Sterben zur besten Sendezeit - US-Sender zeigt Selbstmord
30.09.2012 | 09:27 Uhr 2012-09-30T09:27:09+0200
Washington. Der in den Vereinigten Staaten ebenso populäre wie umstrittene TV-Sender „Fox News“ zeigt eine Auto-Verfolgungsjagd mit anschließendem Selbstmord live und entschuldigt sich für das, was "nie hätte passieren dürfen" ohne nähere Erklärung nach der nächsten Werbepause.
Der letzte ehrbare Moment von Shepard Smith im Fernsehen liegt etwas sieben Jahre zurück. Als der Mann von „Fox News“ zur Berichterstattung über das Versagen der Regierung George W. Bush in das Katastrophengebiet des Hurrikan Katrina nach New Orleans entsandt wurde, sagte er auf dem bis heute stramm den Republikanern hörigen Sender, was zu sagen war: „Die Reichen und Einflussreichen wurden sofort nach der ersten Sturmwarnung evakuiert. Die Armen bleiben zurück.“
Letzten Freitag hatte Smith, inzwischen zum Moderator des erfolgreichen und wegen fortgesetzter Faktenverdreherei zugleich umstrittenen Nachrichtenkanals aufgestiegen, eine weniger glückliche Hand. Während seiner Sendung zeigte Fox in epischer Breite eine vom Hubschrauber live gefilmte Verfolgungsjagd, die sich in Arizona ein Autodieb mit der Polizei lieferte.
Erst als der Fahrer tödlich zusammengebrochen war, blendete die Regie aus
Am Schluss stieg der 33-jährige Jodon Romero auf einem Feldweg aus, lief panisch ein paar Meter, stolperte, stand wieder auf und jagte sich mit einem Revolver vor laufender Kamera eine Kugel in den Kopf. Obwohl Smith zuvor erklärte, ihn beschleiche ein ungutes Gefühl. Obwohl Smith vor der Verzweiflungstat hektisch „Abschalten!, Abschalten“ rief.
Erst als Romero tödlich zusammengebrochen war, blendete die Regie aus. Binnen weniger Stunden twitterten Tausende Zuschauer geschockt über den Fehltritt des Senders. Nach der Werbepause entschuldigte sich Shepard Smith wortreich für das, was „nie hätte passiere dürfen“ und fügte hinzu: "Wir haben alles getan, damit so etwas nicht geschieht."
Fox News bleibt Erklärungen schuldig
In der Regel, belehrte der Moderator, baue die Technik bei der Berichterstattung über Kriminalität in Echtzeit ein Zeitpolster von fünf Sekunden ein. Falls also Dinge passieren, die nicht auf den Fernsehschirm gehören, könne die Studioleitung rechtzeitig den roten Knopf drücken. Warum das in diesem Fall ausblieb, obwohl sich das Unheil durch das erratische Verhalten des Auto-Flüchtlings angedeutet, erläuterte Smith mit keiner Silbe. Auch eine Erklärung dafür, warum Fox überhaupt zur besten Sendezeit der gesamten Nation zeigt, wie ein namenloser roter Dodge mit einem namenlosen Kleinkriminellen mit 170 Stundenkilometern durch die Ödnis von Arizona brettert, blieb aus.
Fernsehkritiker von New York Times und weiteren Medien betonten, dass andere große Networks wie CNN oder NBC „keine einzige Sekunde“ über die Verfolgungsjagd berichtet hatten; mangels Nachrichtenwert. Fox, heißt es in mehreren Blogs, kenne in punkto Sensationsgier/Quote/Profit "einfach keine ethischen Grenzen".
Tödliche Langeweile im US-Fernsehen
Die wurden im Genre Verfolgungsjagd vor fast 20 Jahren zum ersten Mal überschritten. Am 17. Juni 1994 steuerte der ehemalige Football-Star O.J. Simpson seinen weißen Bronco stundenlang über einen Highway in Süd-Kalifornien, und die ganze Nation sah zu. Polizeiwagen verfolgten den Wagen auf der Straße, Helikopter kreisten in der Luft, Fans standen am Straßenrand und feuerten den Mann an, der unter dem Verdacht stand, kurz zuvor seine Ex-Frau und ihren Freund ermordet zu haben. Simpson kam vor Gericht. Monatelang tauchte das Video in allen möglichen TV-Sendungen auf; auch in solchen, in denen über die Grenzen der Berichterstattungspflicht der Medien debattiert wurde.
Auch diesmal hatte der Aussetzer von Fox enorme Nachwirkungen. Internet-Dienste wie „BuzzFeed“ und „Gawker“, die sich sonst streng der Aufklärung verpflichtet fühlen und Fox News gern in die Mangel nehmen, verwiesen umgehend auf das Video - "aus Informationspflicht". Nie war Langeweile im amerikanischen Fernsehen tödlicher. Und verlogener.
10:26
"ARD und ZDF sind stramm linksgrün! Gibt es denn dafür Belege?"
Oh ja, ARD und ZDF sind strammstens linksgrün! Belege dafür erhalten sie jeden Tag, wenn sie die Staatsglotze einschalten.
11:18
Kritiker: eine Person, die von sich behauptet, sie könne nur schwer zufriedenzustellen sein, weil niemand sie zufriedenzustellen versucht. Ambrose Bierce
Exzess: in der Moral ein Übermaß, das durch angemessene Strafen das Gesetz der Mäßigung erzwingt.
irgendwann kamen die Medien darauf, das Journalismus und Berichterstattung "hautnah", "echt" "live" sein muss - alle fanden das toll. Was beschweren wir uns? Über hundert Sender rechtfertigen fast alles an Bildern - ebenso wie es der "Stern" rechtfertigt, wenn Bilder von Toten und Kriegszuständen in Nahaufnahme gezeigt werden - möglichst noch außereuropäisch - wirkt so schön gruselig und Dritte Welt ARtmäßig. Auch BÄH! Sience fiktion hat uns längst eingeholt. Und? Wollen wir etwas dagegen tun? Es können sich nur die Medien verändern - wir Menschen werden es wohl in diesem Jahrhundert nicht mehr schaffen. Oder die Genmanipulation holt uns doch noch ein!
16:31
Ich verstehe diese scheinheilige Aufregung nicht.
Das Geiseldrama "Gladbeck" in 1988 ist wohl vollkommen vergessen, oder ?
Wer hier nicht weiß worum es geht, der sollte mal die Erklärung von Frank Plasberg über seinen damaligen Einsatz als Reporter beachten:
http://www1.wdr.de/themen/archiv/sp_gladbeckergeiseldrama/gladbeck_geiseldrama108.html
13:49
Nie war Langeweile im amerikanischen Fernsehen tödlicher. Und verlogener.
Dirk Hautkapp
Mit “tödlich” meint dieser Mann sicherlich den tödlichen Ausgang dieser “Reportage”
Ich denke, dieser Mann hat abends so viel zu erledigen, dass er das Deutsche Fernsehen nicht anzuschauen scheint.
Erbärmliche Langeweile pur, nur unterbrochen von “Tagesschau” und “Heute”, in welchen solcherlei “Nachrichten” in viel größerem Ausmaß - wenn auch nicht bildlich, so doch wörtlich ausgemalt - seit Monaten über den Bildschirm flimmern.
Ich verweigere mich inzwischen immer häufiger diesen Nachrichten, soviel Mord und Totschlag wie dort findet in keinem Kriminalfilm statt.
Fox mag rechts und auch recht radikal sein, aber diese “Verfolgungsjagd” hatte zumindest ein - wenn auch unrühmliches - Ende.
Die Freak-Shows in den “Bezahlsendern” Deutschland dagegen nicht.....
Im Gegenteil, diese werden immer mehr.
Und da redet dieser Reporter von tödlicher Langeweile im US-amerikanischen Fernsehen.
Gern würde ich i
12:45
http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/24247/selbstmord_vor_laufenden_kameras.html
es ist eigentlich doch total verlogen jetzt auf Fox rumzuhacken (nicht das die es nicht verdient hätten). Ich entnehme dem Text nicht das der Täter von der Verfolgungsjagd zur Tat gezwungen wurde. Das bei einer Liveberichterstattung Menschen live sterben können sollte jedem Sportzuschauer der Formel 1 und ähnliche Veranstaltungen verfolgt bewusst sein.... Warum jetzt Fox in die Kritik gerät erschliesst sich mir (in diesem Fall) nicht.....
12:12
Bella74 , ja die Amis haben ein an der Waffel . Nur die Deutschen nicht.
Die zeige live stundenlang eine Geiselnahme. Und interviewen live während des Verbrechens Geiselnehmer und Geisel in einem Bus.. Und als die Gangster mit einer Pistole bewaffnet in eine Fußgängerzone fahren umringt sie die Pressemeute so das die Polizei nicht zugreifen.
Ja,ja, die Amis haben einen an der Waffel, siehe hier:
http://www.youtube.com/watch?v=c5ydVQNe0Q8
Sicher, das war nicht minder Kacke, und ich behaupte mal, das deutsche Medien zumindest daraus ihre Lehren gezogen haben, was ich bei US Sendern nicht sehe.
11:12
"...sagte er auf dem bis heute stramm den Republikanern hörigen Sender..."
Und? Stellt es in den heutigen Zeiten des PC neuerdings für ein Medium ein Verbrechen dar, einer konservativen Partei nahezustehen? Dafür sind als Ausgleich auf der anderen Seite die US-Sender NBC und CBC ebenso "stramm" den Demokraten "hörig". Sowas nennt man übrigens auch "Meinungs-" und "Pressefreiheit" und zudem "pluralistische, bereichernde Meinungsvielfalt".
"...des erfolgreichen und wegen fortgesetzter Faktenverdreherei zugleich umstrittenen Nachrichtenkanals.."
Soso. "Faktenverdreherei" also. Gibts für diese Behauptung denn auch belegbare Beweise? Und von den "fortgesetzten Faktenverdreherreien" der "stramm" der SPD und den Grünen "hörigen" Staatsender ARD & ZDF in punkto Gesinnungsgier/Volkserziehungsqoute/Moralisierungsprofite will ich jetzt erst garnicht anfangen zu reden.
Ansonsten bin ich mit dem Artikel voll daccord. Ziemlich geschmacklose Sache, was da überflüssigerweise abgelaufen ist.
"Soso. "Faktenverdreherei" also. Gibts für diese Behauptung denn auch belegbare Beweise?"
Da gibt es sogar ganze Dokumentationen zu: Outfoxed zum Beispiel.
Ansonsten: Einfach mal die Daily Show mit Jon Stewart schauen. Da gibt es mindestens jede dritte Folge reichlich Beispiele von Heuchelei, Faktenverdreherei und ethisch fragwürdigem Journalismus seitens Fox News.
ARD und ZDF sind stramm linksgrün?! Gibt es denn dafür Belege? War da nicht mal was mit Roland Koch?!
10:25
Ich frage mich generell, warum dort Verfolgungsjagden live im TV zu sehen sind. Soll das spannend sein? Welchen Informationsgehalt hat das?!?
Noch absurder ist das Procedere der Werbung zwischen den Nachrichten. In manchen Dingen haben die Amis echt einen an der Waffel....