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Amoklauf

Opfer-Vater rührt die Welt zu Tränen - "Emilie brachte jeden Raum zum Leuchten"

16.12.2012 | 09:15 Uhr

Newtown.  Zwölf Mädchen, acht Jungen starben beim Amoklauf von Newtown, alle gerade erst sechs und sieben Jahre alt. Zwei Tage nach dem Schulmassaker mit insgesamt 27 Toten stehen die USA unter Schock. Der Vater eines Opfers rührt mit einer Ansprache zu Tränen. Präsident Obama will am Sonntag nach Newtown reisen, um den Betroffenen Trost zu spenden. Die Frage nach dem Warum wird auch er nicht beantworten können.

Emilie Parker wurde gerade einmal sechs Jahre alt. Am Freitag starb das Mädchen mit den blonden Haaren und dem unwiderstehlichen Lächeln durch die Schüsse, die Adam Lanza aus einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr auf sie abgab. Knapp 36 Stunden später spricht Emilies Vater Robbie Parker, ein 30 Jahre alter Medizin-Assistent auf einer Unfall-Station, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über den Tod seiner Tochter während des schlimmsten Schulmassakers in der Geschichte Amerikas.

Emilie Alice Parker starb beim Amoklauf in Newtown. Ihre Familie hat dieses Foto an die Medien gegeben. „Sie war ein Mensch, der jeden Raum zum Leuchten bringen konnte“, sagte Emelies Vater Robbie.Foto: dapd/mit Genehmigung der Familie Parker

27 Menschen hat der 20-jährige Lanza in der Sandy-Hook-Grundschule von Newtown im Bundesstaat Connecticut getötet, bevor er sich selbst erschoss. 20 seiner Opfer, zwölf Mädchen und acht Jungen, waren Erstklässler, sechs und sieben Jahre alt. Darunter Emilie.

Die Familie des Täters in die Gebete einschließen

Es ist ein herzzerreißender Moment, als Robbie Parker das Wort ergreift und in die zahllosen Kameras blickt, die vor ihm stehen. Er kämpft mit den Tränen. Immer wieder bricht ihm die Stimme weg. Er sagt, er wolle auch die Familie des Täters in seine Gebete einschließen. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie hart diese Erfahrung für sie sein muss“, sagt der Mann.

Robbie Parker rührte mit seiner Ansprache am Samstag zu Tränen. Seine sechsjährige Tochter Emelie ist eines von 20 Kindern, die in der Grundschule in Newtown starben.Foto: dapd

Er spricht von einer schrecklichen Tragödie die sich ereignet habe. Emilie, sagt er, sei wunderschön und lieb gewesen. „All jene, die das Glück hatten, sie kennenzulernen, würden mir zustimmen, dass diese Welt ein besserer Ort ist, weil sie auf ihr war.“ Immerzu habe sie gelächelt. „Sie war ein Mensch, der jeden Raum zum Leuchten bringen konnte. Für jeden Menschen fand sie ein nettes Wort.“ Dann wechselt Parker in die Gegenwartsform, als habe er noch immer nicht akzeptiert und verstanden, dass Emilie tot ist. Er sagt: „Sie ist ein unglaublicher Mensch. Und ich bin so gesegnet, dass ich ihr Vater bin.“

Keine Antwort auf die Frage nach dem Warum

Am Tag nach dem Massenmord suchen die Menschen in Newtown, dem beschaulichen, wohlhabendern Städtchen 65 Meilen nordöstlich von New York, nach einer Antwort. Das letzte Gewaltverbrechen liegt Jahre zurück. Wie konnte es sein, dass Adam Lanza, der zurückhaltende, wortkarge, schlaue und ein wenig verhaltensauffällige Junge aus der feinen Yogananda Street mit ihren tadellos gestrichenen Häusern und den akkurat geschnittenen Vorgärten zum Amokläufer wurde?

Doch eine Antwort gibt es noch nicht, es gibt nur schreckliche Details einer Bluttat, die bislang noch nicht zu erklären ist. Am Nachmittag veröffentlichen die Behörden eine Liste mit den Namen der Opfer. Vorausgegangen sind dem stundenlange Obduktionen und grausame Momente für die Eltern, die ihre toten Kinder per Foto identifizieren mussten. Wayne Carver, ein Berg von einem Kerl und der Chef der Gerichtsmediziner im Bundesstaat Connecticut, gibt eine Erklärung ab und sagt, so etwas Schlimmes habe er in seiner ganzen, über 30-jährigen Laufbahn noch nicht gesehen. Jedes der Opfer habe zwei bis elf Schusswunden. „Alle Wunden, die ich bislang gesehen habe, wurden von dem Gewehr verursacht“, sagt Gerichtsmediziner Carver.

Trauer in Newtown

Motiv des Täters noch unklar

Das Gewehr ist eine Bushmaster, eine semiautomatische Waffe, die in ähnlicher Form auch vom US-Militär in Afghanistan benutzt wird. Das ist der Beleg, warum es Adam Lanza offenbar gelingen konnte, minutenlang wahllos auf jeden Menschen zu feuern, der ihm am Freitagmorgen ab 9.30 Uhr in der Schule begegnete. Er habe sich, sagt die Polizei, sogar den Zugang zum Gebäude regelrecht freigeschossen.

Zuvor hatte es noch geheißen, Lanza habe während seines Amoklaufs zwei Pistolen benutzt. Mit jeder Minute werden neue Einzelheiten gemeldet, die oft nur wenige Stunden überdauern und sich nicht immer schlüssig in das noch unfertige Gesamtbild einfügen. Da ist etwa Nancy Lanza, die 52 Jahre alte Mutter des Attentäters. Sie wurde von ihrem Sohn Adam in der gemeinsamen Wohnung erschossen, bevor er sich im Auto zur Schule aufmachte. Auf sie, eine von Nachbarn als Waffen-Närrin bezeichnete Frau, waren das Schnellfeuergewehr und die beiden Pistolen angemeldet. Das scheint klar zu sein. Doch die Behörden wollen nicht bestätigen, dass die Frau als Kindergärtnerin an der Schule gearbeitet hat. Das immerhin hätte auf eine Verbindung ihres Sohnes zu der Schule hingewiesen, und daraus hätte sich vielleicht ein Motiv für die Tat ergeben.

US-Waffenrecht
Waffenrecht in den USA - ein mörderischer Wahnsinn

Viele Fragen sind nach dem schrecklichen Blutbad in Connecticut noch offen. Das Massaker löst die üblichen Reflexe aus: Wie konnte es soweit kommen? Wie kann man solche Taten verhindern? Fest steht: Die Waffengesetze in den USA sind verantwortungslos. Präsident Obama muss handeln. Ein Kommentar

Lehrer versuchten, ihre Schüler zu schützen

Auch die Meldungen, wonach Adam Lanza am Tag vor dem Amoklauf einen heftigen Streit mit vier Angestellten der Schule gehabt haben soll, werden im Laufe des Samstags nicht erhärtet. Die Polize sagt: „Das wissen wir nicht.“ Die Menschen in Newtown, dem 27.000 Einwohner zählenden Städtchen im Wald von Connecticut, suchen nach Antworten und bekommen sie nicht. Stattdessen immer nur neue Details eines Amoklaufs, in dem Lehrer selbstlos versuchten, ihre Schüler zu beschützen.

Da ist etwa Victoria Soto. Ihr Cousin Jim Wiltsie erzählt im Fernsehsender ABC News, dass sich die 27 Jahre alte Lehrerin gewissermaßen als lebendes Schutzschild zwischen den Schützen und die Kinder gestellt habe. „In unseren Augen ist sie eine Heldin“, sagt Wiltsie. Ähnliches sagt man über die Direktorin Dawn Hochsprung und zwei weitere Lehrerinnen; allesamt: tot.

Präsident Obama trifft am Sonntag die Familien der Opfer

Die Suche nach dem Motiv von Adam Lanza ist noch lange nicht beendet. Paul Vance, Sprecher der Polizei von Connecticut, sagt zwar am Samstag, dass seine Beamte im Haus von Adams Mutter womöglich vielsprechendes Material sichergestellt hätten: „Unsere Ermittler haben (…) sehr gute Beweisstücke gefunden, die wir nutzen können, um herauszufinden, wie und vor allem warum das alles passiert ist.“ Doch Details will Vance nicht nennen.

Am Sonntagabend wird US-Präsident Barack Obama in Newtown erwartet, um Worte des Trostes an den Familien der Opfer zu richten und mit ihnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen gemeinsamen Gottesdienst zu feiern. Doch die entscheidende Frage wird auch Obama nicht beantworten können. Warum kommt es an Weihnachten 2012 in Newtown zur Beerdigung von 20 unschuldigen Kindern?

Dirk Hautkapp


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