Verfolgt, ausgenutzt, hoffnungslos

Bangkok..  Ein Junge hängt erschöpft am Tropf, einer Frau, die sich an eine schmuddelige Plastiktüte mit ihren Habseligkeiten klammert, rinnen die Tränen übers Gesicht: geschafft, gerettet. Die beiden sind unter mehr als 1500 Bootsflüchtlingen, die nach teils wochenlanger Irrfahrt Land erreicht haben. Sie waren eingepfercht zwischen Hunderten schwitzenden, verängstigten Menschen, in überfüllten, kaum seetüchtigen Booten. Sie waren der sengenden Hitze ausgesetzt, ohne Toiletten, ohne Hygieneartikel, ohne genügend Essen und Trinken.

Es sind überwiegend Rohingya, eine muslimische Minderheit im buddhistischen Myanmar, die in ihrer Heimat von Mitmenschen und vom Staat verfolgt und diskriminiert werden – und vermutlich einige Bangladescher.

„Einige, die von den Booten kommen, sind dem Tod nahe“, sagt der Chef des Thailand-Büros der interstaatlichen Organisation für Migration (IOM), Jeff Labovitz, der Deutschen Presse-Agentur. Die IOM kümmert sich weltweit um Flüchtlinge. „Sie haben Beriberi, akuten Vitaminmangel und sehen aus wie Skelette.“ Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) schätzt, dass zwischen Januar und März 25 000 Menschen in der Region in Flüchtlingsboote gestiegen sind.

Viele überleben nicht. Anfang Mai fand die thailändische Polizei in einem verlassenen Lager im Urwald an der Grenze zu Malaysia mehr als 30 verscharrte Leichen. „Sie sind verhungert oder an Krankheiten gestorben, weil Schlepper sie als Geiseln hielten und mehr Geld verlangten, um sie nach Malaysia zu bringen“, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Im mehrheitlich muslimischen Malaysia hoffen die Rohingya, sich als Tagelöhner durchschlagen und vielleicht Geld nach Hause schicken zu können.

Manche schaffen es aber nie an Land. „Schlepper gaukeln vielen Rohingya vor, sie würden sie nach Malaysia bringen“, schrieb die Menschenrechtsorganisation Fortify Rights im April. „Stattdessen werden sie in internationale Gewässer gebracht und auf moderne Sklavenschiffe gepfercht mit Richtung Thailand.“ Die EU hat nach dem Bericht „Sklaverei auf See“ der Environmental Justice-Stiftung (EJF) bereits im vergangenen Jahr Alarm geschlagen.

„Frauen und Mädchen sind als Ehefrauen verkauft oder zu jahrelanger Knechtschaft mit Hausarbeit und Sex gezwungen worden“, sagte Fortify Rights-Gründer Matthew Smith bei einer Anhörung im US-Kongress. Die Lage der Rohingya sei dramatisch. Hunderttausende Menschen seien auf der Flucht und liefen Gefahr, von Menschenschmugglern ausgenutzt zu werden.

In Myanmar schüren Mönche Hass gegen die Muslime mit dem Vorwurf, sie wollten einen islamischen Staat schaffen. Absurd angesichts der Tatsache, dass die Muslime dort nicht einmal zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Myanmars Regierung bezeichnet die Rohingya abfällig als „Bengalis“, die nach Bangladesch gehören. Aber das Nachbarland sieht sich nicht zuständig.

„Die Leute können die Hoffnungslosigkeit nicht ertragen, sie sterben lieber auf See als diese Diskriminierung weiter zu ertragen“, sagt ein Rohingya-Abgeordneter in Myanmar, der aus Angst vor Repressalien seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Der Staat sammele inzwischen auch vorübergehende Aufenthaltsberechtigungen wieder ein. Die Angst treibe die Leute fort. „Wir wollen hier friedlich leben, wir wollen unser Land nicht aufgeben. Aber was sollen die Leute tun, wenn sie vom Staat verfolgt werden?“