Viele Juden wollen ihre Heimat Frankreich verlassen

Jerusalem/Paris..  Israels Staatspräsident Reuven Rivlin schämt sich seiner Tränen nicht. „Nicht so wollten wir euch in Israel empfangen“, sagt er mit erstickter Stimme. „Wir wollten euch lebend.“ Israels Führung versammelte sich gestern in Jerusalem geschlossen zum Begräbnis der vier jüdischen Opfer des islamistischen Terrors in Paris. Ein Onkel des Opfers, Johan Cohen, sagte: „Er war erst Anfang 20 und voller Lebensfreude. Die Familie ist zerstört.“

Am Tag der Beisetzung flattern schwarze Banner im Wind. „Jerusalem ist Charlie“ und „Jerusalem umarmt das französische Volk“, heißt es darauf auf Hebräisch und Französisch.

Warum lassen sich viele Juden in Israel und nicht in ihrem Heimatland – in diesem Fall Frankreich – begraben? Die Beisetzung sei eine persönliche Entscheidung der Familien und keinesfalls eine offizielle Politik Israels, betonte Jigal Palmor von der Jewish Agency, die sich für die Einwanderung von Juden nach Israel einsetzt. „Es hat sicher etwas damit zu tun, dass sie als Juden ermordet wurden“, sagte er. Mit dem Begräbnis im Heiligen Land wollten die Familien „die jüdische Identität der Opfer würdigen, als eine Art letzte Hommage“.

Das feierliche Begräbnis in Jerusalem löst bei vielen Israelis ein starkes Gefühl von Déjà-vu aus: Wieder vier Särge, wieder vier französische Terroropfer, die in israelischer Erde begraben werden. Erst vor drei Jahren waren in Jerusalem nach einem islamistischen Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse vier Opfer beigesetzt worden – darunter drei Kinder. Vorfälle wie diese nähren die Überzeugung, Juden seien nirgendwo auf der Welt mehr sicher. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die Juden in Frankreich angesichts von Anschlägen und antisemitischen Übergriffen mehrfach dazu aufgefordert auszuwandern. Israel sei die historische Heimat, „die sie immer aufnehmen wird“. Unterschwellig schwingt die Kritik mit, Frankreich könne seine jüdischen Bürger nicht ausreichend schützen.

Vor gut einem Jahrzehnt hatten ähnliche Äußerungen des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon noch einen offenen Eklat mit Paris ausgelöst. Scharon hatte 2004 einen „entfesselten Antisemitismus“ in Frankreich angeprangert und die Juden aufgefordert, „so schnell wie möglich“ nach Israel auszuwandern. Präsident Jacques Chirac erklärte ihn daraufhin zur „unwillkommenen Person“. Erst ein Jahr später kam es wieder zu einer vorsichtigen Versöhnung.

Im Vergleich zu damals ist die Reaktion Frankreichs diesmal gedämpfter. Dennoch findet Umweltministerin Ségolène Royal bei der Trauerzeremonie in Jerusalem klare Worte: „Frankreich ohne Juden wäre nicht mehr Frankreich.“ Doch viele Juden in Frankreich fühlen sich einfach nicht mehr sicher. Salomé Levy, die Netanjahus Besuch in Paris aus der Nähe mitverfolgt hat, spielt mit dem Gedanken, das Land zu verlassen. „Nach Israel oder in ein anderes Land, in dem wir unseren Glauben frei leben können, ohne dafür angegriffen zu werden“, erklärt auch Wendy Achour. Denn Ausgrenzung und Anfeindung von Juden seien in Frankreich an der Tagesordnung.

Vom islamistischen Terror seien nicht nur Juden betroffen, sagt Henri Tordjman. Der 54-Jährige arbeitet in einer jüdischen Metzgerei im Pariser Marais-Viertel. Sein Kollege ist Muslim. Beide Männer erklären, sie hätten nach dem Attentat gleichermaßen Angst, ihre Kinder in die Schule zu schicken. „Wir sitzen doch alle im selben Boot.“