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Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück

27.09.2012 | 19:17 Uhr
Bundeswehrsoldaten auf Patrouille. Viele Soldaten erleben im Einsatz schreckliche Situationen, die sie schwer belasten.Foto: dapd

Berlin.   Viele Bundeswehr-Soldaten erleiden im Einsatz seelische Verwundungen. Die Zahl der traumatisierten Soldaten steigt von Jahr zu Jahr. Experten vermuten, dass die Dunkelziffern sehr hoch ist. Till Schweigers Spielfim „Schutzengel“ greift das sensible Thema auf.

Til Schweiger hatte „den besten Berater überhaupt“. Ein ehemaliger britischer Elitesoldat schrieb mit ihm das Drehbuch zu „Schutzengel“, ein Kinofilm über einen Soldaten, der traumatisiert aus dem Afghanistan-Krieg zurückkehrt. Als Schweiger den Film in Berlin im Beisein von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) zeigte, waren die über hundert anwesenden Bundeswehr-Soldaten gerührt, genauso im afghanischen Mazar-e Sharif, wo Schweiger zuvor den „Schutzengel“ der Truppe vorgeführt hatte.

Der Film, der gerade in den Kinos anläuft, verarbeitet eines der sensibelsten Themen der Bundeswehr: post-traumatische Belastungsstörungen (PTBS). Wie aktuelle Studien zeigen, steigt seit 2008 die Gesamtzahl der Soldaten, die nach Einsätzen im Kosovo oder Afghanistan traumatisiert sind und ärztliche Betreuung brauchen.

Bundeswehr
Zahl der traumatisierten Soldaten hat sich verdoppelt

Das Verteidigungsministerium vermutet, dass die „robusteren Einsätze“ schuld sind: Die Zahl der traumatisierten Soldaten hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt. Und das obwohl die Bundeswehr extra ein Betreuungszentrum eingerichtet hat.

„Jeder zweite Fall wird nicht erkannt“

2008 zählte die Bundeswehr 255-PTBS-Patienten, im Folgejahr 455, im Jahr 2010 dann 729 und 2011 inzwischen 922. Weibliche Soldaten und Kosovo-Heimkehrer sind offenbar besonders gefährdet. Darauf deutet eine Studie des Berliner Bundeswehr-Krankenhauses hin. Die Psychologen vermuten auch eine hohe Dunkelziffer. Nach der Befragung von 1488 Soldaten, die aus Afghanistan zurückkehrten, schätzt der Dresdner Wissenschaftler Hans-Ulrich Wittchen die Dunkelziffer auf 45 Prozent: „Mindestens jeder zweite PTBS-Fall wird nicht erkannt.“

 Dabei steckt die Bundeswehr ihre Einsätze vergleichsweise gut weg. Die Soldaten werden vor und nach den Einsätzen betreut. Im Durchschnitt werden sie auch nur vier Monate im Ausland eingesetzt. Danach bleiben sie 24 Monate in Deutschland. Da ist die Situation der US-Soldaten ungleich härter. Sie bleiben meist ein Jahr lang in Afghanistan. Das bedeutet zwölf Monate Leben in Feldlagern, lange Trennung von zu Hause, dazu die Belastung im Gefecht.

Video
Feisabad, 31.08.12: Die Bundeswehr gibt bis Ende Oktober ihr erstes größeres Lager in Afghanistan auf. Sicherheitsexperten rechnen dadurch mit einer Destabilisierung der Provinz Badachschan. Die deutschen Soldaten packen mit gemischten Gefühlen ein.

Die seelischen Verwundungen

Beispiel Bundeswehr: 85 Prozent aller im Ausland eingesetzten Soldaten berichten zumindest von einem, in der Regel sogar von mehreren belastenden Erlebnissen. Von den befragten Soldaten gaben knapp 30 Prozent an, Leichen oder Leichenteile gesehen zu haben. 32 Prozent wurden mit verletzten und kranken Frauen oder Kindern konfrontiert, ohne ihnen helfen zu können. Kein Wunder also, dass viele Soldaten psychisch krank werden, schlecht schlafen, Depressionen haben. Es sind die seelischen Verwundungen.

Die Amerikaner kommen bei PTBS auf Raten von bis zu 20 Prozent – die Bundeswehr auf gut zwei Prozent, beim Einsatz in Afghanistan auf genau 2,9 Prozent. In der Größenordnung liegt die Rate auch bei Briten und Israelis. Das Risiko, traumatisiert zu werden, steigt offenbar ab dem sechsten Monat im Einsatz deutlich an.

Afghanistan
Quälende Bilder aus dem Krieg in Afghanistan

Viele Bundeswehrsoldaten werden in Afghanistan traumatisiert. Und müssen in der Heimat um Anerkennung der Krankheit kämpfen. Besonders schlimm sind die „Flashbacks“ - ein Blick in die Fleischtheke beim Metzger genügt.

Das ist auch der Grund dafür, dass die viel länger stationierten US-Soldaten ungleich härter dran sind als ihre deutschen Kameraden. Die „New York Times“ brachte es brutal auf den Punkt: Statistisch kommen auf jeden im Gefecht gefallenen GI weitere 25 Todesopfer – es sind die Selbstmorde traumatisierter Kriegsveteranen.

Miguel Sanches



Kommentare
05.11.2012
08:55
Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück
von Sushi73 | #10

@partik#5:
Auf den Punkt gebracht.
@irgendwer81#6:
Natürlich kann es passieren. Aber es stellt sich die Frage, warum die prozentuale Rate so dermaßen hoch ist! Insbesondere im Vergleich zu Streitkäften wie den USA, die ja erheblich kampferprobter sind. M. E. Kann es nicht sein, dass u. a. Die Entfernng von Zuhause, Unterbringung und schlechtes Essen (Krieg....) schon ausreichen sollen. Vielleicht sollten wir unsere Kinder nicht in Kriegsgebiete entsenden, die Vorstellung weg von den Sandksstenspielen hin zu Lagerfeuerromantik und jetzt-beweisen-wir-mal-dass-wir-es-auch-können entspricht nicht der Realität.
Polizisten, Notärzte und Feuerwehrleute haben nahezu täglich mit extremen Situationen und Opfern zu tun, dazu kommt noch der Kontakt zu Hinterbliebenen/Angehörigen als belastendes Moment dazu (die Leiche ist dann nicht mehr anonym...).

28.09.2012
18:36
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #9

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

28.09.2012
11:10
@#7
von IRGendwer81 | #8

bekanntlich mal wieder eine total unqualifizierte Aussage.
Sollte langsam bekannt sein das die Bw nur in Notfällen im Inneren eingesetzt werden darf.

Und mit den Vorfall im Jobcenter Neuss blöde Sprüche machen ist unterstes Niveau

28.09.2012
10:21
Krank zurück kehren?
von wohlzufrieden | #7

Man muss ja schon krank sein, wenn man freiwillig dort hingeht...oder? Aber vielleicht verteidigt die Bundeswehr die von Gauck so geliebte "Freiheit" demnächst ja auch noch in den Jobzentren...

28.09.2012
09:42
Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück
von IRGendwer81 | #6

Einige der Kommentatoren haben noch nicht einmal ansatzweise eine Vorstellung dessen, was im Einsatz passiert oder wie diese Erfahrungen sind.

Ich selber war in meinen 12 Jahren Bundeswehr insgesamt 2 1/2 Jahre im Einsatz. Nicht am Stück, immer einzelne Kontingente, verschiedene Länder. Die Erfahrung zeigt das man im Vorfeld trotz aller Vorbereitungen nie sagen kann, ob jemand den Einsatz psychisch verarbeiten kann oder nicht. Also bitte nicht diese unqualifizierten Vorschläge von Eingangsuntersuchungen.

Die Arbeit ist auch nicht mit denen der Notärzte, Feuerwehrleuten und/ oder Polizisten zu vergleichen. 4-6 Monate im fremden Land, ohne "richtige" Unterkunft, heimisches Essen oder einfach nur vertraute Leute/ Freunde reichen manchmal schon aus. Soldaten im Einsatz haben keinen Ruhepol um abzuschalten, permantente Bereitschaft. Wenn dann noch unschöne Anblicke gepaart mit dem Fäkalgeruch hinzukommen, kann dieses schnell passieren.

2 Antworten
Fortsetzung
von IRGendwer81 | #6-1

was PTBS verursacht sind mehr die Begleiterscheinungen des Krieges, als der Krieg selbst. Die Leute haben weniger Probleme damit sich zu verteidigen, als verstümmelte Kinder zu sehen - besonders Familienväter.

Respektiert einfach die Leistungen, die die Soldaten erbringen als drauf rum zuhaken.

Das haben sie verdient

Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück
von DerBiker72 | #6-2

Ich stell dann hier mal die Frage der Ehre - jeder Soldat weiß im Vorfeld, worauf er sich einlässt. Er ist Schachfigur auf politischen Schachbrettern. Hier werden Soldaten in sogenannten "Krisengebieten" eingesetzt, die gewisse mächtige Leute erst dazu machen. Wie stolz kann man darauf sein, für mächtige Funktionäre, denen es gerne um Öl und westliche Einflussnahme auf Ländern geht, sein Leben und seine Familie zu riskieren? Auch wenn es Menschen gibt, die den ganzen Mist mitmachen. Stolz und Ehre ist eine emotionale Sache im Kopf, vlt. auch im Herzen, Vernunft ist da aber in weiter Ferne!

27.09.2012
22:40
Tja ...
von Partik | #5

Was haben die Jungs denn erwartet? Lustige Lagerfeuerabende mit den Kumpels? Das ist KRIEG. Und der geht im Normalfall mit extremen Belastungen einher.

Leichenteile sehen, Verletzten nicht helfen können - das haben über ein ganzes Arbeitsleben lang, jeden Tag tausende Polizisten, Feuerwehrleute, Krankenfahrer, Notärzte usw. Die müssten der Logik nach ja dann nach 2-3 Jahren in der Klapse landen, wenn die Herren Soldaten schon nach vier Monaten die rente einreichen wollen.

Vielleicht sollte man die selbsternannten Rambos, die sich für das Soldatenleben bewerben, mal etwas intensiver auf ihre psychische Belastbarkeit testen.

45% der Soldaten, sind nach ein paar Monaten deutscher Beobachtungsmission wegen ein paar Leichen und kranken Kindern traumatisiert - das ist doch wohl ein Scherz.

27.09.2012
22:27
Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück
von xxyz | #4

Was hat der Einsatz bis jetzt gebracht?

Er muss sofort beendet werden.

Die hohen Zulagen liegen natuerlich am hohen Risiko. Das wussten die Soldaten. Die Hilfen muessen verbessert werden. Statt Geld in ein korruptes Land zu pumpen, muss den eigenen Soldaten geholfen werden.

27.09.2012
21:07
Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück
von Pyrexx | #3

Bisher waren es ja nicht die geistreichsten Kommentare hier...

Nur so viel...dieses "angebliche" Krank sein...das kann auch sie schon morgen treffen...glauben sie nicht?

Sie werden Ersthelfer bei einem Unfall, Notfall sonstwas und jemand stirbt vor ihren Augen...und plötzlich können sie nicht mehr schlafen...sehen immer wieder das Gesicht vor ihrem inneren Auge...und das selbst 8 Wochen nach dem Vorfall...willkommen in der Welt der PTBS...und dann werden sie als Simulant abgestempelt...


Wiederlich solche Menschen.

1 Antwort
Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück
von OmenEstNomen | #3-1

Man up Dude!

Yeah I am hard on the internet.

27.09.2012
20:33
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.09.2012
20:13
Viele Afghanistan-Kämpfer kehren krank zurück
von OmenEstNomen | #1

Heikles Thema. Schreibe nicht, was ich eigentlich schreiben wollte. Nur so viel, niemand wurde gezwungen Soldat zu werden. Und bei Wikipedia kann man vorher nachschauen, was Krieg bedeutet.

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