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Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen

04.01.2013 | 18:53 Uhr
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
Jens Borchwald verbessert die Sprachkenntnisse von Medizinern. Der Kurs im St.-Anna-Hospital gilt als vorbildlich.Foto: Thomats Nitsche

Essen.   In Krankenhäusern häufen sich die Missverständnisse zwischen Medizinern und Patienten, weil viele neu eingestellte Ärzte aus dem Ausland nicht richtig Deutsch sprechen. Ärztekammern und Patientenschützer warnen: Zum Teil herrsche „Sprachlosigkeit“ in den Kliniken.

Die Klagen über Krankenhaus-Ärzte aus dem Ausland, die schlechte Deutschkenntnisse mitbringen, nehmen zu, bestätigt der Vorsitzende des Marburger Bundes und Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, im Gespräch mit der WAZ-Mediengruppe. Er fürchtet, dass sich die Sprachprobleme zu „einer Quelle von Haftungsfragen für Kliniken und Abteilungsleiter“ entwickeln könnten.

Zuwachsraten bei zehn Prozent

„Inzwischen gibt es keine Veranstaltung des Marburger Bundes mehr, auf der nicht über die Deutschkenntnisse von zugewanderten Krankenhausärzten geredet wird. Die Zuwachsraten ausländischer Ärzte in deutschen Kliniken liegen seit Jahren bei über zehn Prozent“, so Henke. Derzeit arbeiten rund 5000 ausländische Ärzte in Kliniken in NRW. Viele kommen aus Griechenland, Rumänien, Bulgarien, Russland, in letzter Zeit auch aus arabischen Ländern. In manchen Abteilungen hat heute jeder zweite Arzt keinen deutschen Pass.

Sprachprobleme
Globalisierung im Krankenhaus

Ob der Doktor aus dem Münsterland, Bayern, Österreich, Bulgarien oder Syrien kommt, ist zunächst einmal wurscht. Er (oder sie) muss heilen und nicht wissen, was im Pfefferpothast steckt oder wie Mephisto den Faust lockte. Niemand bezweifelt, dass die meisten zugewanderten Ärzte fähig sind. Niemand sollte sich darüber aufregen, dass sie zu uns kommen. Wenn deutsche Mediziner nach Norwegen und England flüchten, sollten wir für jeden Russen und Rumänen dankbar sein, der die Lücke füllt.

Nur das mit der Sprache, ja, das ist ein Problem. Vielleicht ärgern sich auch Norweger über das Radebrechen ausgewanderter Ärzte aus Westfalen. Vielleicht wundert sich der englische Patient, wenn „Doc Meier“ sagt, er soll das „Handy“ ausschalten. Globalisierung ist krank, sagen manche; auf jeden Fall ist sie ins Krankenhaus gekommen.

Wer in Deutschland Ärzte anwirbt, steht in der Pflicht, gute Sprachkurse zu organisieren und auf Weiterbildung der Kollegen Wert zu legen. Der Staat steht in der Pflicht, die Sprachkenntnisse der Mediziner ernsthaft zu überprüfen. Um diese Verantwortung drücken sich viele Länder, auch in NRW sollten die Regeln strenger sein.

Jüngst hatte der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, geklagt, mancher Chefarzt könne sich nur noch mit einem Drittel seiner Mitarbeiter auf Deutsch unterhalten.

Der Marburger Bund fordert einheitliche Regeln für anerkannte Sprachprüfungen von Medizinern. Die Verfahren zum Nachweis von Deutschkenntnissen sind heute von Bundesland zu Bundesland verschieden. Oftmals, so berichten Insider, seien die Tests viel zu leicht.

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz bestätigt: „Patienten erzählen uns von erheblichen Verständigungsproblemen mit Krankenhausärzten. Wir beobachten seit Jahren immer mehr sprachliche Unstimmigkeiten in ärztlichen Dokumentationen.“ „Wenn Ärzte, die ein Sprachproblem haben, auf ältere Patienten treffen, die nicht mehr gut hören können, dann potenziert sich das Problem noch.“

Die Bildungsminister der Länder und des Bundes hätten laut Brysch schon längst gegensteuern und mehr Medizin-Studienplätze in Deutschland schaffen müssen. „In den letzten zehn Jahren sind 30 000 Ärzte-Stellen in den deutschen Krankenhäusern dazugekommen. Deshalb werden in Deutschland inzwischen praktisch alle eingestellt, die eine Approbation vorweisen können.“

Operation am Akkusativ

18 Männer und zwei Frauen sitzen im Besprechungszimmer. Fast alle tragen weiße Kittel, einige haben einen Kloß im Bauch. Denn heute ist Prüfungstag im St.-Anna-Hospital. Heute sollen sie Deutschlehrer Jens Borchwald zeigen, was sie schon drauf haben. Heißt es „sich kümmern für“ oder „sich kümmern um“? Sagt man in der Anrede: „Sehr liebe Familie“? Lehrbücher liegen auf den Tischen. Ihr Titel: „Erkundungen“. Die Expedition führt tief in den Akkusativ, vorbei am Modalverb, mitten rein in den Konjunktiv I.

Harte Nüsse für diese Runde aus Assistenzärzten und Hospitanten. Sie kommen aus Jordanien, Syrien, Griechenland oder aus der Ukraine zu uns, weil deutsche Ärzte nach England, Norwegen oder in die Schweiz abwandern. Sie erkennen Patellasehnen, aber nicht jedes Pronomen.

Kyprianos Hadjiafxentis (29), Assistenzarzt im St.-Anna-Hospital Herne, ist, wie viele seiner Kollegen mit Migrationshintergrund, schon in sprachliche Fallen gerutscht. Der Zyprer arbeitet seit 2009 in Deutschland. Natürlich kann er sich mit Patienten unterhalten. Und Begriffe wie „Leukämie“ oder „Anästhesie“ gehen ihm locker über die Zunge. Die kommen ja aus dem Griechischen. „Ich habe kein Problem, mit Kollegen über medizinische Themen zu sprechen, aber ich verstehe noch nicht sofort alles, was Patienten sagen“, gibt der Mediziner zu. Denn was ist, wenn der Mensch im Krankenbett ein kerniges Ruhrdeutsch pflegt. Wenn er jammert: „Da pockert wat“, „Ich hab’ Rücken“ oder „Mir geht die Düse, Dokter“. Das steht doch nicht im Duden.

„B2“ muss es mindestens sein

„B2“ heißt das Sprachniveau, das alle ausländischen Ärzte mindestens erreichen müssen, wenn sie in Deutschland in ihrem Beruf arbeiten wollen. Auf jeder Anwerbe-Messe im Ausland, auf Internet-Seiten und in 1000 Broschüren steht: „B2“ muss es sein. Aber jeder, der sich in der Materie auskennt, weiß, dass „B2“ manchmal nicht mehr ist als ein Buchstabe und eine Zahl. Diese Europäische Niveaustufe für Sprache bedeutet, dass ein Deutsch-Schüler sich schon ohne große Anstrengung mit Muttersprachlern unterhalten kann. Soweit die Theorie. Professor Georgios Godolias, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie im Ortsteil Wanne, kennt die Praxis: „B2 ist nicht immer gleich B2. Der eine kann mehr, der andere weniger. Wir haben hier ein anderes, höheres Ziel. Unsere Ärzte sollen möglichst das C2-Niveau erreichen.“ Das ist die höchste Stufe, die erreichbar ist. So eine Art Deutsch-Diplom. Der sprachliche Mercedes-Stern, den sich die Ärztegewerkschaft Marburger Bund flächendeckend für zugewanderte Mediziner wünscht.

Georgios Godolias hat griechische Wurzeln, ist schon seit 1976 in Deutschland. In seiner Klinik arbeiten 65 Ärzte. „Zwei Drittel haben Migrationshintergrund“, erzählt Godolias. Damit das im Krankenhausalltag gut geht, fördern Deutschlehrer wie Jens Borchwald Ärzte, die sprachlich Nachholbedarf haben. Professor Godolias sagt: „Es reicht nicht, ganz gut Deutsch zu können. Wer in diesem Beruf arbeitet, der sollte die Feinheiten der Sprache verstehen.“ Besonders effektiv ist das so genannte „Coaching“. Dabei begleitet der Sprachlehrer den Arzt stundenlang bei der Arbeit und bespricht anschließend mit ihm die Fehler.

Der Kurs im Anna-Hospital ist ein Pilotprojekt. Das NRW-Gesundheitsministerium, die Ärztekammern, die Krankenhausgesellschaft NRW und das Bundesamt für Migration machen ihn möglich. Selbstverständlich sind solche Angebote nicht. Es ist nur ein Leuchtturm, und die Ebene ist weit.

Viele lassen sich Zeit mit dem Test

In NRW prüfen die Bezirksregierungen, ob ausländische Ärzte ausreichende Sprachkenntnisse mitbringen Im Regierungsbezirk Münster meldeten sich im letzten Jahr 80 Ärzte zur Prüfung. Sie mussten Fragen zu einem kurzen Fachaufsatz beantworten und ein simuliertes Arzt-Patienten-Gespräch verstehen. Die Erfahrung zeigt: 90 Prozent bestehen diese Tests. Insider wissen aber auch, dass sich nur jene zur Prüfung melden, die kurzfristig die Berufszulassung anstreben. Es heißt, dass viele zugewanderte Ärzte in den Kliniken unter Anleitung arbeiten und sich mit der Prüfung Zeit lassen.

Jens Borchwald bittet zur Prüfung. Ein Arzt steht auf und geht nach vorn. Was er wolle? „Die Zettel“. „Den Zettel“, sagt der Lehrer laut und deutlich. Der Akkusativ ist so hartnäckig wie eine Angina.

Professionelle Vermittler kassieren ab

Der Marburger Bund warnt vor kommerziellen Vermittlern, die ausländischen Ärzten gegen Geld Kontakte zu deutschen Arbeitgebern anbieten. „Ihre Kunden zahlen oft mehrere tausend Euro und erleben nicht selten danach ein Desaster, weil sie in Deutschland sprachlich und fachlich nicht zurechtkommen“, sagt Gewerkschafts-Chef Rudolf Henke. Professor Georgios Godolias aus Herne spricht in diesem Zusammenhang von einer „Katastrophe“. Er weiß: Nur wenige Betroffene sprechen offen über die Verträge, die sie unterschrieben haben. Sie schämen sich oder haben Angst.

Meist sollen die Kunden den Vermittler für Dienstleistungen bezahlen, die nichts wert sind. Denn für studierte Mediziner ist es relativ leicht, eine Stelle in Deutschland zu bekommen. Viele Arbeitgeber übernehmen auch die Kosten für Sprachkurse und organisieren Wohnungen.

Matthias Korfmann


Kommentare
08.02.2013
15:02
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von JohnnyBernstein | #23

Sehr geehrte Kommentierende,
es ist absolut widerlich zu lesen, auf welchem Niveau diese "Diskussion" hier größtenteils abläuft. Formulierungen wie "Gast im eigenen Land", "Kolonialismus" etc. sprechen bei allen Bekundungen, vernünftig zu argumentieren, eine deutliche Sprache. Rechnen wir es diesen Ärzten doch einfach mal an, dass sie sich der Herausforderung stellen & ihre Sprachfertigkeiten verbessern wollen, anstatt hier mit Horrorgeschichten zu prahlen oder auf das Glück des Privatpatientenstatus zu verweisen. Die Frage, warum Studenten auf einen Studienplatz warten oder ausgebildete Ärzte abwandern, wird hier im Detail niemand von uns klären können. Fakt ist: Deutschland ist ein Einwanderungsland & beide Seiten, sowohl Zuwanderer als auch heimische Arbeitgeber, werden sich endlich einmal daran gewöhnen müssen & sollten die Zeit nicht mit Lamentieren vergeuden, sondern mögliche Probleme angehen. Diese Ärzte tragen bereits ihren Teil dazu bei. Jetzt ist "unsere" Seite gefragt.

06.01.2013
15:14
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von Juelicher | #22

Auch hier wurde einige Male auf ins Ausland abwandernde Ärzte hingewiesen.
Die vor kurzem verlautbarten Zahlen zum Thema zeigten aber, dass jährlich nur eine recht kleine Zahl Mediziner unser Land verlässt. Sie liegt im niedrigen Tausenderbereich. Die Statistik zeigte auch, dass die Zahl der Rückkehrer fast gleich hoch war.

06.01.2013
15:00
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von zebolon1 | #21

Wenn ich als Patient den Arzt nicht verstehe und die Behandlung ablehne,was passiert dann wohl???

06.01.2013
14:21
Wer in Deutschland leben und arbeiten will, sollte
von cui.bono | #20

einen verbindlichen Sprachtest bestehen!

warum wird das nicht durchgeführt?

06.01.2013
13:35
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von MichaP | #19

Es studieren genug Leute Medizin nur dann gehe die in die Forschung, zur Pharmaindustrie oder ins Ausland. Der Deutsche Steuerzahler wird nur benutzt um sich das Studium bezahlen zu lassen, also lieber nehmen als geben.

06.01.2013
13:23
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von worker | #18

Kein Geld für die Ausbildung, dafür mehr Ärzte aus dem Ausland. Meine Tochter wartet seit sechs Jahren auf einen Studienplatz in Medizin. Für den eigenen Nachwuchs gibt es keine Studienplätze, was ist das für eine Bildungspolitik.

06.01.2013
13:06
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von TVtotal | #17

Wenn ein Arzt nicht richtig deutsch sprechen kann und auch nicht versteht gehört er nicht hier hin!

06.01.2013
12:39
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von Trendmonger | #16

am 31.12.2012 wurde an dieser Stelle zum gleichen Thema ein Artikel mit der Überschrift:
Patienten verstehen die Ärzte nicht mehr veröffentlicht! ! Offensichtlich kann man es drehen und wenden wie man will. Doch wer hier wen und warum nicht versteht, dürfte doch jeden klar sein. Ein Arzt mit nur fragmentarischen Kenntnissen der Landessprache, des Landes in dem er seinen Beruf ausübt, ist ein Skandal ohne gleichen und zeigt, wie weit die Schere zwischen arm und reich wirklich aufgeht, da der privat versicherte Patient Anspruch auf den sprachlich versierten / deutschen Chefarzt hat.

06.01.2013
12:31
Warum Ärzte immer öfter ihre Patienten nicht mehr verstehen
von Pucky2 | #15

Wir können nicht einfach Fachkräfte aus dem Ausland importieren und dann ist alles gut. Ganz im Gegenteil, bei Ärzten z. B. ist es sogar zum Teil lebensgefährlich.

Wann besinnt sich dieser Staat endlich auf eine gescheite Familienpolitik. Dieses Land muss aus sich heraus seine nächsten Generationen gebären und nicht einfach Menschen aus dem Ausland kommen lassen. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, wie das linke politische Spektrum sofort schreit, dass hat mit Vernunft zu tun.
Jeder Staat und jedes Volk soll sich selber um seine Zukunft kümmern und nicht andere Völker "anzapfen". Was jetzt politisch gewollt ist, ist Kolonialismus, indem wir Fachkräfte, und damit wirtschaftliche Zukunft, anderen Ländern wegnehmen wollen.

Politiker sorgt dafür, dass man in Deutschland auch Familien mit drei, vier oder mehr Kinder ernähren und großziehen kann... ohne ein Sozialfall zu werden!
Das ist Wirtschafts- und Zukunftspolitik

06.01.2013
12:19
Im geilen Geizland
von meigustu | #14

lebt sich offenbar schlechter als bsp. in Niederlanden oder Norwegen, IN den absoluten Niedriglohnländern im Süden und Südosten der EU sieht es noch schlimmer aus.

Es scheint dass hohe Löhne die Lebensqualität aller steigern können.

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