Viel mehr als nur ein Familienzerwürfnis

Paris..  Schief hing der Segen im Hause Le Pen schon eine ganze Weile, doch nun ist Tochter Marine endgültig der Kragen geplatzt. Die Parteivorsitzende des rechtsradikalen Front National (FN) will eine Kandidatur ihres Vaters bei den in Frankreich anstehenden Regionalwahlen verhindern. Der Grund: Wieder einmal hat der Alte mit antisemitischen und fremdenfeindlichen Ausfällen für Wirbel gesorgt.

86 Jahre ist der „Ehrenvorsitzende auf Lebenszeit“ des von ihm gegründeten Front National mittlerweile, aber kein bisschen leise. Verurteilungen wegen Leugnens des Holocausts oder Aufrufs zum Rassenhass sammelt er wie andere Briefmarken. Erst vergangene Woche wurde das jüngste Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet, weil er in einem Fernsehinterview erneut die Gaskammern in den NS-Konzentrationslagern als „ein Detail der Geschichte“ bezeichnete. Eine Aussage, die er gestern in der rechtsextremen Zeitschrift „Rivarol“ ungerührt bekräftigte, um dann auch noch eine Lanze für die Ehre von Marschall Philippe Pétain zu brechen, der im Zweiten Weltkrieg Staatschef des Vichy-Regimes war und wegen seiner Kollaboration mit Nazi-Deutschland zum Tode verurteilt wurde.

In aller Deutlichkeit distanziert

Marine Le Pen (46), die vor vier Jahren den FN-Parteivorsitz von ihrem Vater übernahm, hatte sich bereits von „Form und Inhalt“ des TV-Interviews in aller Deutlichkeit distanziert. Aber als sie am Mittwoch einen Vordruck von „Rivarol“ in die Hände bekam, war das Fass voll. In einer umgehend veröffentlichen Erklärung warf sie ihrem Vater wutentbrannt vor, eine Linie „zwischen Strategie der verbrannten Erde und politischem Selbstmord“ zu verfolgen, die dem FN nachhaltigen Schaden zufüge. Gleichzeitig kündigte sie an, dass sie sich dessen Plänen widersetzen werde, bei den Regionalwahlen in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d’Azur als FN-Spitzenkandidat anzutreten.

Ganz Frankreich schaut fasziniert auf dieses Familiendrama. Denn daran, dass der Bruch zwischen Vater und Tochter definitiv ist, kann es keine Zweifel geben. Die FN-Führung jedenfalls stellte sich geschlossen hinter ihre Parteichefin. Marine Le Pen hat für den 17. April eine Sitzung des Parteivorstandes einberufen, dem auch Jean-Marie Le Pen nach wie vor angehört. Auf ihr soll sowohl über die regionale FN-Spitzenkandidatur an der Côte d’Azur als auch über disziplinarische Maßnahmen entschieden werden. Zur Debatte stehen angeblich der Entzug der Ehrenpräsidentschaft des Parteigründers oder gar ein Parteiausschluss. Dass der „Crashkurs“ des unverbesserlichen Haudegens irgendwann zu dem persönlichen wie politischen Zerwürfnis mit seiner Tochter führen würde, war absehbar. Zu offensichtlich stemmte sich der Vater gegen die durchaus erfolgreichen Bemühungen seiner Nachfolgerin, den Front National aus der rechtsextremen Schmuddelecke der französischen Politik zu befreien und für breitere Wählerschichten attraktiv zu machen. „Entdämonisierung“ nennt Marine Le Pen diese Strategie, dank derer der FN bereits zur zweiten Kraft im Lande aufstieg.