Unser Vater verscherbelte die Geige für ein Brot

Ich war ein achtjähriger Berliner Junge als vor 70 Jahren der II. Weltkrieg mit Millionen Toten und schrecklichen Verwüstungen endete. Ich bin der letzte lebende Zeitzeuge meiner Familie. Gott sei Dank haben alle Familienangehörigen den Krieg unbeschadet überstanden. Ein Onkel wurde bei Rückzugsgefechten der Wehrmacht in Italien bei den Kämpfen um Monte Cassino schwer verwundet. Ich erinnere mich an die ständigen Bombenangriffe in Berlin. Am Tag flogen die Amerikaner und nachts die Briten. Das Leben spielte sich zwischen Wohnung und Luftschutzkeller ab. Einmal saßen wir beim Mittagsessen, als mein Vater rief „schnell rauß hier“. Schon schlug eine Bombe ins Nachbarhaus ein. Nach der Bombardierung setzte dröhnendes Artilleriefeuer ein und wir hörten das Jaulen der Stalinorgeln. Nach einer kleinen Feuerpause drängte die erste Welle der Rotarmisten in die Keller. Die ersten Worte, die wir hörten, waren „Uri, Uri“ und „Frau komm“. Nach der dritten, vierten Welle gab es keine Armbanduhren mehr. Nach Kriegsende begann eine neue Phase, die Berliner Bevölkerung hungerte. Mein Vater verscherbelte eine Geige für ein Brot.