Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Kampagnen

Was uns Wahlwerbung erzählen will

21.05.2009 | 08:57 Uhr
Was uns Wahlwerbung erzählen will

Essen. Warum guckt auf dem CDU-Plakat ein Kind aus dem Einkaufswagen und was heißt das groß gedruckte "Wums!" der Grünen. Kommunikationspsychologisch steht uns in diesem Jahr einiges bevor. Erst geht es noch um die Europa-Wahl. Zum Warmlaufen für die Kampagnen der Bundestagswahl.

Die ersten Wahlplakate sind da. Und wie immer geben sie Anlass zum Grübeln. Was wollen uns die rätselhaften Botschaften mitteilen?

Das groß gedruckte „Wums!” auf einem Plakat der Grünen zum Beispiel. Es wird zwar im Kleingedruckten unten aufgelöst (Wirtschaft & Umwelt, Menschlich & Sozial), aber was bedeutet das Bild? Sind das Zahnräder? Und wenn ja, warum?

Warum guckt auf dem CDU-Plakat („Wir in Europa”) ein Kind mit aufgestützten Armen aus einem Einkaufswagen, und was für ein schwarz-rot-goldener Bildschirm ist das neben ihm? Was bedeuten die Puzzlespiel-Plättchen auf dem Plakat der FDP, betitelt mit „Stark vor Ort”? Und was macht der Fön auf dem SPD-Plakat? Welcher Sinn versteckt sich in dem Spruch darüber: „Heiße Luft würde Die Linke wählen”?

Stecken vielleicht raffinierte Strategien der Beeinflussung dahinter, die der Laie nicht so ohne weiteres durchschaut? Kommunikationspsychologisch steht uns in diesem Jahr einiges bevor. Vorerst geht es noch um die Europa-Wahl. Zum Warmlaufen für den ganz großen Werbeauftritt vor der Bundestagswahl.

Beklommen denkt man daran, dass in der Werbepsychologie mittlerweile einige beinahe unheimliche Methoden entwickelt worden sind. Etwa das Neuromarketing, bei dem mittels Kernspintomographie die Hirnaktivität von Probanden beim Anblick von Produkten und Marken gemessen wird. Auch von der unbemerkten Beeinflussung durch unterschwellige (subliminale) Reize ist zu lesen.

Welche Tricks verbergen sich hinter unseren Wahlplakaten?

Erkennbar ist die Anwendung der so genannten „Text-Bild-Interaktion”. Das ist die hohe Kunst der Werbegestaltung. Schon in den 60er-Jahren wurde sie von Designern gern angewendet, da sie Kreativität erfordert. Ein Bildmotiv, das für sich allein unverständlich wäre, wird kombiniert mit einer Headline, die allein ebenfalls unverständlich bliebe. Etwa die Zeile „Alle reden vom Wetter. Wir nicht” zusammen mit dem Foto einer Eisenbahn (für die Bundesbahn) oder auch der Abbildung von Marx, Engels, Lenin (für den SDS).

Erst durch die Kombination ergibt sich der Sinn, und der Betrachter ist überrascht und erfreut. Manchmal ergibt auch die Kombination keinen Sinn. Aber wie wir an den neuen Plakaten feststellen: überrascht ist man trotzdem.

Eine weitere Vermutung drängt sich auf. Wurde mit „inneren Bildern” gearbeitet? Die Imagery-Forschung seit den 70er-Jahren hat gezeigt, dass Bilder dabei helfen, eine Botschaft im Gedächtnis zu verankern. Schafft man durch wiederholte Darbietung eine Assoziation zwischen einem Werbeobjekt und einem gefühlsbesetzten Gegenstand, können sich diese Gefühle unbewusst auf das Werbeobjekt übertragen.

Hier zeigen die verschiedenen Parteien erstaunliche Übereinstimmung. Die Bilder, die sie benutzen, stammen sämtlich aus dem Themenkreis „Abenteuer Haushalt”, mit Kinderaugen betrachtet: im Einkaufswagen fahren, Luft aus dem Fön pusten, puzzeln, schrauben, wums! Beruhigend. Das sind dann doch die harmloseren Bezirke des Unbewussten. Die Parteien bedienen sich keiner durchtriebenen Suggestion. Darüber können wir froh sein, das ist die gute Nachricht dahinter.

Für wen werden eigentlich die Wahlplakate gemacht?

Da wären erstens die Stammwähler, die schon jetzt wissen, wen sie wählen. Sie benötigen ein so genanntes „reinforcement”, eine Bekräftigung. (Herzlichen Glückwunsch, Sie haben richtig entschieden! -„Wums!” ) Darüber hinaus will man ihnen signalisieren: Wir sind da, und wir werden es schaffen („Wir in Europa”).

Die Wechselwähler dagegen, die noch Unentschiedenen, könnten Stimmen bringen, müssen aber überzeugt werden. Diesen Prozess untersucht die Persuasionsforschung, eine alte Disziplin, in der seit Aristoteles gestritten wird. Aber als gesichert gilt: Von allzu weit entfernten Positionen kann man niemanden zu sich herüber ziehen. Man muss bei den Gemeinsamkeiten ansetzen (kritisch gegen „heiße Luft”?), die Überlegung „Wen würde ich wählen” zum Thema machen.

In der ersten berühmten Wahlkampfstudie in den USA („The People's Choice”, 1944) entdeckte man eine weitere Wählergruppe. Auf sie wirkt der „Bandwagon-Effekt”: Wo die Musik spielt, da laufen alle hin! Diese Wähler entscheiden sich erst in letzter Minute für den Stärksten, weil sie am Sieg teil haben wollen („I wanted to vote for the winner.”) Ihnen muss die Wahlwerbung sagen: Wir sind stark! („Stark vor Ort.”)

Welche der Wählergruppen man in erster Linie mit der Wahlwerbung ansprechen will, hängt von der Situation ab. Welche Wirkung man überhaupt erzielen kann, wird auch unter Experten heftig diskutiert.

Dabei wird die wahre Antwort übersehen: Gewählt wird nicht wegen, sondern trotz der Wahlplakate. Sie sind der endgültige Härtetest für den Stammwähler. Wer sich vom Wahlkampf-Auftritt der eigenen Partei nicht abschrecken lässt und sie dennoch wählt, der ist wirklich überzeugt.

Simone Andersen

Facebook
 
Kommentare
22.05.2009
12:17
Was uns Wahlwerbung erzählen will
von 98und8 | #21

Stimmenthaltung oder Stimmzettel ungültig machen ist Quatsch!

Wählbare Alternative gesucht? Hier ist sie:

Wer resigniert, verliert

Viele Menschen wenden sich von der Politik ab und resignieren. Das zeigt sich deutlich in der immer geringer werdenden Wahlbeteiligung.

Wenn bei Landtagswahlen nur noch die Hälfte der Bürger zur Wahl geht, offenbart dies, dass die Menschen von unserer Demokratie nichts mehr erwarten: Dies aber ist eine staatspolitisch hochgefährliche Entwicklung. Dagegen muss man angehen.

Den großen Parteien ist es egal, wenn die Wähler resignieren, sich abwenden und nicht mehr zur Wahl gehen. Denn: gleichgültig, ob 50 Prozent der Bevölkerung von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen oder 100 Prozent: Die Parlamente werden immer voll, d.h. zu 100 Prozent besetzt. Die Parteien verlieren kein einziges Abgeordnetenmandat.

Es ist deshab ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, man könne die Parteien abstrafen, indem man nicht mehr wählt.

Als Beispiel das Land Brandenburg: SPD und CDU haben bei der letzten Landtagswahl jeweils 7 Prozent verloren, beide zusammen über 14 Prozent: Dies war ein deutlicher Ausdruck der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der rot-schwarzen Koalition in Potsdam. Konsequenzen? Keine!

Wen vertreten SPD und CDU denn in Wahrheit noch?

Die SPD hat 32 Prozent bekommen. Klingt nicht schlecht. Aber bei einer Wahlbeteiligung von nur 50 Prozent hat sie gerade noch 16 Prozent der Bürger hinter sich: im Grunde genommen ist sie zu einer mittelgroßen Partei geworden.

Bei der CDU noch schlimmer: Sie hat 19 Prozent gewonnen, effektiv sind das aber nicht einmal zehn Prozent der Bürger. Die beiden führen sich aber auf, als ob ihnen das ganze Land gehörte: Parteibuchwirtschaft in den Behörden, selbst in der Justiz, von Rundfunk und Fernsehen gar nicht zu reden.

Und so ist es nicht nur im kleinen Land Brandenburg, sondern in der Bundesrepublik insgesamt.
Wählen gehen!

Also: Wenn der Wähler den etablierten Parteien zeigen will, dass er mit ihnen unzufrieden ist, dann bringt Wahlenthaltung gar nichts. Da lachen die sich nur ins Fäustchen.



http://www.50plus-bund.de/vorstand/index.php

PS: die sind auch gegen den EU-Beitritt der Türkei!

22.05.2009
06:53
Was uns Wahlwerbung erzählen will
von Bobo | #20

Jede Art von Werbung ist schwachsinn. Werbung will die Menschen mit Unwahrheiten einlullen. Das gilt auch für Wahlplakate. Sie versuchen uns Dinge zu verkaufen, die nicht der Realität entsprechen. Über Parteien entscheide ich in den Jahren zischen den Wahlen. Und da sieht es recht düster aus in unserem Land. Ein Wahlplakat kann mich da nicht beeinflussen. Ich schaue, höre und sehe einfach keine Werbung mehr. Das kann man regelrecht trainieren. Und plötzlich merk man, wie schön das Leben ohne diese hohlen und verdummenden Werbespots sein kann. Und das gilt auch ganz besonders für Wahlwerbungen.

22.05.2009
06:02
Was uns Wahlwerbung erzählen will
von dasKollektiv | #19

Werbung macht, oder brauchen nur für Produkte die kaum einer wirklich braucht..!

21.05.2009
20:18
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #18

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.05.2009
20:07
Was uns Wahlwerbung erzählen will
von wbamg | #17

Wer einmal, wie ich einen offiziellen Kommentar an einen politischen Mandatsträger geschickt hat und eine bla-bla Standartantwort bekommen hat, weiß was unsere Parteien wert sind. Ab in die Tonne mit allen.

21.05.2009
11:40
Blockierter Kommentar.
von daniel.otto | #16

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.05.2009
11:39
Was uns Wahlwerbung erzählen will
von supply | #15

Das die Volksverschwörer uns alle für total verblödet halten....und die Wahlergebnisse sind dann die Bestätigung für deren vermutung.....!

21.05.2009
11:08
Blockierter Kommentar.
von lohuba04 | #14

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

21.05.2009
10:04
Was uns Wahlwerbung erzählen will
von Pit01 | #13

Ich stelle mir mal gerade vor, was man mit dem Geld alles machen könnte. Völliger Humbug diese Werbung. Die Politiker könnten mit guten Taten werben, das stünde dann in der Zeitung oder würde durch anderen Medien verbreitet. Aber ich habe da wohl nur phantasiert.

21.05.2009
08:59
Was uns Wahlwerbung erzählen will
von Meinemal | #12

Wahlwerbung ist für mich nichts Anderes als eine Alibifunktion zur Parteienfinanzierung. Nebenbei lässt sich noch genügend Geld vom Steuerzahler abgreifen, damit sich Parteioberen ihr Haus in der Toscana leisten können. Was mag wohl die Untersuchung über Sinn und Unsinn der Wahlwerbung dem Steuerzahler gekostet haben ? Mein Wahlverhalten wurde noch nie durch bunte Bildchen oder Wahlsprüche beeinflusst !

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/311356/create

Umfrage
Bürger sollen künftig häufiger gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Können Sie sich vorstellen, Organspender zu werden?
 
Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
David McAllister geht "baden"
Bildgalerie
Boot kentert
Triumph der Sozialisten
Bildgalerie
Frankreich
Aus dem Ressort
UN-Sicherheitsrat verurteilt Massaker in Hula
Syrien
Nach anfänglichem Widerstand Russlands hat der UN-Sicherheitsrat einstimmig und in scharfem Ton die syrische Regierung für das Massaker in Hula verantwortlich gemacht. Bei den Angriffen habe es eine "Schussserie von Panzern und Regierungsartillerie" auf eine Wohngegend gegeben.
Video 13 Kommentare 13
NRW gegen Pkw-Maut - Autofahrer besonders stark belastet
Verkehr
Autofahrer in NRW wären von der Pkw-Maut besonders stark betroffen. Daher lehnt Verkehrsminister Harry K.Voigtsberger die Einführung einer Maut-Vignette entschieden ab. Der NRW-Minister äußerte die Sorge, dass die NRW-Autofahrer so für bayerische Verkehrsprojekte zahlen müssten.