind wir mitschuldig. Es gibt viele Gründe, unsere Agrar- und Exportsubventionen, das Leerfischen der Seen vor Afrika, wodurch wir Piraten erzeugen, den Waffenexport (statistisch soll jeder Beschäftigte bei Rheinmetall für 30 Tote verantwortlich sein), unsere Gier nach Fleisch, obwohl der Verzicht auf Aas Essen billiger machen würde usw.
14:18
Also für alle HartzIV, wollen mal sehen ob die auch so unzufrieden sind? Nix Arbeit viel Brot.
12:11
Wenn sie mal mit einer Milliarde Menschen auskommen .
Wir leben halt wie die Made im Speck auf Kosten anderer !
11:39
Nun ja, so ist der Kapitalismus.