Warum in NRW noch immer so viele Weltkriegsbomben liegen
29.11.2012 | 16:05 Uhr 2012-11-29T16:05:00+0100
Essen. Nach den vielen Bombenentschärfungen der vergangenen Wochen ist klar: Die Kriegs-Relikte spielen auch 67 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine große Rolle. Unzählige gefährliche Sprengkörper liegen noch unentdeckt in Nordrhein-Westfalen im Boden. Und manche Bomben können mit dem Alter gefährlicher werden.
Im August krachte es in München, im September richtete die Sprengung eines Weltkriegs-Blindgängers Schäden in Viersen an. Am Dienstag dieser Woche die kontrollierte Bombensprengung in Duisburg, am Donnerstagmittag die Entschärfung eines Blindgängers in Dümpten an der Stadtgrenze von Mülheim und Oberhausen, am selben Tag schon wieder ein gefährlicher Bombenfund in Dortmund - die Bombenfunde der vergangenen Tage, Wochen und Monate zeigen: Die explosiven Weltkriegs-Relikte lassen uns nicht los. Vor allem in Nordrhein-Westfalen liegen unzählige gefährliche Sprengbomben noch unentdeckt in der Erde.
Wächst die Gefahr durch die Weltkriegsbomben?
Manche Bomben können mit dem Alter gefährlicher werden. Wenn der Sprengstoff instabil wird oder der Zünder rostet, steigt die Gefahr der Detonation.
Wie viele Bomben befinden sich noch in den Böden in NRW?
„Das kann man seriös nicht beantworten“, sagt Armin Gebhard, Referent im Bereich Kampfmittelbeseitigung beim NRW-Innenministerium. „Wir wissen nicht mal die Ausgangszahl.“ Also, wie viele Bomben genau abgeworfen wurden. Schätzungen gehen von über 160 000 Tonnen Bombenlast aus, die auf das Ruhrgebiet niederfielen. Die Beladelisten der alliierten Flugzeuge sind nicht genau geführt worden. Es gibt widersprüchliche Dokumente.
In NRW entschärften die Kampfmittelbeseitigungsdienste im Jahr 2011 insgesamt 862 Weltkriegsbomben. Zwischen fünf und 15 Prozent aller damals abgeworfenen Bomben sollen Blindgänger sein. Wenn die Sprengmeister die Fliegerbomben entschärfen, müssen oft Wohngebiete und Innenstädte evakuiert werden.
Experten sprechen davon, dass zwischen fünf und 15 Prozent der abgeworfenen Bomben Blindgänger seien. „Diese Quote ist nicht zu 100 Prozent belegbar. Zudem wurden schon während des Krieges und kurz danach Kampfmittel geräumt, aber nicht vernünftig dokumentiert“, erklärt Gebhard. „Wir haben noch mehr als genügend Arbeit vor uns.“ Jahrzehnte werde es dauern, die Bomben zu entschärfen.
Warum können die Blindgänger nicht einfach im Boden bleiben?
Die Sprengkörper sind immer noch hoch wirksam. Die Bomben sind also genauso gefährlich wie zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Thermische und mechanische Belastungen können zur Detonation führen.
Wie viele Entschärfungen gibt es jährlich in NRW?
Die Zahl der jährlich entschärften Sprengbomben mit einem Gewicht von 50 Kilogramm und mehr liegt zwischen 230 und 300 Stück. Im Jahr 2011 waren es 247, im Jahr 2012 bis Ende August bereits um die 120.
Wie werden die Blindgänger-Bomben gefunden?
„Im Vorfeld von Bauarbeiten werden Luftbilder der Alliierten ausgewertet“, erklärt Gebhard. So gab es im vergangenen Jahr 14 743 Anfragen zur Luftbildauswertung an den Beseitigungsdienst. Über 330 000 Luftbilder verfügt der Kampfmittelräumdienst in NRW. Sie wurden während des Krieges von Aufklärungsflugzeugen gemacht. Eine erste Charge der Bilder erhielt das Land in den 1980er-Jahren, eine zweite in den 1990er-Jahren. Vorher musste man zuerst mit Detektoren über das Baufeld gehen.
30 Prozent der Blindgänger sind Zufallsfunde, auf die Arbeiter beispielsweise beim Graben stoßen. Dann muss sofort der Kampfmittelräumdienst benachrichtigt werden. Sprengmeister dürfen die Bomben entschärfen, indem sie entweder den Zünder entfernen oder die Bombe kontrolliert sprengen. Meist ist in diesen seltenen Fällen der Zünder nicht zugänglich. In München-Schwabing gab es allerdings zuvor mehrere missglückte Entschärfungsversuche.
Welche Gebiete in NRW sind von den Blindgängern betroffen?
„Bombardiert wurde praktisch jede Großstadt“, sagt Ralf Blank, Abteilungsleiter am Historischen Centrum Hagen und Lehrbeauftragter an der Uni Bochum. Gerade die Rüstungsindustrie und deren Zulieferer im Ruhrgebiet waren Ziele der Alliierten: „Die Produktion bei Krupp in Essen war im Herbst 1944 so gut wie ausgeschaltet“, sagt Blank. Thyssen in Duisburg wurde ebenfalls bombardiert.
Auch das Sauerland blieb nicht verschont: In Meschede wurden das Honsel-Werk zerbombt. Es produzierte Aluminiumgussteile für Düsenjäger. Dramatisch auch der Angriff auf die Möhnetalsperre im Mai 1943. Die Staumauer wurde gesprengt, eine acht Meter hohe Wasserwand ergoss sich ins Tal. Mehr als 1500 Menschen starben, darunter viele Zwangsarbeiter. Auch am Niederrhein gab es Ziele: Im März 1945 zerbombten die Briten bei einem Luftlandungsunternehmen Wesel und Umgebung.
12 208 Kampfmittel wurden 2011 in NRW geräumt. Darunter waren auch 9470 Granaten und Handgranaten sowie 26 Minen. 33 Tonnen Sprengstoff enthielten die entschärften Alt-Waffen. Die Zahl der entschärften Kampfmittel bleibt seit Jahren konstant. 15,5 Millionen Euro kostetet die Entschärfung und Entsorgung im letzten Jahr das Land. Der Bund erstattete davon fünf Millionen Euro für die Beseitigung von so genannter „reichseigener Munition“. Dabei handelt es sich etwa um Kampfmittel der Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg.

14:43
Seit Kriegsende liegt in der Ostsee viel mehr Munition, Giftgas und Bomben als in ganz NRW. Diese Hinterlassenschaft der Reichswehr, die von den sowjetischen Truppen dort entsorgt wurde, hat bis heute keiner gehoben.
13:09
Haben wir jetzt hier Artikel-Recycling?
Wie kann ein Artikel mit dem Datum 29.11.2012 Kommentare mit Datum 02.09.2012 haben?
Im Übrigen werden seit Ende des WK II in Deutschland regelmäßig Bomben gefunden und entschärft. Doch was früher nur für eine kleine Meldung gereicht hat, bekommt jetzt einen Live-Ticker.
Melden Sie Ihren Internetanschluss ab und kein Live-Ticker wird sie mehr nerven!
12:01
Wir sind nicht Ex-Jugoslawien oder Angola, wo immer noch große Gebiete gesperrt sind, da dort Sprengmittel nicht geräumt wurden... also mal den Ball flach halten.
Luftbilder werden systematisch ausgewertet, aber wie oben geschrieben, nicht alles wurde genau dokumentiert, also ist die jetzige Methode vollkommen richtig.
Und eine Weltkriegsbombe als Terroranschlag zu werten, also wirklich, da muss man aber so ziemlich an alle Verschwörungstheorien glauben.
14:20
Man kann es auch anders sehen : Sollte irgendwo eine Bombe aus dem 2WK hochgehen, so könnte dies als Terroranschlag verkündet werden und schwupp gibt es schärfe Gesetzte.
Außerdem gehören diese WK-Bomben zu unserer Vergangenheit , ebenso wie das ständige " Nazi" :-(
Ja die Idee hat von Ihnen ist wirklich gut.
Die US Amerikaner werden den Teufel tun, einen Feind wieder verschwinden zu lassen wie es damals die Russen es getan haben (die waren damals leider pleite).
Hätte die Hitlersche Nazi-Diktatur nicht Europa mit Krieg überzogen, hätte es auch keine massenhaften Bombardierungen deutscher Städte und andere Ziele gegeben.
Ursache - Wirkung, schon mal was davon gehört?
Oder auch anders gesagt: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten!" Und niemals traf dieses treffender zu.
Und mit den Folgen müssen wir halt heute leben.
Gruß
14:06
was soll die Bevölkerung noch an schlechten Nachrichten ertragen?
Das hier Bomben aus dem 2. Weltkrieg liegen, dürfte jedem klar sein. Es ist auch gut so, dass bisher alle gefundenen Bomben auch entschärft bzw. anderweitig entsorgt wurden.
Nur darf man das doch nicht noch zusätzlich dramatisieren. Entweder gründet man eine Task Force die die Luftaufnahmen durchforstet und gezielt nach den Bomben fahndet um die Gefahr einer unkontrollierten Auslösung zu minimieren oder man macht wie bisher weiter.
Daher eine bitte an die lieben Journalisten: bitte seit ein wenig objektiver und zeigt die Missstände auf, aber hört auf den Leuten noch mehr Angst einzujagen.
Danke.
Man braucht keine Taskforce. Das wird schon dauerhaft gemacht in dem Luftaufnahmen nach den Abwürfen mit heutigen Luftbildern verglichen werden.
Dennoch gibt es wie auch kürzlich in Duisburg sogar Gebäude über Blindgängern wo dann erst beim Abriss festgestellt wird, daß da doch noch was rumliegt.
Und es gibt wahrlich genug zu tun für die Kampfmittelräumdienste. Leider.
Und vielleicht ist auch das eine Warnung für alle "Waffen- und Kriegsfanatiker"?
Bei allen Baumassnahmen in Gebieten von denen Bombenabwürfe bekannt sind, wird das bereits seit Jahrzehnten gemacht. Die wichtigste Quelle ist erst seit Mitte der 90er Jahre für die deutschen Behörden verfügbar - Die Aufklärungsbilder der Royal Airforce und des US Bomber Command, die während und nach den Angriffen gemacht wurden.