Wenn der Spitzel hinterm Warenregal hockt

Moderne Form der Überwachung: Videokamera an der Decke. Bei der Drogeriekette Schlecker wurden die Mitarbeiter durch Löcher in den Regalen beobachtet.
Moderne Form der Überwachung: Videokamera an der Decke. Bei der Drogeriekette Schlecker wurden die Mitarbeiter durch Löcher in den Regalen beobachtet.
Foto: getty
Was wir bereits wissen
Ob Lidl, Deutsche Bahn oder Telekom: Viele Unternehmen haben Mitarbeiter bespitzelt. Drogist Schlecker ging bei der Kontrolle besonders weit.

Essen.. Der Lebensmitteldiscounter Lidl wurde bereits vor zehn Jahren mit dem „Big Brother Award“ ausgezeichnet. Den Negativpreis erhielt das Unternehmen, weil es die Privatsphäre seiner Mitarbeiter grob missachtet hatte. Lidl befand sich damit in ,,bester“ Gesellschaft mit anderen Unternehmen, die ih­re Mitarbeiter bespitzelten.

Für einen Riesenskandal sorgte schon in den 90ern die Drogeriekette Schlecker. In ihren Filialen gab es hinter den Warenregalen Hohlräume, in die sich vor Dienstbeginn Detektive quet­schten, um dort bis zum Abend – mit Schreibzeug, Butterbrot und Pinkeleimer ausgerüstet – Stellung zu halten. Durch die Löcher in der Regalrückseite überprüften sie, ob Mitarbeiter Waren mitgehen ließen.

„Informiert hat uns keiner. Aber wir wussten, was los ist. Manchmal hat man ein Husten gehört, einige Kolleginnen haben die Spitzel auch ertappt und sich furchtbar erschreckt“, erzählte damals eine Mitarbeiterin. Mit dieser Überwachungsmethode wollte man bei dem vor zwei Jahren in die Insolvenz gegangenen Drogisten unbequeme Personen ruhig stellen und Betriebsratsgründungen verhindern. „Wenn eine Betriebsratsgründung ansteht, lautet die Frage: Findet der Detektiv was beim Rädelsführer, um ihn loszuwerden?“, sagte ein Ex-Manager.

Auch Lidl scherte sich nicht um die Persönlichkeitsrechte seiner Beschäftigten. In Hunderten Protokollen wurde – jeweils mit Tag und Uhrzeit – notiert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat, wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder„introvertiert und naiv wirkt“.

Die meisten Einsätze wurden aus Lidl-Filialen in Niedersachsen bekannt. Nach Recherchen des „Stern“ aus dem Jahre 2008 funktionierte die Überwachung immer nach diesem Muster: Montagsmorgens installierten Detektive in der jeweiligen Filiale mehrere Miniaturkameras. Dem Filialleiter wurde erzählt, es gehe darum, Ladendiebe aufzuspüren. Tatsächlich notierten die Detektive aber ihre genauen Beobachtungen der Lidl-Mitarbeiter. Auch bei anderen Discountern wie Aldi, Penny, Netto und Norma, Rewe und Edeka soll es nach Angaben des „Stern“ Bespitzelungen gegeben haben.

In eine Bespitzelungsaffäre geriet auch die Deutsche Telekom. In den Jahren 2005 und 2006 ließ sie die Telefon-Verbindungsdaten von Managern und Aufsichtsräten zu Journalisten auswerten. Insbesondere die Telefondaten von Vertretern der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat sollen zeitweise überwacht worden sein.

Die Deutsche Bahn hat in den Jahren 2002 und 2003 rund 173.000 Mitarbeiter im Zuge eines Datenabgleichs auf Korruption überprüft. Die Daten wurden mit jenen von 80 000 Firmen abgeglichen, mit denen die Bahn geschäftlich verbunden war.

In den USA gehen überfürsorgliche Eltern so weit, ihre angestellten Kindermädchen per Video überwachen zu lassen. In China kontrollieren Kameras die Arbeit der Erzieher in Kindergärten. Viele Arbeitnehmer werden auf subtilen Wegen überwacht, meist ohne es zu merken. Computerprogramme registrieren ihre Aktivitäten, ob sie im Netz surfen oder E-Mails schreiben – im Zweifel liest der Arbeitgeber mit.