Verbal wird schon aufgerüstet

Moskau/Washington..  Gemessen am Hauch von Kaltem Krieg, der seit der Ukraine-Krise die Beziehungen zwischen Amerika und Russland verschattet, wirkte der jüngste Angstmacher von Wladimir Putin auf manche wie eine Eisblume: „Dieses Jahr wird der Bestand unserer Atomstreitkräfte um mehr als 40 neue ballistische Interkontinentalraketen aufgefüllt“, sagte Russlands Präsident bei der Einweihung eines „militärischen Disneylands“ (New York Times) vor den Toren Moskaus, „sie werden fähig sein, selbst technisch perfekteste Raketenabwehrsysteme zu überwinden.“ Die Ankündigung wurde als forsche Antwort auf Pläne des Westens, in den osteuropäischen Nato-Staaten und vor allem im Baltikum aufzurüsten, interpretiert. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg klassifizierte sie umgehend als „atomares Säbelrasseln“ und „destabilisierend“.

Rhetorische Drohgebärden

Bei US-Außenminister John Kerry fielen die Reaktionen unaufgeregter aus. Putins Ansagen seien zwar „beunruhigend“, sagte Obamas Chef-Diplomat, schließlich wolle niemand den Rückfall in die Hochrüstungsspirale des Kalten Krieges. Aber es könne sich auch „sehr wohl nur um Getue handeln“. Sprich: um rhetorische Drohgebärden, adressiert an ein russisches Publikum, das Muskelspiele mag.

Bevor etliche der notorisch anti-russisch gestimmten Präsidentschaftskandidaten der Republikaner den Ball aufnehmen konnten, stützten Rüstungsexperten der Washingtoner Denkfabrik Brookings Kerrys Einschätzung und rücken die Dimensionen zurecht: „Russland hat im Rahmen der geltenden Abkommen seine Arsenale an Atomsprengköpfen im vergangenen Jahr von 8000 auf 7500 reduziert, während Amerika 40 abgebaut hat und nun über 7260 Sprengköpfe verfügt. Wenn jetzt ein paar alte Raketen außer Dienst gestellt und durch neue ersetzt werden, ist das Routine.“

Experten in Moskau sehen das ähnlich. Sie erinnern an einen Wahlkampfartikel Putins von 2012, in dem er bis 2022 den Bau 400 neuer ballistischer Atomraketen angekündigt hatte. „Wenn jetzt 40 davon in Betrieb genommen werden sollen, ist das nichts Unerwartetes“, sagt der Militärspezialist Viktor Litowkin. „Bekanntlich veraltet unser Atomarsenal. Ein Großteil der Satana- oder Topolraketen muss schlicht verschrottet werden.“

Zudem ist die Fachwelt zackige Meldungen von bald in Massenproduktion gehender Kriegshöchsttechnologie gewohnt. Etwa dem auf der Siegesparade am 9. Mai präsentierten neue Kampfpanzer T-14 „Armata“, nach offiziellen Angaben allen westlichen Konkurrenten überlegen, nach Ansicht mancher russischen Fachleute nur der aufgemotzte Umbau längst schon rollender Vorgänger. Außerdem: Wie US-Beobachter ausgemacht haben, hat sich das russische Militär bei der Beschaffung verkalkuliert. Um, wie angekündigt, bis 2020 rund 2300 Panzer dieses Modells kaufen zu können, „fehlt Moskau das Geld“. Der zuletzt wieder um 15 Prozent gestiegene Verteidigungshaushalt von 98 Milliarden Dollar drückt mit 20 Prozent des russischen Gesamtetats einerseits arg auf die Finanzen der kriselnden russischen Wirtschaft, macht andererseits nicht mal ein Sechstel der 610 Milliarden Dollar aus, die die USA in diesem Jahr in ihr Militär stecken.

Darum betrachten in Russland viele Putins kriegerische Sprüche als Bluff. „Die neuen Interkontinentalraketen erinnern mich an die Attrappen der Atomraketen, die im Kalten Krieg bei den Paraden zur Oktoberrevolution dem Westen einschüchtern sollten“, witzelt ein ehemaliger Mitarbeiter eines russischen Rüstungskonzerns.

Kein Geld für Bedrohung

Dass Moskau keinen ernsthaften Rüstungswettlauf mit den USA anstrebt, kam gestern quasi amtlich aus dem Kreml. Putin-Berater Uschakow sagte, Moskau versuche „auf mögliche Bedrohungen zu reagieren, aber ohne darüber hinaus zu gehen“, denn das würde „unsere wirtschaftlichen Fähigkeiten schwächen“. Unterdessen beklagte der stellvertretende Außenminister Meschkow den miserablen Zustand des Verhältnisses zur Nato. „Kein einziges der früher laufenden Programme zwischen Russland und der Nato funktioniert“. Er machte erwartungsgemäß die Gegenseite für das Ende der Kooperation verantwortlich, forderte sie aber gleichzeitig auf „vorzuschlagen, die Beziehungen wieder herzustellen“.