Warum 2010 das entscheidende Jahr für Afghanistan wird
14.02.2010 | 15:51 Uhr 2010-02-14T15:51:00+0100
Essen.Im Gespräch mit der WAZ-Mediengruppe erläutert der amerikanische Botschafter Philip Murphy die Strategie der US-Regierung für den Hindukusch, erklärt, weshalb Obamas Regierung Erfolg haben wird - und wieso er immer Fan der Heimmannschaft bei Bundesliga-Spielen ist.
Zeigt Präsident Obamas Entscheidung, das amerikanisch-europäische Gipfeltreffen abzusagen, die Enttäuschung über unzuverlässige Europäer?
Philip Murphy: Nein, überhaupt nicht. Es liegt am Kalender. Es hat überhaupt nichts mit Europa zu tun. Der Präsident war im letzten Jahr sechsmal in Europa. Aber ein Großteil unserer sehr tiefen Beziehungen zu Europa liegt außerhalb Europas.
Liegt ein starkes Europa wirklich im Interesse Amerikas?
Murphy: Absolut! Ein starkes Europa ist in unserem nationalen Interesse, genau wie ein starkes Deutschland und eine starke deutsche Wirtschaft.
20 Jahre nach dem Fall der Mauer seien die deutsch-amerikanischen Beziehungen „abstrakter“ geworden, sagen Sie.
Murphy: Früher gab es den Kalten Krieg, es gab die amerikanischen und Hunderttausende sowjetischer Truppen. Diese Beziehung sagte sehr viel über Deutschland und Amerika im Besonderen aus. Nach dem Fall der Mauer hat sich das geändert. Das offizielle Verhältnis blieb sehr stark; aber unsere Zusammenarbeit ist nicht von Neigungen, sondern von Standpunkten geprägt. Es geht um den Iran, den Nahen Osten, das Klima, die globale Wirtschaft, Energie, Sicherheit und und und.
„2010 wird ein jahr mit maximaler Wirkung“
Sie waren gerade in Afghanistan. Der britische Verteidigungsminister sagt, 2010 werde das entscheidende und sehr schwierige Jahr mit einem hohen Anteil an Opfern und Verlusten.
Murphy: Ich hoffe natürlich, dass er da falsch liegt, aber 2010 wird ein Jahr mit maximaler Wirkung. Das ultimative Ziel ist es, den Übergang zur Regierungsverantwortung der Afghanen zu schaffen, für die Armee, die Polizei und alle staatlichen Institutionen.
Das wird viel kosten.
Murphy: Genau! Ich habe es dort gesehen: Wir müssen immens investieren für Schulungen, Überwachungs- und Partnerprogramme. Vor allem Deutschland ist als Polizei-Manager sehr gut geeignet. Wenn wir Erfolg in Afghanistan haben wollen, müssen wir das Training beschleunigen und mit Armee oder Polizei auch auf Patrouille gehen. Dabei gehen wir alle ein höheres Risiko ein.
Sie waren im Norden bei der Bundeswehr?
Murphy: Ja, ich bin unglaublich von der deutschen Führung beeindruckt, von ihrer Kommandostruktur, von der Strategie. Die USA werden mehr Truppen in den Norden schicken und sie dem deutschen Kommando unterstellen. Wir verlagern mehr Hubschrauber dorthin.
Die öffentliche Meinung begleitet die Mission in Afghanistan mehr und mehr kritisch. Ist das ein Mangel an „strategischer Geduld“ in westlichen Gesellschaften?
Murphy: Präsident Obama macht da einen sehr guten Job: Je mehr wir unseren Bürgern die Lage erklären, desto besser verstehen sie die Realität dort. Und Obama hat gesagt, dass es keine Bevölkerung gibt, die unendliche Geduld haben wird. Unser Ziel muss es sein, so schnell wie möglich einen verantwortungsbewussten Übergang zu erreichen.
Der Iran hat nur noch wenige Wochen Verhandlungsspielraum
Irans Aktivitäten zur Anreicherung von Uran haben Enttäuschung und Wut hervorgerufen. US-Verteidigungsminister Gates will den Druck auf Teheran mit Sanktionen erhöhen. Hat Ahmadinedschad die Tür für Verhandlungen zugeschlagen?
Murphy: Nein, er hat die Tür nicht geschlossen. Wir haben zwei strategische Linien: Eine diplomatische und einen Plan B, härteren Druck durch wirtschaftliche Sanktionen zu erzeugen. Die ganze Zeit haben wir gehofft, dass die Iraner dem diplomatischen Weg bleiben. Aber die iranischen Aktionen sagten etwas anderes. Trotzdem würde ich sagen, die Tür ist nicht zu. Doch uns bleiben nicht Wochen, um mit nicht enden wollender Geduld zu verhandeln.
Sie haben bei Goldman-Sachs gearbeitet. Nach der Finanzkrise ist das Casino schon wieder geöffnet – oder?
Philip D. Murphy, geb. 1957 nahe Boston (Massachusetts), ist seit September 2009 US-Botschafter in Berlin. Der Harvard-Absolvent arbeitete bis 2006 als Investmentbanker bei Goldman Sachs, zunächst für Mitteleuropa, später für Asien, schließlich als Senior Director. Neben seinem Engagement für gemeinnützige Zwecke ist Murphy ein begeisterter Fußball-Fan, u. a. im Vorstand des US-Soccerverbandes und als Förderer des Frauenfußballs. Botschafter Murphy und seine Frau Tammy haben vier Kinder.
Murphy: Die globale Wirtschaft ist viel besser aufgestellt als vor einem Jahr. Das gilt auch für die deutsche Wirtschaft. Die Leute fragen mich immer, wie wir zu handeln haben: Wir werden an den Finanzmärkten Vorschriften schaffen. Wir werden aus unseren Fehlern lernen und Verordnungen in Kraft setzen. Da bin ich ganz zuversichtlich. Finanzmärkte sind global, deshalb müssen wir gemeinsam handeln. Wir gehen in die richtige Richtung. Das zweite Element Ihrer Casino-Frage ist die Politik. Wir alle müssen über Ausstiegsstrategien nachdenken, über die geldpolitischen Impulse, die in der Steuerpolitik Anleihen aus Steuermitteln bedeuten. Die Weltwirtschaft bleibt zerbrechlich.
Obamas Politik wirkt langfristig
Nach einem Jahr Obama sind die Menschen wegen der bescheidenen Ergebnisse ernüchtert. Ist dieser Präsident auf dem normalen Standard angekommen?
Murphy: Ich denke da anders. Es gibt eine ganze Liste von Dingen, die er getan hat. Zudem müssen Sie die Werte Engagement, Art der Führung, Stil der weltweit führenden Position der USA als Elemente seines Handelns sehen. So gab es in meinem Land seit 12 Jahren kein Engagement für das Klima, seit 15 Jahren kein Engagement im nationalen Gesundheitswesen, seit 30 Jahren kein Engagement im Iran.
Ist ein Jahr zu kurz für ein Urteil?
Murphy: 100 Prozent! Nehmen Sie das Bild vom knienden Willy Brandt im Warschauer Ghetto: Zehn Monate später bekam er den Friedensnobelpreis. Etliche Leute sagten, er sei zu naiv, um zu wissen, wo die Ostpolitik hinführen werde. Die letzte Antwort der Ostpolitik war, dass die Mauer fiel! Das dauerte weitere 18 Jahre! Präsident Obama macht sich für die nukleare Abrüstung stark. Die könnte 20 oder 30 Jahre dauern.
Was hat denn Obama wirklich getan?
Murphy: Für unser Klima hat er vom Repräsentantenhaus 80 Milliarden Dollar bekommen, 750 Milliarden Dollar umfasste das Förderungs-Paket für grüne Technologie, schließlich wurde der Benzinverbrauch dramatisch verringert. Diese Dinge gehören zu den wichtigsten Schritten im Klima- und Umweltschutz in meinem Land. Ohne Steuerung der Wirtschaft hätte es zur Katastrophe führen können. Wir haben das sicher nicht allein fertig gebracht, Deutschland hat dazu beigetragen, China hat geholfen, andere auch. Aber Obama und sein Team waren der Katalysator.
Nicht nur Fan von Hertha
In der Murphy-Familie sind alle Fußball-Fans. Sie waren Mitglied des Verwaltungsrats in der American Soccer Federation. Wo liegen die Wurzeln für Ihre Begeisterung?
Murphy: Ich habe Fußball gespielt, als ich jung war, nicht sehr gut, in Massachusetts. Ich zog nach West-Deutschland in den 90er Jahren - damals amtierender Weltmeister. Und auch das vereinte Deutschland hat die Weltmeisterschaft gewonnen. Dann begannen alle unsere Kinder Fußball zu spielen. Und weil wir in den USA keine professionelle Liga der Frauen hatten, kauften meine Frau und ich das New York/New Jersey Franchise. Wir haben sogar versucht, den World Cup zu gewinnen.
Verfolgen Sie die deutsche Bundesliga an jedem Wochenende?
Murphy: Oh ja! Ich werde jetzt wieder Hertha spielen sehen. Ich habe in Bochum den VfL erlebt und schon viele Teams mehr.
Bevorzugen Sie eine besondere Mannschaft?
Murphy: Nein! Mein Sohn sagt: Papa, Du bist der Botschafter für ganz Deutschland, nicht nur für Berlin! So haben wir in der Familie neue Regeln: Wir sind immer auf der Seite der Heimmannschaft, wenn wir irgendwo sind.
Wo sehen Sie das US-Fußball-Team während der WM in Südafrika?
Murphy: Wir haben ein sehr starkes Team! Zwar sind im Moment drei unserer besten Spieler verletzt. Ich hoffe, dass zumindest einer spielen kann. Wir haben mit England, Algerien und der Slowakei eine schwere Gruppe.
Wo landet das US-Team?
Murphy: Ich hoffe, es kommt in die zweite Runde. Südafrika ist nicht eins der weltweit führenden Teams und nicht geeignet, den Cup zu gewinnen. Ich denke, es ist eine offene Welt-Meisterschaft. Ein oder zwei der afrikanischen Teams könnten in der Schlussrunde vertreten sein. Sicherlich sind Spanien und Brasilien Favoriten. Aber es ist eine Meisterschaft, die Deutschland oder auch Holland gewinnen könnten. Es wird hart. Es wird kalt sein in Südafrika. Es wird eine Meisterschaft des kalten Wetters.

18:45
Die Deutschen befinden sich im Norden von Afghanistan erstmals wieder mit den USA-Truppen nach dem 2. Weltkrieg in einem ANGRIFFSKRIEG.
Von Berlin ist noch nie etwas GUTES ausgegangen.
BONN sollte wieder der Regierungssitz der BRD werden.