Warum wir in Zukunft vielleicht bis 70 arbeiten sollen

Was wir bereits wissen
Wer freiwillig weiterarbeitet, soll künftig eine höhere Rente erhalten. Das kündigt die CDU an. Was steckt dahinter - und was ist davon zu halten?

Berlin.. Karl-Josef Laumann, der Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse (CDA), hat zusätzliche finanzielle Anreize für ein längeres Arbeiten angekündigt. „Wir wollen noch in diesem Jahr dafür sorgen, dass der flexible Übergang rentensteigernd wirkt“, sagte Laumann unserer Redaktion. Auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, forderte in der „Welt“ Anreize für „Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten zu können“.

Nach geltender Regelung dürfen Rentner zwar neben der Rente unbegrenzt hinzuverdienen, der Arbeitgeber muss aber Rentenbeiträge zahlen, ohne dass dies die Rente des Beschäftigten erhöht. Laumann dringt deshalb auf eine Änderung. „Es muss sich lohnen, dass man für eine höhere Rente länger arbeitet“, sagte das CDU-Präsidiumsmitglied. „Die Spielräume sind da. Eine Erhöhung um einen Entgeltpunkt brächte später 23 Euro mehr Rente im Monat.“

Flexibilisierung soll in beide Richtungen gehen

BA-Chef Weise sieht in einer freiwilligen Rente mit 70 auch ein Mittel, den drohenden Fachkräftemangel zu verhindern. Wer auf der einen Seite die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren einführe, müsse auf der anderen Seite Anreize für eine freiwillige Tätigkeit bis 70 schaffen.

CDU-Sozialpolitiker Laumann bemängelte, dass die Wirtschaft Menschen nach dem offiziellen Renteneintritt nur befristet beschäftigt. Auch wundere er sich darüber, dass so viele Beschäftigte so früh wie möglich aus dem Arbeitsleben ausscheiden wollten. „Wir müssen uns fragen, ob wir im Umgang mit älteren Beschäftigten gut aufgestellt sind“, sagte Laumann.

2060 werde das eh nötig, sagt Rentenexperte Raffelhüschen

Laut einer Umfrage des „Stern“ sorgt sich jeder zweite Arbeitnehmer um seine Rente. Der Freiburger Professor Bernd Raffelhüschen erwartet, dass spätestens 2060 die allgemeine Rente mit 70 notwendig wird. Da sich die Lebenserwartung der Menschen im Schnitt alle 30 Jahre um fünf Jahre verlängere, müsse entsprechend auch die Arbeitszeit angepasst werden.

Laut einer vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Studie müssen in 139 Berufen, bei denen schon heute Fachkräfte rar sind, in den nächsten 15 Jahren mehr als zwei Millionen Beschäftigte ersetzt werden.

Soll eine Verlängerung der Arbeitszeit bis 70 erlaubt sein?

Arbeiten bis 70?   Arbeiten bis 70?  

Der Anteil Älterer Arbeitnehmer steigt schon seit Jahren

Der Ruf nach einem späteren Eintritt in die Rente kommt nicht von ungefähr: In 139 Berufen fehlen schon heute die Fachkräfte. Die Wirtschaft befürchtet, dass sich die Engpässe noch verschärfen werden, sobald die geburtenstarke Generation der Babyboomer sich in den Ruhestand verabschiedet. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema:

Wie groß ist der Fachkräftemangel tatsächlich?

Nach einer neuen Studie gehen in den nächsten 15 Jahren 2,1 Millionen Fachkräfte in Rente. Stark betroffen ist die Logistikbranche. Von den 529 000 Berufskraftfahrern sind 230 000 (43 Prozent) mindestens 50 Jahre alt. Spürbar sind die Engpässe auch bei ­Bau- und Gebäudetechnik oder in den Gesundheitsberufen. So muss für 175 000 Krankenschwestern und Pfleger Ersatz gefunden werden. Das sind 30 Prozent der bisherigen Beschäftigten. Im Metallbau sind 75 000 Fachkräfte mindestens 50 Jahre alt, in der Metallverarbeitung weitere 52 000.

Woher stammen die Daten?

Die Daten wurden im September erhoben. Erstellt wurde die Studie vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Auftraggeber ist das Kompetenzzentrum Fachkräfte, das vom Wirtschaftsministerium gefördert wird.

Können Ältere den Fachkräftebedarf decken?

Allein mit einem längeren Arbeitsleben dürfte die Fachkräftelücke nicht zu schließen sein. Zumal 70-Jährige eher nicht auf Baugerüste klettern sollten. Deshalb sagt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), man müsse auch die Arbeitsmarktchancen für Frauen, An- und Ungelernte sowie Menschen mit Behinderung weiter verbessen.

Dazu müssen laut Experten auch Nachwuchsförderung und Zuwanderung kommen. Überhaupt spielt die generelle Alterung der Gesellschaft eine Rolle. So beziehen Ruheständler inzwischen durchschnittlich gut 19 Jahre Rente - ungefähr doppelt so lange wie vor 50 Jahren.

Wo gibt es noch personelle Ressourcen?

Ein großes Reservoir sind die 4,1 Millionen an- und ungelernten Beschäftigten in Helferberufen, die sich weiter qualifizieren könnten. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hatte sich zuletzt für ein begrenztes Bleiberecht für junge, ausbildungswillige Flüchtlinge stark gemacht. Viele aus Syrien und dem Irak geflohenen Menschen brächten ein großes praktisches Geschick mit. Derzeit sucht die Industrie verstärkt im Ausland nach Arbeitskräften, unter anderem mit Stellenanzeigen im Internetportal „Make-it-in-Germany“.

Was sagt die Statistik?

In Deutschland gibt es 23,9 Millionen Fachkräfte, etwa 6,7 Millionen in Engpassberufen. Davon spricht man, wenn die gemeldeten Arbeitslosen schon rein rechnerisch die offenen Stellen nicht besetzen können. Bei der Kältetechnik etwa kommen auf 100 offene Stellen 27 Arbeitslose vom Fach, bei der Hörgeräteakustik sind es 32, bei der Altenpflege 38 Frauen und Männer.

Wie viele Ältere sind überhaupt berufstätig?

Der Anteil älterer Arbeitnehmer ist schon stark gestiegen. So waren im Jahr 2000 von den 60- bis 64-Jährigen nur 20 Prozent erwerbstätig, aber 62 Prozent Rentner. Im vergangenen Jahr waren bereits 50 Prozent erwerbstätig und nur 37 Prozent Rentner.

Im Sommer des vergangenen Jahres registrierten die Arbeitsagenturen 173 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ab 65 Jahre; sieben Jahre zuvor waren es nur 96 000. Unter den Beschäftigten im Rentenalter sind jetzt auch 43 000 Senioren im Alter von 70 bis 74 Jahren; zuvor gab es davon 25 000. Hinzu kommen inzwischen 276 000 Frauen und Männer über 70, die eine geringfügige Beschäftigung haben.

Können Ältere einfach länger arbeiten?

Im jüngsten Rentenpaket hat die Bundesregierung gerade erst den abschlagsfreien früheren Ausstieg mit 63 Jahren ermöglicht, wenn Arbeitnehmer 45 Jahre lang Beiträge zur Sozialversicherung gezahlt haben. Teil des Pakets ist aber auch, dass Arbeitnehmer mit der Firma vereinbaren können, eine feste Zeit über das Renten-Eintrittsalter hinaus weiterzuarbeiten.

Hintergrund dieser Regelung ist laut Arbeitsministerium, dass Beschäftigte grundsätzlich auch im Rentenalter berufstätig sein dürfen. Tarifverträge legen aber oft fest, dass Arbeitsverhältnisse mit einer Altersgrenze enden – die kann nun hinausgeschoben werden. (mit dpa)