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Vom Job direkt in den Hörsaal

15.02.2010 | 08:07 Uhr
Vom Job direkt in den Hörsaal

Essen.Eine Friseurin, die Jura studiert? Ein Handwerksmeister, der sich für Philosophie einschreibt? Bald ist das möglich. Drei Studenten, die nie das Abitur gemacht haben, erzählen, was das bedeutet.

Schon heute können Meister ohne Zugangsprüfung an einer Fachhochschule studieren. Allerdings dürfen sie nur ein Fach wählen, das eine enge Nähe zu ihrem Beruf aufweist. NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) will das ändern: Ab dem kommenden Wintersemester sollen Handwerksmeister studieren können, was sie wollen. Und auch für Bewerber ohne Meisterbrief und Abitur soll es Erleichterungen geben – etwa den Wegfall von Eignungstests.

Bislang ist die Resonanz auf solche Studienangebote dürftig. Laut einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) hatten in NRW im Jahr 2007 lediglich 1,01 Prozent der Studienanfänger kein Abitur. Damit liegt NRW knapp unter dem bundesweiten Durchschnitt (1,09 Prozent) und deutlich hinter Spitzenländern wie Berlin (2,99) und Hamburg (2,67). „Wenn NRW wirklich zu diesen Ländern aufschließen will, muss viel passieren“, sagt Sigrun Nickel vom CHE. „Es gibt kaum Stipendien für beruflich Qualifizierte.“

Job gekündigt, Wohnung verkleinert, Auto verkauft

Dass der Wechsel vom Arbeitsplatz in den Hörsaal mit finanziellen Einschränkungen verbunden ist, können Julia Madeleine Schröder (26), Manuela Kaiser (31) und Pascal Sokoll (33) bestätigen. Sie gehören zu den 22 Studenten ohne Abitur, die an der Universität Duisburg-Essen – 31 000 Studenten insgesamt – eingeschrieben sind. „Ich musste von einer Drei-Zimmer-Wohnung in eine Ein-Zimmer-Wohnung ziehen. Mein Auto habe ich abgeschafft und meine Rechtschutz-Versicherung auf Eis gelegt“, berichtet Manuela Kaiser. Sie kündigte ihren Job als pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte und absolvierte eine Aufnahmeprüfung, um das Bachelor-Studium „Soziale Arbeit“ zu beginnen. Ohne Bafög und einen Studentenkredit sei dies nicht möglich. „Wir müssen die Altersgrenzen für Bafög generell aufheben“, fordert daher die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), mit Blick auf das fortgeschrittene Alter vieler Seiteneinsteiger.

Trotz der finanziellen Entbehrungen bereut das Duisburg-Essener Trio nicht, im vergangen Herbst auf ein Studium gesetzt zu haben. Die drei sehen interessante Job-Perspektiven in den Bereichen Senioren-, Jugend- und betriebliche Sozialarbeit. „Diese Möglichkeit des Studiums muss bekannter werden. Ich habe nur zufällig davon erfahren“, sagt Pascal Sokoll, ein Energie-Installateur. „Eigentlich müsste man extra eine Beratungsstelle für Studenten ohne Abitur einrichten“, pflichtet ihm Sigrun Nickel bei.

Vielleicht sind sie einen Tick zielstrebiger

Zumal sich die Seiteneinsteiger bewähren: Sie erzielen die gleichen Noten und Abbrecherquoten wie ihre Kommilitonen mit Abitur“, weiß Nickel. „Wir kündigen ja nicht einfach nur aus einer Laune heraus unsere Jobs. Vielleicht sind wir einen Tick zielstrebiger als viele ,normale’ Studenten“, sagt Julia Madeleine Schröder.

Bei den Seiteneinsteigern sind laut Bundesbildungs­bericht vor allem die Fächer Wirtschaftswissenschaften, Jura und Sozialwissenschaften beliebt. Etwa die Hälfte der Studenten ohne Abitur lernt an diesen Fakultäten. Darüber sind nicht alle glücklich. „Es ist fraglich, ob wir so die Lücken in der Medizin oder bei den Ingenieuren schließen können“, sagt Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband mit Blick auf den drohenden Fachkräftemangel in diesen Branchen. Und: Schon jetzt sei die durchschnittliche Betreuungsrelation an Universitäten mit einem Dozenten für 60 Studenten „eher ungünstig“.

Oppositionspolitiker und die Bildungsgewerkschaft GEW begleiten Pinkwarts Vorstoß daher nicht ohne Wohlwollen – aber auch mit dem Ruf nach mehr Personal an den Hochschulen.

Noch hat jede Hochschule ihre eigenen Regeln

Dabei setzt NRW-Wissenschaftsminister Pinkwart nur einen Beschluss der Kultusministerkonferenz vom vergangenen März um. Der sieht bundesweit einheitliche Mindestanforderungen und Standards vor. Bislang unterscheiden sich die Angebote für ein Studium ohne Abitur auch innerhalb von NRW stark.

Drei Prozent ihrer Studienplätze reserviert beispielsweise die Fachhochschule Südwestfalen (Hagen, Iserlohn, Meschede, Soest) für Meister und Fachwirte. Diese können ohne Zugangsprüfung fachlich verwandte Studiengänge oder Wirtschaft studieren. Wer älter als 22 ist, eine Ausbildung und drei Jahr Berufserfahrung hat, kann sich zur Zugangsprüfung anmelden. Besonders beliebt sind berufsbegleitende Studiengänge.

Mit den gleichen Voraussetzungen dürfen beruflich Qualifizierte an die Ruhr-Uni in Bochum. Die Zugangsprüfung muss jedoch mindestens mit der Note 2,0 abgeschlossen werden. Am beliebtesten ist hier das Fach Medizin.

An der Fernuniversität Hagen haben 812 der 68 000 Studierenden kein Abitur. Neben einer Zugangsprüfung gibt es die Möglichkeit, über ein erfolgreich absolviertes Akademiestudium (meist zwei Semester) in ein Bachelor­studium einzusteigen.

Marc Wiegand

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