Verhandlungen und Feuergefechte

Berlin/Donezk..  Gestern Nacht einigten sich die Außenminister Russlands, der Ukraine, Deutschlands und Frankreich nach drei zähen Verhandlungsstunden in Berlin auf den Abzug der schweren Waffen von der ostukrainischen Kriegsfront. Der deutsche Chefdiplomat Frank-Walter Steinmeier sprach hinterher von „wahrnehmbaren Erfolgen“.

Jetzt solle die Kontaktgruppe aus OSZE-Vertretern und Unterhändlern der Ukraine, Russlands sowie der prorussische Rebellen möglichst bald zusammenkommen, um die weitere Umsetzung des Minsker Friedensplans zu besprechen. „Vieles hängt natürlich davon ab, ob das, was wir vereinbart haben, nicht nur gedrucktes Papier bleibt“, so Steinmeier.

Salve auf eine Bushaltstelle

Die Krieger vor Ort antworteten auf ihre Art. Am Morgen tötete eine Minenwerfersalve an einer Bushaltestelle in Donezk 13 Zivilisten. Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte, das Feuer sei aus einem Stadtviertel eröffnet worden, das die Rebellen kontrollieren. Deren Verteidigungsminister Wladimir Kononow verkündete, man habe eine Gruppe ukrainischer Diversanten dingfest gemacht, die an dem Feuerüberfall beteiligt gewesen seien. Premier Alexander Sachartschenko dagegen sprach von einer ukrainischen Batterie in Awdejewka, die man bereits vernichtet habe.

Man darf spekulieren, ob nun blutrünstige Ukrainer oder prorussische Provokateure die Donezker Bushaltestelle bombardiert haben, um einen neuen Waffenstillstand zu verhindern.

Jedenfalls treffen die Krieger immer häufiger öffentliche Verkehrsmittel. Vergangenen Dienstag tötete eine Rakete bei Wolnowacha 13 Buspassagiere. Und an der gesamten Front sind die Kämpfe neu entbrannt. Wie die ukrainische Nachrichtenagentur Unian meldete, räumten die letzten ukrainischen Verteidiger nachts die Trümmer des völlig zerschossenen neuen Terminals auf dem Donezker Flughafen.

In Gorlowka geriet auch noch ein Krebskrankenhaus unter Feuer, in einem Bergwerk in Dscherschinsk wurden nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums 84 Bergleute durch Artillerietreffer verschüttet. Die Rebellen melden 60 gefallene Ukrainer in den vergangenen 24 Stunden, das ukrainische Freiwilligenregiment Asow 170 gefallene russische Soldaten…

„Die Hitzköpfe auf beiden Seiten wollen noch mehr kämpfen“, kommentiert Radio Kommersant FM. Es gibt den Minsker Friedensplan, der vorsieht, dass die Rebellengebiete in der Ukraine verbleiben, einen Sonderstatus und Wiederaufbauhilfe erhalten. Aber Oleg Zarjew, Vorsitzender des Rebellenparlaments, predigt gleichzeitig heroischen Überlebenskampf: „Die Kiewer Staatsmacht wird auch weiter unter Führung amerikanischer Geheimdienste das Donbass attackieren, um all seine Bevölkerung auszurotten.“ Und Sachartschenko kündigte eine neue Offensive der Separatisten an, die er als „Nötigung zur Einhaltung der Vereinbarungen“ umschrieb.

Bomben in Cherkow und Odessa

Ukrainische und russische Experten sind sich einig, dass es Ziel des Kremls ist, die von ihm politisch kontrollierten Rebellengebiete innerhalb einer ukrainischen Föderation mit Vetorechten auszustatten, um den Westkurs des kleineren Nachbarlandes zu stoppen. Während ein Großteil der Menschen im Donbass noch immer darauf hofft, dass die russische Föderation ihre Rebellenrepubliken aufnimmt. Absichten, die einander ausschließen. In Charkow und Odessa aber explodieren seit Monaten Bomben, ukrainische Sicherheitsleute gehen davon aus, dass Russland auch dahinter steckt.