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Verhextes Land – Kindermissbrauch in Nigeria

28.10.2012 | 19:45 Uhr
Verhextes Land – Kindermissbrauch in Nigeria
Beim Gottesdienst im CRARN-Zentrum können die misshandelten Kinder sich fallen lassen.Foto: Toby Binder

Akwa Ibom.   Abergläubische Eltern töten in Nigeria ihre Söhne und Töchter, weil selbsternannte Prediger ihnen einreden, der Nachwuchs sei vom Teufel besessen. Rettung für die Kinder gibt es nur an einem Ort. Wolfgang Bauer hat ihn besucht. Für seine in der „Nido“ veröffentlichte Reportage erhielt er den Medienpreis der Kindernothilfe.

Das Böse sucht die Nähe des Guten, bedrängt es, schmeichelt sich ein mit Wimmern und Lügen. Unablässig greift es nach der Hand von Uwe Okwong Uwe, 40, dem Taxifahrer des Dorfes. Es berührt ihn mit den Fingerspitzen, die klein sind und zart. „Was soll ich tun?“, flüstert der Mann, als er im Türrahmen seines Hauses steht. Das Böse sieht zu ihm auf, aus sanften Augen, hinter denen alles lauert, wofür Menschen die Verdammnis fürchten. „Ich weiß keinen Rat“, klagt er, der seine ganze Existenz in den vergangenen sechs Monaten verloren hat. Die Frau, den Job, zuletzt seinen kränkelnden jüngsten Sohn. Den begrub er vor einer Woche im Garten zwischen zwei Bananenstauden. Das Haus der Familie, vor dem Okwong steht, ist verlassen. Er schaut teilnahmslos an seinem Arm herab, wo das Unheil an ihm hängt wie ein Geschwür. „Ich habe wirklich alles versucht. Aber es ist der Dämon“, sagt Okwong und meint das sechsjährige Kind, das es jetzt endlich schafft, die Hand des Mannes mit der seinen zu umschließen. Sein ältester Sohn. Bald wird dem Taxifahrer Okwong nichts anderes mehr übrig bleiben als ihn aus dem Dorf zu führen, hinein in den Wald, wo es mehr Schatten gibt als Licht, und ihn dort umzubringen.

Es ist ein Sonntag am Ende der Regenzeit, der Singsang von Gottesdiensten liegt über dem Land wie der Klangteppich des Vogelzwitscherns. Die Kirchen in den Dörfern und Städten des nigerianischen Bundesstaates Akwa Ibom sind gefüllt mit Gläubigen, die dem Herrn ihre Hände entgegenwerfen, ihre Köpfe ekstatisch verdrehen und unter Tränen ihren Gott anflehen. Uwe Okwong Uwe, der Vater des Kindes, ist nach dem Gottesdienst mit dem Mofa vors Haus gefahren, ein ernster, besonnener Mann. Er lässt sich selten hinreißen, wägt in Diskussionen sorgfältig ab, ist heute auch nicht von Palmwein betrunken wie die meisten anderen im Dorf. Das Kind will er füttern, denn niemand sonst wagt es, sich dem Sechsjährigen zu nähern. Die Nachbarn meiden das Haus, seit alle wissen, dass ein Fluch darauf liegt. Fast nackt, nur in kurzen schwarzen Hosen, hockt das Kind auf der Veranda, es heißt Uwe wie der Vater, ein Junge mit ängstlichen Augen, so groß fast wie der Kopf. „Ich erkenne in ihm mein Kind nicht wieder. Er hat sich so verändert.“

Der Vater des kleinen Uwe glaubt, dass sein Sohn von einem Dämon besessen ist. Deshalb wollt er er ihn umbringen. Foto: Toby Binder

Der Kleine kam im Dezember 2009 vom Nachbarsjungen gerannt, einem Achtjährigen, der ihn aus Boshaftigkeit verhext habe, mit heimlich verzaubertem Reisbrei. Das erzählte der Sohn dem Vater. Das Gerücht machte im Dorf schnell die Runde, es ließ sich nicht mehr stoppen, und die Welt der Familie Okwong fiel in sich zusammen. Der Wahnsinn verbreitet sich wie eine Epidemie, er ist von Mensch zu Mensch übertragbar, eine Pestilenz, die vor etwa zehn Jahren im Südosten Nigerias ausbrach. Nie zuvor hat es sie in Akwa Ibom gegeben. Sie begann in einzelnen Dörfern, hier und da, streute rasch und frisst sich seither in ganze Regionen Nigerias. Eltern führen Krieg gegen ihre Kinder. Sie töten sie zu Tausenden. Die Liebe zu ihnen verkehrt sich in Hass. Kinderkadaver treiben in den Strömen des Nigerdeltas oder verrotten im Busch. Es gibt Stellen in den Wäldern, da trifft man auf regelrechte Schädelstätten. „Hütet euch vor den Hexenkindern!“, brandpredigen evangelische Pastoren. Jeden Tag infizieren die Priester die Menschen neu.

Dieses Drama ist auf keiner UN-Dringlichkeitssitzung vertreten. Kein Menschenrechtsgerichtshof ergreift Partei. Die Regierenden scheinen unberührt, und die Weltöffentlichkeit nimmt kaum Notiz. Einzig eine lokale Hilfsorganisation stemmt sich gegen das Morden, CRARN, das „Child Right and Rehabilitation Network“ – was ein großer Name ist für nicht mehr als eine Handvoll Aktivisten. Zwei von ihnen sind heute zufällig durch das Dorf von Familie Okwong gefahren. Das rettet das Leben des sechsjährigen Uwe.

Ein Dorf voller Dämonen

Die Gewinner des Medienpreises 2012 der Kindernothilfe

Print: Wolfgang Bauer mit „Verhextes Land“, erschienen in Nido (März 2011)

Foto: Martin Steffen mit „Tödliches Recycling“, erschienen in Badische Zeitung (12.11.2011)

Hörfunk: Jörn Klare mit „Geld oder Leben - Krebspatienten in Moldawien“ gesendet im Deutschlandradio Kultur (4.2.2011)

TV: Philipp Abresch mit „Die Kinder der Müllhalde“, gesendet im ARD weltspiegel (4.12.2011)

Preis der Kinderjury: Ulrike Klausmann mit „Wenn sie uns finden, sind wir verloren“, gesendet im WDR 5 Kinderfunk (25.2.2011)

Den Weg zum Haus hatten ihnen der Bürgermeister gewiesen, der Chief, auch betrunken an diesem Sonntag, der mit schwerer Zunge vom Dämon im Dorf erzählte. „Helft ihm“, bitter er sie, und meint damit nicht den Sohn, sondern den Vater. Jehu Ebuk Tom nickt mit hängendem Kopf, eine Routineaktion, der 28-Jährige ist der „Rescue Officer“ der Kinderschutzorganisation. Er zählt zu den vier jungen Männern, die CRARN vor sieben Jahren gründeten. Einer mit leiser, eindringlicher Stimme, der sich immer kleiner macht als seine Gesprächspartner, schwarze Kunstlederjacke, darin ein Notizblock, auf dem er sich das Grauen in Stichworten notiert.

Es gibt so viele Dämonen im Dorf der Familie Okwong, auf der kurzen Fahrt durch den Ort zeigt ihm der Chief die Besessenen. „Der“, deutet er mit dem Finger auf einen kleinen Jungen, der unter einem Baum kauert. „Die“, sagt er, als er am Straßenrand ein vierjähriges Mädchen entdeckt, das alleine mit einem Ball spielt. Der schlimmste aller Teufel jedoch lebe bei den Okwongs. Der Vater sitzt auf der Terrasse, sein Junge weint, weil er die Ankömmlinge sieht; er versucht sich loszureißen und davonzurennen, dann schließt sich eine Menschenmenge um beide.

Kommentare
31.10.2012
11:48
Verhextes Land – Kindermissbrauch in Nigeria - Der Teufel hat Hoch-Konjunktur
von Alter-MAnn59 | #8

"Der Teufel hat Hoch-Konjunktur" - nicht nur im Ausland, sondern auch hier in der BRD.

Siehe geplantes Verbrechen gegen die Verstümmelung von...
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Verhextes Land – Kindermissbrauch in Nigeria
Verhextes Land – Kindermissbrauch in Nigeria
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http://www.derwesten.de/politik/verhextes-land-kindermissbrauch-in-nigeria-id7238849.html
2012-10-28 19:45
Kindernothilfe,NIgeria,Kinder,Kindesmissbrauch
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