„Viele Menschen finden anderes wichtiger“

Münster..  Die christlichen Kirchen in Deutschland leiden unter leerer werdenden Gotteshäusern und Mitgliederschwund – ein nicht umkehrbarer Trend, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack. Der Experte des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster hat mit Kollegen umfassendes Zahlenmaterial ausgewertet. Seine Untersuchung „Religion in der Moderne“ stellt er am Mittwoch in Münster genauer vor. Im Interview erläutert er, warum Kirchen ihrem Bedeutungsrückgang in modernen Gesellschaften aus seiner Sicht hilflos gegenüberstehen.

Ihre Untersuchung zeigt deutlich: Religion nimmt im Vergleich zu anderen Lebensbereichen wie Familie, Freizeit oder Beruf für eine Mehrheit der Menschen nur einen geringen Stellenwert ein. Außerdem werden Kirchen in Deutschland immer leerer, Jahr für Jahr treten Menschen aus. Werden Kirchen irgendwann bedeutungslos?

Pollack: Dass die Kirchen irgendwann nur noch den Status von Sekten haben werden, ist nicht absehbar. Der Bedeutungsrückgang ist vielmehr ein sehr langsamer, schleichender Prozess, der schon seit Jahrzehnten andauert. Die Austrittszahlen sind zudem mit unter einem Prozent nicht dramatisch. Die Kirche lebt noch stark von ihrer Vergangenheit, von ihrer Verankerung in den Familien und der Kultur. Doch diese Tradition verliert an Bedeutung, nicht sprungartig, aber man kann sagen, geradezu mit der Regelmäßigkeit eines Uhrenschlages.

Woran liegt das?

Dem Bedeutungsrückgang liegt weniger Unzufriedenheit als vielmehr Gleichgültigkeit gegenüber Religionsausübung zugrunde. Viele Menschen finden einfach anderes wichtiger: Sie bleiben nicht fern, weil sie die Predigt doof finden. Es ist vielmehr so: Sie möchten lieber ausschlafen, Zeit mit der Familie verbringen, zum Fußball gehen. Weil die Möglichkeiten immer vielfältiger werden, verschiebt sich die Aufmerksamkeit immer weiter vom religiösen zum weltlichen Feld. Da gegenzusteuern ist für alle Kirchen eine große Herausforderung.

Was kann denn Kirche tun, um das aufzuhalten?

Die Kirchen sind dieser Abwendung der Gläubigen häufig machtlos ausgeliefert. Deswegen gibt es allenfalls nur kleine Stellschrauben, um den Trend abzufedern. Kirche behauptet sich dort, wo sie sich mit nicht-religiösen Dingen verbindet und so in die Gesellschaft ragt.

Wie kann das aussehen?

Konfessionelle Schulen oder Kindergärten sind beispielsweise relativ stark nachgefragt, weil es dort eben nicht nur allein um das Seelenheil, sondern auch um Bildung und Erziehung geht. Auch wenn Religion zu einem Medium für politischen Protest wird, kann sie an Bedeutung gewinnen. Mischt sich Kirche gesellschaftlich ein, muss das aber mit ihrer Kernkompetenz, zum Beispiel Nächstenliebe, in Verbindung stehen, sonst überzieht die Kirche ihr Konto. Die Gefahr ist immer, dass Kirche sich nur noch im Anpassungsgang an eine individualisierte Gesellschaft befindet und dadurch an Profil verliert. Die Gefahr ist aber auch, dass sie sich über die Gesellschaft stellt. In diesem schwierigen Spannungsfeld muss sich die Kirche bewähren.