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Kriminalität

Was für ein Mensch ist der Amokläufer von Norwegen?

25.07.2011 | 07:28 Uhr
Was für ein Mensch ist der Amokläufer von Norwegen?
So setzte er sich vor der Bluttat selbst in Szene: Anders Breivik im Taucheranzug mit der Waffe im Anschlag.

Oslo.   Anders Breivik sieht aus wie ein Bilderbuch-Norweger – blond, blaue Augen. Ein bislang unauffälliger 32-Jähriger. 93 Menschen soll er auf dem Gewissen haben. Wer ist der Mann, der ein Bomben-Attentat in Oslo verübte, danach auf der norwegischen Ferieninsel Utoya Amok lief und dort Jagd auf Jugendliche machte?

Eineinhalb Stunden lang jagte Anders Behring Breivik auf der Ferieninsel Utoya seine Opfer. Er ließ ihnen keine Chance. Er erschoss die Jugendlichen kaltblütig, bevor er sich von der Polizei widerstandslos festnehmen ließ. „Grausam, aber notwendig“, sagt er später im Verhör, seien seine Taten gewesen. Er habe Europa vor „Marxismus und Islamisierung“ retten wollen. Wer ist der Mann, der mit den blauen Augen und den blonden Haaren aussieht wie ein Bilderbuch-Norweger und nun zum Massenmörder wurde?

Die Polizei nennt ihn einen „christlichen Fundamentalisten“ mit Kontakten zu rechtsextremen Kreisen. Außer ein paar leichteren Verkehrsdelikten ist in seinem Strafregister nichts zu finden.

Die Nachbarn in Oslo, wo er aufwuchs, beschreiben ihn und seine 60-jährige Mutter als ganz gewöhnlichen netten Nachbarn. Sie leben in einem roten Backsteinhaus in einem ruhigen und gediegenen Viertel im Westen der Stadt. „Für mich war er ein Allerweltsmensch“, sagt Emil Finneruo, der mit dem 32-Jährigen in die Schule ging und um die Ecke lebt. „Der klassische Typ halt: weiß, Mittelklasse, immer sauber und ordentlich.“

Anders Breivik ging auf das Handelsgymnasium in Oslo und war mehrere Jahre aktives Mitglied in der gemäßigt rechtspopulistischen Fortschrittspartei, die inzwischen stimmenmäßig zu den stärksten politischen Kräften des Landes gehört. 2002 war er für wenige Monate sogar Vorsitzender einer Stadtteilgruppe der Partei. Bestätigt wurde auch, dass Anders Breivik gern das Computerspiel „World of Warcraft“ spielte. Er selbst bezeichnete sich auf seiner Facebook-Seite als christlich und konservativ. Als Lieblingsbücher gibt er unter anderem Kafkas „Prozess“ an und John Stuart Mills „On Liberty“.

Kreuzritter im Kampf

Seine Waffen, eine Pistole und zwei automatische Gewehre, waren ordnungsgemäß mit Waffenschein angemeldet. Er ging regelmäßig zu einem Schützenclub in Oslo und lobte unter anderem den niederländischen Islamkritiker und Rechtspopulisten ­Geert Wilders, der die Bluttat gestern verurteilte.

Breiviks Hass auf den Islam ist ebenso tief wie der Hass auf die Sozialdemokratische Partei Norwegens, die seit Jahrzehnten das Land dominiert wie keine andere politische Kraft. Im Internet schimpft Breivik über Seilschaften, über die „Stoltenberg-Jugend“ und über eine Arbeiterpartei, die ihr eigenes Volk verrate und verkaufe unter anderem an Muslime.

Seit Jahren schrieb er an einem Manifest, das am Ende 1516 Seiten hatte und das der 32-Jährige kurz vor der Tat per Internet verschickte. Es ist inzwischen im Internet im Umlauf. Darin stilisiert sich der 32-Jährige zum Kreuzritter im Kampf gegen die seiner Meinung nach falsche Entwicklung in Europa.

Aus dem teilweise als Tagebuch geführten Dokument geht hervor, dass er seine Taten mindestens seit Herbst 2009 plante. Es sind Anleitungen zum Bombenbau enthalten und er beschreibt, wie er mit Hilfe des Internets die Autobombe zusammenbastelte. Um Ruhe dafür zu haben, hatte er sich eine einsam gelegene Farm angemietet.

Das Manifest ist in Englisch geschrieben

Breivik, der sich als Chef eines Biobauernhofes ausgab, kaufte Anfang Mai sechs Tonnen Dünger, aus denen er offenbar die Bombe baute, die im Regierungsviertel von Oslo in die Luft ging. Angeblich wohnte er bei seiner Mutter, um Geld für den Anschlagstag zu sparen. Laut Tagebuch begann er erst Anfang Juli mit den detaillierten Anschlagsvorbereitungen. Er fuhr die Strecken ab, präparierte die Munition.

Das Manifest ist in Englisch geschrieben und hat den Titel „Eine europäische Unabhängigkeitserklärung – 2083“. Darin rechtfertigt der Norweger auch den Terrorismus „als ein Mittel, um die Massen aufzuwecken“. Die 1516 Seiten, die mit dem Pseudonym Andrew Berwick unterschrieben sind, sind voll mit rechtsradikalem Gedankengut und Islamfeindlichkeit. Viele dieser Seiten sind nach Informationen von Spiegel online nicht von Breivik selbst verfasst, sondern von ihm kopiert worden – von vielen anderen Seiten rechtsextremer Blogger.

Aber die Schrift enthält auch viel Persönliches. In den Tagebuchpassagen erwähnt er seinen Stiefvater. Er sei ein „sexuelles Biest“ gewesen.

Alle werden mich
verabscheuen

Auf Seite 1436 schreibt Attentäter Breivik , was nun passieren wird: „Ich werde als das größte (Nazi-) Monster beschrieben werden, das es seit dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat.“ Alle Freunde und die Familie würden ihn verabscheuen. Die Multikultipresse werde ihn dämonisieren. Aber „ich habe eine extrem starke Psyche“. Sie sei stärker als bei irgendjemandem, „den ich je gekannt habe“. (mit rtr/dapd)

Andre Anwar

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Kommentare
25.07.2011
09:12
Was für ein Mensch ist der Amokläufer von Norwegen?
von mendener89 | #3

*Ironie an*
Sehr schön auch die üblichen Seitenhiebe auf Killerspiele World of Warcraft und Schützenvereine in diesem Zusammenhang.
*Ironie aus*

25.07.2011
08:49
Was für ein Mensch ist der Amokläufer von Norwegen?
von Herold_Albert_Schincke | #2

Leider geht die Politik an vielen Bürgern in Europa vorbei.

Die Menschen werden nicht mehr wahr genommen. Durch Tricksereien sollen bei Wahlen die Bürger über den Tisch gezogen werden.

LEIDER häufen sich in vielen Bereichen die Gewalttaten. Bzw die Gewalltbreitschaft steigt generell enorm. Auch Staaten sind immer schneller in Kriege verwickelt.

Das sind die Zeichen unserer Zeit. Das zwanzigste Jahrtausend.
.

25.07.2011
08:22
Was für ein Mensch ist der Amokläufer von Norwegen?
von paul46 | #1

Religionen müssen ihre Friedensaufgabe wahrnehmen - heute mehr denn je!

Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Norwegen möchte ich an das jüngste Buch von Altkanzler Helmut Schmidt erinnern; in diesem Buch „Religion in der Verantwortung“ weist Altbundeskanzler Helmut Schmidt darauf hin, dass das Ausschließlichkeitsdenken der drei großen monotheistischen Religionen ein wesentlicher Grund ihrer Radikalisierung darstellt.

Der Massenmörder von Oslo macht in ersten Vernehmungen als Motiv für seine Tat deutlich, dass er Europa u.a. vor einer „Islamisierung“ habe retten wollen. Die folgenden Ausführungen zum Buch des Altbundeskanzlers weisen mit großem Ernst darauf hin, dass jegliche Form der Radikalisierung und Instrumentalisierung einer Religion dem eigentlichen Uranliegen aller Religionen widerspricht, denn Religionen wollen Menschen wieder mit Gott zurück-verbinden (lat. religare).

Jede Weltreligion erhebe heute – so Schmidt – Anspruch auf die eigene Wahrheit, statt sich gegenseitig zu respektieren und nach den gemeinsamen Wurzeln zu fragen. Dass die Kirchenführer – Imame und Rabbis genauso wie Bischöfe und Pfarrer – sich ihrer Verantwortung entziehen, beschwört nach Ansicht des Altkanzlers die Gefahr neuer Kriege und weltweiter Konflikte herauf.

Man muss von einem menschlichen Skandal sprechen, da bis in die heutigen Tage noch immer Menschen Opfer einer Ideologie werden, die zum einen von der Minderwertigkeit und Unterlegenheit der anderen Religion ausgeht und zum anderen von der Einzigartigkeit, heilsbringenden Exklusivität, wahren Authentizität göttliches Willens, Irrtumslosigkeit und Auserwähltheit der eigenen religiösen Anschauung überzeugt ist . Alle drei Religionen haben in Vergangenheit und Gegenwart sich wegen ihres zeitweise praktizierten militanten Sendungsbewusstseins eines solchen Skandals schuldig gemacht. „Haben wir nicht alle denselben Vater? Hat nicht der eine Gott uns alle erschaffen? Warum handeln wir dann treulos, einer gegen den anderen, und entweihen den Bund unserer Väter?“ (Mal.2,10)

Der Dialog zwischen den großen Weltreligion muss a priori zum Scheitern verurteilt sein, wenn Christen mit einem Wahrheitsmonopolanspruch Vertretern anderer Religionen die Gesprächsebene auf Augenhöhe verweigern; für einen Kommunikationsumgang par cum pari gibt es keine Alternative, wenn Religionen es ernst meinen, einen Beitrag für den Weltfrieden leisten zu wollen. Der Dialog zwischen den Religionen hat nur dann eine Chance, wenn Teilnehmer aller Religionen sich darauf verständigen, nicht im Besitz „der“ göttlichen Wahrheit, sondern im Besitz von Wahrnehmungen göttlicher Wahrheit zu sein.

Den von Samuel Huntington 1993 vorhergesagten „Clash of Civilazations“ hält Schmidt „für denkbar“. Von den vorhandenen religiösen Strömungen attestiert er dem Buddhismus die größte Friedensfähigkeit. Dem „Übel des Missionsgedankens“ misstraut er grundsätzlich: „Wer Andersgläubigen seine eigene Religion aufdrängen will, der ruft zwangsläufig Konflikte und in manchen Fällen Kriege hervor.“ Als Ausweg mit mehr religiöser und ideologischer Toleranz votiert er für die von dem Schweizer Theologen Hans Küng geleitete Initiative, aus den Religionen der Welt ein gemeinsames, quasi synkretistisches „Weltethos“ zu entwickeln.

Mit Recht moniert der Altkanzler auch heute noch zuweilen zutage tretende Grenzüberschreitungen von Klerikern in den politischen Raum hinein und erklärt: „Es gibt ganz gewiss Christen in der Politik, es gibt gewiss christliche Politiker – aber dass es eine christliche Politik gäbe, daran habe ich allergrößte Zweifel.“ In seiner Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ hatte das 2. Vatikanische Konzil (1962-65) bereits die „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ und damit die Eigenständigkeit der Politik, der Kultur und auch der Wirtschaft als originäre Aufgabenbereiche der Laien in der Welt hervorgehoben.

Schmidt nennt sich allein deshalb „immer noch einen Christen und bleibe in der Kirche, weil sie Gegengewichte setzt gegen moralischen Verfall in unserer Gesellschaft und weil sie Halt bietet“.
…..
„Ich glaube, Vertrauen auf den Herrn der Geschichte gibt uns auch den Mut dazu, Ängste auszuhalten; diese Welt, so wie sie wirklich ist, als Heimat anzunehmen und diese Welt, wo sie noch nicht Heimat ist oder wo sie es nicht mehr ist, wieder zur Heimat zu machen.“

Für Schmidt steigt vor allem im Zeitalter der Globalisierung die Bedeutung der Religionen, da diesen einen eine zentrale Aufgabe bei der Bewahrung der Schöpfung, des Friedens und einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit zukomme.

Vor dem Hintergrund der weltweiten politischen Konfliktherde, von denen viele sehr wohl auch eine religiöse Dimension haben, kann jeder für den Frieden Verantwortliche nur zu dem Urteil kommen, dass wir nicht weniger, sondern mehr Kontakte zwischen den Religionen benötigen, um gegenseitig Informationen auszutauschen, Vorurteile abzubauen und nicht müde werden, von den Weltreligionen den notwendigen und unverzichtbaren Beitrag aller Religionen zur Schaffung einer gerechteren und menschwürdigeren Welt unablässig mit Nachdruck und Vehemenz einzufordern.

Das Christentum muss sich neben und nicht über anderen Religionen verstehen und diese Religionen ebenso akzeptieren, wie wir ja auch kulturelle Verschiedenheit nicht als Mangel, sondern als Reichtum erleben. In ihrer Vielfalt können die Religionen einander ergänzen und korrigieren. In dem Dokument des 2. Vatikanischen Konzils „Nostra aetate“ hieß es noch von der katholischen Kirche im Hinblick zu den anderen Weltreligionen : „ Mit aufrechtem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“ Angelus Silesius, ein schlesischer Mystiker, formulierte bereits im 17. Jahrhundert : „Man kann den höchsten Gott mit allen Namen nennen, man kann ihm wiederum nicht einen zuerkennen.“

Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Norwegen können die Überlegungen Schmidts gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Religionen können sich nur dadurch legitimieren, indem sie Dienst am Menschen leisten – diese zentrale Aufgabe schließt Ansprüche auf Monopolansprüche göttlicher Wahrheiten aus und weist den Weg der Religionen in eine Richtung, der nicht von Besitzansprüchen, Eitelkeiten und Herrschaftsgelüsten geprägt ist, sondern sich dem Grundsatz des von Rom entmachteten Bischofs Gaillot verpflichtet fühlen müsste: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

Paul Haverkamp, Lingen

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