Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Aussteiger

Vom Neonazi zum Philosophie-Studenten - Ein Aussteiger erzählt

31.05.2013 | 11:23 Uhr
Vom Neonazi zum Philosophie-Studenten - Ein Aussteiger erzählt
Steven Hartung (25) studiert Philosophie in Jena. Er ist aus der rechten Szene ausgestiegen.

Berlin/Jena.  Über Jahre steckte Steven Hartung tief in der rechten Szene - bis die großen Zweifel kamen und er ausstieg. Die Vergangenheit holt den früheren Kameradschaftsleiter immer wieder ein. Auch durch den NSU-Prozess: Einer der Angeklagten ist ein alter Bekannter - Ralf Wohlleben.

Steven Hartung ist gerade mal 25, aber er hat schon ein erstes Leben hinter sich. Kameradschaften, rechte Aufmärsche, ideologische Kämpfe - das war seine alte Welt. Heute studiert er Philosophie in Jena und versucht, die Vergangenheit abzuschütteln. Das ist nicht einfach.

Hartung kommt aus einem kleinen Dorf in Thüringen. Bei der Feuerwehr oder im Fußballverein bekam er oft rechte Sprüche zu hören. "Die meisten Erwachsenen waren da eher rechts eingestellt", erzählt er. Den ersten richtigen Kontakt zur Szene hatte Hartung mit 13, als ihm jemand an der Schule eine CD in die Hand drückte. Anfangs hörte er rechte Musik mit Freunden, mit 15 nahm ihn ein Kumpel zu einer Kameradschaft.

Dort stieg er ein - und schnell auf: Mit 17 war Hartung selbst Leiter der Kameradschaft, organisierte Vorträge, Demos und Konzerte und lockte neuen Nachwuchs an.

"Ich habe meine Ersatzfamilie in der Szene gefunden"

"Damals war ich komplett vereinnahmt", sagt er. "Ich habe meine Ersatzfamilie in der Szene gefunden. Ich dachte, nur wir kennen die Wahrheit und alle anderen sind verblendet." Zu den tumben Schlägern gehörte Hartung weniger, eher zu den Ideologen und Propagandisten. Er las viel, diskutierte, agitierte.

Verfassungsschutz
Terrorgefahr durch Rechtsradikale wurde lange unterschätzt

Der Verfassungsschutz nahm Hinweise auf die Bildung rechter Terrorgruppen lange nicht ernst. So gab es schon im Jahr 2003 Hinweise auf eine gewaltbereite Gruppe in Dortmund. Es sollen auch Verbindungen zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) bestanden haben.

Seine Eltern waren einigermaßen hilflos. "Sie haben versucht, dagegen zu argumentieren, aber irgendwann haben sie es nicht mehr geschafft", sagt er. "Sie hatten zwar keinen Einfluss mehr auf mich, aber sie haben mich nicht aufgegeben. Das war das Gute."

Er verliebte sich in eine Antifa-Aktivistin

Nach ein paar Jahren fingen die Zweifel an. Hartung beschäftigte sich viel mit den Argumenten seiner "Feinde". Eigentlich um sie zu entkräften, doch stattdessen geriet sein eigenes Weltbild ins Wanken.

Seine Eltern hatten ihn nie aufgegeben.

Hartung stellte seine bisherigen Überzeugungen infrage. Die Leute in seiner Kameradschaft verstanden ihn nicht mehr. Und dann tauchte eine junge Frau in seinem Leben auf: eine Antifa-Aktivistin, die er noch von der Schule kannte. Anfangs diskutierten die beiden nur, dann verliebten sie sich.

Aussteigerprogramm war vor dem Aus

Vor drei Jahren zog sich Hartung aus der Kameradschaft zurück, brach den Kontakt zur Szene ab und suchte Hilfe beim Aussteigerprogramm Exit. Die Initiative hilft seit 13 Jahren Menschen, die sich gegen den Rechtsextremismus und für ein neues Leben entscheiden.

Vor einigen Wochen stand Exit vor dem Aus, weil die staatliche Förderung auslief. Der Aufschrei war aber laut genug, um den Bund zum Weiterzahlen zu bewegen.

"Niemanden gegen seinen Willen aus der Szene rausziehen"

Seit 2000 hat die Initiative mehr als 500 Leuten beim Ausstieg aus der rechten Szene geholfen, überwiegend jungen Männern zwischen 22 und 32 Jahren. Die einen waren in Führungspositionen aktiv, die anderen Mitläufer; die einen waren fürs Vordenken zuständig, die anderen fürs Zuschlagen.

Der rechte Terror der NSU
Terror von Rechts - die Morde der Zwickauer NSU-Zelle

Die Terrorgruppe um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hat mit ihrer Mordserie den Staat erschüttert. Die Ermittlungen ergaben, dass es ein ganzes Netz an Unterstützern der Zwickauer Zelle gab. Alles zum NSU-Prozess lesen Sie hier.

"Gemeinsam haben sie, dass sie alle hoch radikalisiert waren", sagt Fabian Wichmann von Exit, der Hartung von Anfang an beim Ausstieg begleitet hat. "Wir können niemanden gegen seinen Willen aus der Szene rausziehen", sagt Wichmann. "Es muss immer von den Leuten selbst ausgehen."

Vergangenheit auf der Haut

Hartung ergriff damals die Initiative, verließ sein Heimatdorf, ging nach Jena und schrieb sich dort an der Uni ein. Seine rechte Vergangenheit ist ihm nicht mehr anzusehen - zumindest nicht auf den ersten Blick. Er kommt alternativ daher: mit Wollmütze, langen Haaren, Kapuzenpulli und roten Turnschuhen. Aber unter den Klamotten sieht es anders aus.

Sein Körper erzählt von früher. Hartung hat noch viele Tätowierungen - rechte Symbole und Parolen. "Ich habe mich damit selbst gebrandmarkt", sagt er. "Heute bereue ich das unglaublich." An den Beinen hat er angefangen, die Zeichen übertätowieren zu lassen: "Inzwischen bin ich so weit, dass ich in kurzen Hosen rumlaufen kann." Der Rest soll nach und nach verschwinden.

  1. Seite 1: Vom Neonazi zum Philosophie-Studenten - Ein Aussteiger erzählt
    Seite 2: Drohungen von Ex-Kameraden

1 | 2



Aus dem Ressort
Ukraine wirft Russland Truppenbewegungen bei Donzek vor
Ukraine-Konflikt
Im Ukraine-Konflikt wird immer deutlicher, dass Russland im Kampfgebiet militärisch aktiv ist. Berichte der ukrainischen Armee über gewaltige russische Militärkonvois mit mehr als 100 Fahrzeugen werden allerdings bezweifelt. Wieder schlägt die Stunde der Telefondiplomatie.
Neue Zuzugs-Hürden sollen "Armuts-Zuwanderung" eindämmen
Zuwanderung
Einreisesperren, Fristen für Arbeitsuchende und mehr Geld für Kommunen - mit diesem Katalog will die Bundesregierung Probleme durch "Armutsmigration" aus der EU eindämmen. Das Kabinett verabschiedete am Mittwoch einen entsprechenden Regierungsbericht und brachte ein Gesetzespaket auf den Weg.
Selbstanzeige wird für Steuersünder künftig deutlich teurer
Steuern
Seit dem Frühjahr steht fest, dass es ab 2015 für Steuerbetrüger weit teurer wird, mit einer Selbstanzeige straffrei davonzukommen. Jetzt liegt ein Gesetzentwurf vor. Kritik kommt von der Industrie, die vor Problemen für Unternehmen warnt und Korrekturen fordert.
Ärzte bekommen 800 Millionen Euro mehr von der Krankenkasse
Krankenkassen
Vor einer Woche lagen die Positionen noch weit auseinander. Fünf Milliarden mehr forderten die Mediziner. Doch in der zweiten Verhandlungsrunde kam die Einigung zwischen Krankenkassen und Ärzten bereits nach einer halben Stunde.
NRW-Städte fordern Hilfe bei Unterbringung von Flüchtlingen
Flüchtlinge
Viele Flüchtlingsunterkünfte in NRW sind "voll bis unter die Dachpfannen". Seit 20 Jahren gab es in Deutschland nicht so viele Asylbewerber wie jetzt. Städte und Kommunen rufen um Hilfe — und haben schon zu ersten Notlösungen wie der Duisburger Zeltstadt gegriffen.
Umfrage
Duisburg droht seine U-Bahn zu verlieren, weil eine Sanierung des maroden Systems zu teuer wäre. Würde Ihnen die Bahn fehlen?

Duisburg droht seine U-Bahn zu verlieren, weil eine Sanierung des maroden Systems zu teuer wäre. Würde Ihnen die Bahn fehlen?