Von Lügen und Nasen

Neuerdings wird der Presse ja gerne vorgeworfen, notorisch zu lügen. Zunächst einmal ist das eine grobe Beleidigung. Genau besehen aber wirft sie ein Licht auf denjenigen, der den Vorwurf erhebt. Zunächst: Man muss mit solchen Anschuldigungen vorsichtig, ja sogar nachsichtig umgehen, denn jeder Mensch lügt, und das mehrmals täglich. „Ach, Sie sind fünfzig geworden? Das sieht man ihnen gar nicht an.“ Wäre vielleicht so eine Lüge. „Das Kleid steht dir wunderbar“, womöglich auch. Lügen haben eine Funktion, sie vermeiden Ärger, stiften Frieden, ermöglichen den sozialen Zusammenhalt. Aber es gibt eine zweite Ebene der Lüge: Bekanntlich wächst Pinoccios Nase, wenn er lügt. Was aber passiert, wenn er sagt: „Meine Nase wächst“? Spricht er dann die Wahrheit? Oder lügt er gerade? Das nennt sich das Lügenparadoxon. Der populärste Satz dieser Kategorie lautet: „Dieser Satz ist falsch“. Die Paradoxie besteht darin, dass man nicht sagen kann, ob er falsch oder wahr ist. Wenn X nun behauptet, dass die Presse lügt, was passiert dann mit seiner Nase?