UKIP-Parteichef Farage schimpft über britisches Wahlsystem

Ukip-Chef Neil Farage meckert über das britische Wahlsystem. Seine Partei erhielt bei den Parlamentswahlen einen Sitz – vier Millionen Briten stimmten für die EU-Gegner.
Ukip-Chef Neil Farage meckert über das britische Wahlsystem. Seine Partei erhielt bei den Parlamentswahlen einen Sitz – vier Millionen Briten stimmten für die EU-Gegner.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Einen einzelnen Sitz bekamen die Rechtspopulisten der britischen UKIP bei den Parlamentswahlen. Parteichef Farage schimpft über das Wahlsystem.

London.. Scherzbolde in Sozialen Medien witzelten, Nigel Farage soll nach seinem Rücktritt als Chef der britischen UKIP mehrere Nächte mit offenem Fenster geschlafen haben - bloß, um ja den Ruf seiner Partei nicht zu überhören. Wie genau ihn der Ruf schließlich ereilte, ist nicht überliefert. Sicher ist: Farage hat ihn erhört. Der 51 Jahre alte Rechtspopulist und erklärte EU-Feind ist von seinem Rücktritt zurückgetreten. Kritiker sagen: nicht totzukriegen.

[kein Linktext vorhanden] Noch am Tag nach der Parlamentswahl in Großbritannien, bei der er als Direktkandidat den Einzug ins Unterhaus verfehlt hatte, hatte Farage seinen Hut genommen und wollte die Parteiarbeit "zumindest einen Sommer lang" jüngeren überlassen. "So gern ich auch den Sommer mit Angeln und Wandern und natürlich im EU-Parlament verbracht hätte - ich bin dies der Partei schuldig", sagte Farage. "Die Partei kommt vor mir und noch davor kommt dieses Land", betonte er mit einem Maximum von Pathos in der Stimme.

Warnung an die etablierten Parteien

Die Personalie Farage zeigt abgesehen von der Größe seines Egos zweierlei: Die britischen Rechtspopulisten haben ein Personalproblem. Abgesehen von dem Tory-Überläufer Douglas Carswell, der in seinem Wahlkreis innerhalb von fünf Jahren drei Mal gewählt wurde, drängt sich kein einziger Politiker für die Führungsaufgabe auf. Einen seiner Getreuen musste Farage Tage vor der Wahl aus dem Rennen nehmen, weil er gedroht hatte, einen aus Asien stammenden Gegenkandidaten zu erschießen, falls dieser jemals Premier würde.

Als Carswell am Wochenende abwinkte, war die Not groß im verbliebenen Führungszirkel der Ukipper, wie die Parteigänger im Voksmund genannt werden. "Der Wahlkampf für das EU-Referendum hat bereits begonnen und der muss vom bestmöglichen Team geführt werden, unter Leitung von Nigel", hieß es in einer Stellungnahme der Partei.

Twitter-Fauxpas Das mag für die etablierten Parteien Warnung genug sein: Das Projekt UKIP ist politisch genauso wenig tot wie ihr Vorsitzender. Die Rechtspopulisten haben in den vergangenen Jahren so viel Druck auf Premierminister David Cameron und seine Torys ausgeübt, dass dieser ein Referendum über den britischen EU-Austritt versprechen musste. Das Referendum kommt - und Farage will sich die Chance seines Lebens nicht entgehen lassen. Dass der selbst ernannte "Mann des Wortes" vor der Wahl seine Zukunft als Parteichef fest mit seinem persönlichen Wahlerfolg verknüpft hatte: Geschwätz von gestern.

UKIP schaut auf 2020

Das Ergebnis der Wahl am vergangenen Donnerstag, bei der UKIP nur einen Abgeordneten ins Parlament entsenden konnte, täuscht massiv über die tatsächlichen Gegebenheiten hinweg. Die relative Bedeutungslosigkeit der Rechtspopulisten ist nur dem britischen Wahlsystem zu verdanken.

Es hat nicht nur David Cameron mit nur 37 Prozent der Stimmen eine absolute Mehrheit beschert. Der Mehrheitswahlrecht hat auch dazu geführt, dass UKIP für einen Sitz im Parlament fast vier Millionen Stimmen brauchte. Im verhassten Europa wäre es deutlich besser gelaufen, für die Eurokritiker. Nach dem deutschen Verhältniswahlrecht und dem d'Hondtschen Verfahren bei der Sitzverteilung etwa wäre UKIP auf 83 Sitze gekommen.

In knapp 150 von 650 Wahlkreisen landete der jeweilige UKIP-Vertreter auf Platz zwei im Rennen um das Direktmandat. "Für UKIP ist nicht diese Wahl entscheidend, für UKIP ist die nächste Wahl entscheidend", orakelte der britische Meinungsforscher-Guru Peter Kellner vor der Wahl. UKIP hat längst Kurs auf die Wahl 2020 genommen. Inhaltlich geht es im Norden Englandes um die Industriestädte Manchester oder Liverpool gegen die Labour-Abgeordneten. In den Hochburgen des Südostens macht UKIP dagegen Front gegen die Tories. Und natürlich gegen die EU. "Die wichtigste Frage ist, wer beim Referendum überhaupt wählen darf", sagt Farage. In Großbritannien leben rund vier Millionen EU-Bürger aus anderen Staaten der Union. (dpa)