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Inklusion

Was Menschen mit Behinderung von Inklusion halten

23.12.2015 | 15:30 Uhr
Was Menschen mit Behinderung von Inklusion halten
Die „Lebenshilfe Dortmund“ ermöglicht Max (links) das Wohnen in einer inklusiven Hausgemeinschaft mit behinderten und nicht behinderten Nachbarn. Daneben: Mitbewohnerin Laura, Matthias, Steffanie und Manuel.Foto: Kai Kitschenberg

Dortmund.   Viele Menschen mit Behinderung wollen sich nicht in Watte packen lassen. Sie träumen von besseren Jobs, neuen Freunden oder Sport im Verein.

Warum ist das eigentlich so schwer? Warum rede ich hier nicht unbefangen? Warum frage ich mich, ob ich in dieser Runde einfach so „behindert“ und „normal“ sagen darf? Kann man von „Handicaps“ sprechen oder ist das nur was für Golfspieler? Wird man mir hier etwas übel nehmen?

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Nein, Steffanie, Manuel, Matthias und Max werden mir nichts übel nehmen. Sie sitzen auf einem grauen Sofa vor einer roten Wand, lächeln gelassen und warten auf Fragen. Aber unser Gespräch ist zunächst nicht ganz barrierefrei. Das liegt nicht an Steffanie, Manuel, Matthias und Max. Es liegt auch nicht am Thema „Inklusion“, das uns hier zusammenführt: Es liegt an mir. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Und mir klingen noch die mahnenden Worte einer Leserin im Ohr, die mir am Telefon sagte: „Sie müssen ,Menschen mit Behinderung’ schreiben, nicht ,Behinderte’“.

„Inklusion“ scheint wie ein Minenfeld zu sein. Egal wo du hinläufst, immer explodiert was. Und jeder gibt seinen Sprengstoff dazu: Lehrer, Eltern, Gewerkschaften, Politiker, Fachleute fürs Trennen und fürs Zusammenführen. Selten aber werden die gefragt, die es vor allen anderen angeht. Darum dieses Gespräch in einem Haus der „Lebenshilfe Dortmund“. Steffanie, Manuel, Matthias und Max sollen sagen, was sie von Inklusion halten, das ist die Idee.

„Es ist schwer, nicht behinderte Freunde zu finden“

Bei Max (23) ist das einfach. Er kann seine Haltung zur Inklusion zwar nicht mit Worten erklären, aber er lebt sie vor. Max teilt sich seine Wohnung mit zwei Studentinnen. Es ist, wie jede gute WG, eine Gemeinschaft mit Rechten und Pflichten. Die Pflichten stehen in einem Kreidekreis an der Wand: „Küche reinigen“, „Müll rausbringen“, „Flur reinigen“ und solche Sachen. Ab und zu nehmen die Frauen Max mit auf eine Studentenparty. Zusammen feiern, lachen, Quatsch machen – auch das ist Inklusion, vielleicht sogar der wichtigste Teil davon.

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Matthias (32) ist eher der nachdenkliche Typ. Er war, wie die anderen, auf einer Förderschule, und hat Zweifel, ob es ihm in einer anderen Schule besser ergangen wäre. Menschen ohne Behinderungen sehen die mit Behinderung manchmal komisch an, hat er erfahren. Er ärgert sich, wenn sich auf seiner Arbeit in einem großen Möbellager jemand über die 20 Kollegen aus der Behindertenwerkstatt lustig macht. Aber er sagt auch: „Wir sind untereinander auch nicht immer nett.“ Gemischte Gruppen, das wäre bei der Arbeit wohl das Beste. Und in der Freizeit auch. „Aber es ist schwer, nicht behinderte Freunde zu finden“, weiß Matthias. Die anderen nicken.

Trommeln bei „Glück auf“

Er selbst hat sich ein gutes Stück rausgearbeitet aus den vielen Schutzräumen, die Menschen mit Behinderung umgeben. Er trommelt im Spielmannszug „Glück auf“ 1867 Dortmund. Außerdem gehört er einem Schützenverein an. „Die wissen alle von meinen Einschränkungen, aber das macht nichts. Da fühle ich mich wohl.“

Das Leben von Menschen mit Behinderung ist oftmals in sonderpädagogische Watte gepackt. In Fürsorge von der Wiege bis ins hohe Alter. Irgendeiner kümmert sich immer. Das ist gut, aber ein Traum scheint das nicht zu sein. Matthias hat andere Ideen: „Wenn ich keinen Schwerbehindertenschein hätte, würde ich einen Bus oder einen Lastwagen fahren. Ich will nicht immer auf einer Stelle sein, ich bräuchte mehr Abwechslung.“

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Steffanie (30) träumt von einem Job im Dortmunder Zoo. Mit Tieren hat sie zwar viel zu tun, auf einem Reiterhof der AWO in Lünen, aber eine richtige Arbeit im Zoo, das wäre noch etwas ganz anderes. Ihr kühnster Traum aber ist ein sportlicher. „Ich liebe Basketball und Volleyball. Und das wäre überhaupt das Schönste, in einem Verein zu spielen“, erzählt sie. Und gleich danach fügt Steffanie etwas resigniert hinzu: „Unvorstellbar.“ Sie hat sich nie getraut, bei einem Verein anzuklopfen. Ihr Partner Manuel (32) hat schon längst seinen „Traumjob“: Er ist Hausmeister bei der „Lebenshilfe“. Nur eins könne dies noch toppen, meint er: „Arbeiten beim BVB. Egal was.“

Ein Aufzug nützt wenig, wenn der Weg dorthin über eine Treppe führt

Im Erdgeschoss der „Lebenshilfe“ treffe ich Petra Hollmeier (56) in ihrer Wohnung. Sie hat einen Erfahrungsvorsprung vor Steffanie, Manuel, Matthias und Max. Frau Hollmeier kennt das Leben mit und ohne Behinderung. Seit fast sechs Jahren kann sie nicht mehr arbeiten, seit eineinhalb Jahren ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Folge von mehreren schweren Erkrankungen.

Ihre Sicht auf das Leben änderte sich mit der Behinderung fundamental. „Du stellst auf einmal fest, dass jede Wohnung, jede Stadt voller Hindernisse ist“, sagt sie. „Stellen Sie sich vor: Ich rufe in einer Arztpraxis an und frage, ob sie barrierefrei ist. Die sagen mir: ,Ja, natürlich, wir haben einen Aufzug’. Und dann komme ich dorthin und finde mehrere Stufen vor dem Fahrstuhl.“

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Petra Hollmeier erlebt jeden Tag, wie unbeholfen manche Leute mit behinderten Menschen umgehen. „Die einen lächeln einen an. Andere schauen mitleidig, wieder andere schauen weg.“ Jüngere, das hat sie festgestellt, sind in der Regel mitfühlender als Ältere. „Sie behandeln dich normal, und so sollte es ja sein.“ Hilfsbereit seien viele, aber die Hilfsbereitschaft nehme mit dem Alter leider spürbar ab.

Aus allem, was diese fünf Menschen an diesem Tag erzählen, spricht Sehnsucht. Nach mehr Miteinander, nach weniger Hindernissen, nach weniger Watte, nach Jobs außerhalb spezieller Werkstätten, nach Familie. Steffanie und Manuel haben einen kleinen Sohn, der aber nicht bei ihnen lebt. Vielleicht könnten diese Dinge auch ganz anders laufen. „Die Menschen sind gleich“, da ist sich Manuel sicher.

Matthias Korfmann

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Kommentare
25.12.2015
15:55
Was Menschen mit Behinderung von Inklusion halten
von Woelfi12 | #6

Man sollte einmal die Frage stellen, was Behinderung ist und von wem sie ausgeht. Ich selbst bin Autist (das ist angeboren und nach heutigem...
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2015-12-23 15:30
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