Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Griechenland

Verärgerung, Resignation – um Athen tobt ein Nervenkrieg

06.02.2012 | 18:22 Uhr
Verärgerung, Resignation – um Athen tobt ein Nervenkrieg
Blitze am Parthenon auf der Akropolis in Athen.Foto: dapd

Brüssel.   Europa erhöht den Druck auf Griechenland. Auch die Pleite ist nicht mehr tabu. Doch das am Abgrund stehende Land zögert noch immer, die von Brüssel geforderten harten Reformen umzusetzen, wenn frisches Geld fließen soll.

Die Nervosität steigt, der Ton wird schärfer. Während in Athen die Regierung mit den internationalen Geldgebern um die Konditionen für die nächste Etappe der Griechenland-Hilfe ringt, machen sich in Brüssel Verärgerung und Resignation breit: Eigentlich sei die Frist für Athen bereits abgelaufen, klagt die EU-Kommission.

„Um die Wahrheit zu sagen – eigentlich sind wir schon jetzt zu spät dran”, erklärte gestern der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn. „Wir hatten gehofft, dass die Entscheidungen spätestens an diesem Wochenende fallen würden.”

Treffen verschoben

Die Entscheidungen – das ist die überfällige Vereinbarung mit den privaten Gläubigern Athens, bei denen das Land 50 bis 70 Prozent seiner Schulden loswerden soll. Und das ist, zweitens, die längst fällige Zusage der Athener Regierung an die Troika der Kreditgeber (EU-Kommission, Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds), dass man sich im Gegenzug für frisches Geld einem weiteren strengen Reform- und Spar-Programm unterzieht. Doch Athen zögert. Ein Treffen der Chefs der Athener Koalitionsparteien um neue Zugeständnisse an die EU wurde gestern auf heute verschoben.

Der Zeitdruck ergibt sich aus einem Datum: Am 20. März muss Griechenland gut 14 Milliarden Euro umschulden. Das schafft es nur mit neuerlicher Hilfe von außen, und die wiederum kommt nur, wenn das gesamte Paket geschnürt ist.

„Ich erwarte, dass Griechenland und alle Parteien sich darauf konzentrieren, wie sie die Maßnahmen der Troika umsetzen können“, mahnte der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Es gehe um die unmittelbare Handlungsfähigkeit des griechischen Staates. Zugleich forderte er von der Europäischen Union ein Angebot, wie mehr Wachstum in dem Land erreicht werden kann. „Wir sind an der Grenze dessen angelangt, wo gespart werden kann“, warnte Schulz.

Kritiker sprechen von „Erpressung“

Ein Deal in Athen, wenn er denn endlich steht, muss von den EU-Finanzministern abgesegnet werden. Sobald, und das ist höchst wahrscheinlich, das Volumen des Hilfspakets „Griechenland II“ über die bislang vereinbarten 130 Milliarden Euro steigt, muss auch der Bundestag sein Einverständnis geben. Dann erst kann das Umschuldungsprogramm anlaufen, der Form nach ein Angebot an die Gläubiger, dessen Umsetzung wiederum Zeit in Anspruch nimmt.

„Wir brauchen klare Selbstverpflichtungen”, so Rehn-Sprecher Antonio Altafaj Tardio. „Man muss nicht nur die überzeugen, die Athen diese Solidarität entgegenbringen. Sondern auch alle Marktteilnehmer. Das muss ein solider und glaubwürdiger Plan sein.”

Nach Ansicht der Kritiker – darunter die Athener Regierungsparteien und die Gewerkschaften – ist es hingegen Erpressung. Ihre Interpretation: Europas Druck ist der rücksichtlose Versuch, einer bereits in bittere Not gestürzten Bevölkerung von ihren geschrumpften Einkünften noch mehr abzunehmen, um es Banken und Spekulanten in den Rachen zu schieben.

Auflagen nicht erfüllt

Besonders die Forderung, den Mindestlohn von 750 Euro im Monat um 20 Prozent zu senken, hat für böses Blut gesorgt. Zu Unrecht, findet die EU-Zentrale. In Griechenland werde der Mindestlohn 14 Mal gezahlt und liege damit faktisch bei rund 870 Euro pro Monat. Vor allem aber sind sie in Brüssel genervt, weil die Griechen die Auflagen aus dem ersten Hilfsprogramm nicht erfüllt haben. Und auch das Schlimmste ist in Brüssel nicht mehr tabu: die Pleite. „Wir arbeiten nicht mit dem Szenario”, heißt es. „Aber wir wissen, dass Privatfirmen sich darauf vorbereiten.”

Knut Pries

Facebook
 
Kommentare
07.02.2012
13:45
darabu #13
von wohlzufrieden | #14

Sie treffen den Nagel auf den Kopf.

07.02.2012
13:23
Blockierter Kommentar.
von darabu | #13

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

07.02.2012
12:23
Verärgerung, Resignation – um Athen tobt ein Nervenkrieg
von Poqwi | #12

regierungen die sich so offensichtlich weigern die zeichen der zeit zu erkennen gehören abgesetzt und unter brüsseler zwangsverwaltung gestellt.....

wenn dann,nach sagen wir einmal 10 jahren eine deutliche verbesserung im einsehen erfolgt ist kann man wieder über eine selbstverwaltung verhandeln....

so macht man das und nicht anders......

wer das nicht will kann gerne austreten...lieber eine 10 er eu in der sich alle einig sind wie so ein chaos.....

07.02.2012
12:09
Verärgerung, Resignation – um Athen tobt ein Nervenkrieg
von donelvis | #11

Leider ist die griechische Regierung oder was von ihr übrig geblieben ist, zu EU-hörig. Den Politikern, die immer stärker den Druck auf Griechenland erhöhen, würde das dämlich Grinsen vergehen, wenn Griechenland von heut auf morgen sagen würde: "Wir können unsere Schulden nicht zurückzahlen, wir wollen wieder eine eigene Währung, der Euro ist eh bald nichts mehr wert." Damit würden sie den unverschämten Forderungen der arroganten EU-Staaten Frankreich und Deutschland ein Ende bereiten, denn in ganz Europa würde die Euro-Blase platzen und die Banken (hier besonders die Deutsche Bank) würden auf ihren leichtfertig vergebenen Krediten sitzen blieben. Während Griechenland langsam aber sicher in die Krise rutschte, haben Frankreichs und Deutschlands Großunternehmer mit Hilfe ihrer Regierungen noch zahlreiche Geschäfte mit Griechenland abgewickelt (z.B. Rüstungsgeschäfte!!!) um jetzt zu sagen, die könnten nicht mit Geld umgehen und wären korrupt. Die größten Bananenrepubliken in der EU sind doch Frankreich und Deutschland. Bei uns sind die Dimensionen der Korruption doch um ein vielfaches größer, als in Griechenland. Nur das es bei uns Lobbyismus heißt und legal praktiziert werden darf. Mir tut das griechische Volk wirklich leid. Mittlerweile gibt es dort erste Anzeichen von Unterernährung bei Schulkindern und jeder, der weiter Druck auf diesen Staat ausübt macht sich am Elend der Bevölkerung mitschuldig!

07.02.2012
11:35
Verärgerung, Resignation – um Athen tobt ein Nervenkrieg
von wimmel | #10

Hier wird doch nicht die Griechische Bevölkerung gerettet, sondern die Europäischen Banken.
Das ist doch die traurige Wahrheit !

07.02.2012
11:27
Verärgerung, Resignation – um Athen tobt ein Nervenkrieg
von wohlzufrieden | #9

Ganz Europa sollte seine "Regierungen" weg demonstrieren.

07.02.2012
10:44
Blockierter Kommentar.
von darabu | #8

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

07.02.2012
10:40
Von 100 % der Bevölkerung sollen davon 1,4 % als Staatsdiener gestrichen werden?
von KamSahSiegteTraurig | #7

Von 100 %, das sind ca. 10,8 Millionen, der griechischen Bevölkerung sollen 1,4 %, das wären dann 150 Taisend, der staatlichen Arbeistplätze gestrichen werden .... sorry, wie viele griechische Bürger haben den Staat als Arbeitgeber? Klingt doch weit übertrieben, oder?

Dennoch, Frau Merkel und Herr Sarkozy sollten nicht kuscheln, sondern ernsthaft, neben der möglichen "Staatspleite" Griechenlands, überlegen, ob die Globalisierung, was ich persönlich als reines Finanzmarktprodukt verstehe, rückgängig gemacht werden soll. Wenn die beiden Kuscheln, dann könnten die Bürger Frankreichs und Deutschland a la Facbook einen ziemlichen Rückschlag hinaufbeschwören. Der Fehler in der EU samt Euro liegt in der sozialen Kälte, nicht umsonst gibt es weltweit immer mehr Bürgerkriege. Griechenland ist lediglich die Lunte vom Pulverfaß, was bald angezündet wird.

07.02.2012
09:48
Verärgerung, Resignation – um Athen tobt ein Nervenkrieg
von Gievelsbiaerger | #6

Die erste richtige Antwort aus Griechenland:
Heute Demo der KKE – morgen Generalstreik der PAME
www.redglobe.de

06.02.2012
22:51
Die Milliarden aus dem Rettungsschirm
von Kompaktor | #5

gehen dirkt an die Gläubiger (Banken) welche auch noch hunderte von Milliarden Euro aus dem SOFIN ziehen - fast zinslos - beides finanziert aus UNSEREN Steuern -
bei der griech. Bevölkerung kommt nix an und hier verkommt alles so langsam -

Sind WIR DEUTSCHEN mal wieder blind ?????

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6323213/create

Umfrage
Bürger sollen künftig häufiger gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Können Sie sich vorstellen, Organspender zu werden?
 
Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
David McAllister geht "baden"
Bildgalerie
Boot kentert
Triumph der Sozialisten
Bildgalerie
Frankreich
Aus dem Ressort
SPD in NRW macht den Weg frei für Römer
SPD
Der bisherige SPD-Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen, Norbert Römer, soll trotz des Verlustes seines Direktmandats nach im Amt bleiben. Der Düsseldorfer SPD-Landtagsabgeordnete Karl-Heinz Krems verzichtet auf sein gerade erst direkt gewonnenes Landtagsmandat in Düsseldorf.
UN-Sicherheitsrat verurteilt Massaker in Hula
Syrien
Nach anfänglichem Widerstand Russlands hat der UN-Sicherheitsrat einstimmig und in scharfem Ton die syrische Regierung für das Massaker in Hula verantwortlich gemacht. Bei den Angriffen habe es eine "Schussserie von Panzern und Regierungsartillerie" auf eine Wohngegend gegeben.
Video 11 Kommentare 11