Über die Vögel des Reviers

Die Briten haben einen Nationalvogel gewählt: das Rotkehlchen. Wie kein zweites gefiedertes Wesen verkörpere es angelsächsische Tugenden: „Klein von Statur, aber großherzig, freundlich und loyal“, heißt es. Feinde des Rotkehlchens werfen ihm indes andere (britische?) Tugenden vor: Es sei territorial und gewalttätig.

Welcher Vogel wäre wohl geeignet, ein Ruhrgebietswappen zu zieren? Viele dürften spontan denken: die Taube. Sie ist – im Gegensatz zum Spatz – dem Revier stets treu geblieben. Ihre Gefiederfarbe gleicht denen der Fassaden und Fahrbahnen, ihre Ahnen sind dank der Buchführung der alten Taubenväter bis ins frühe Mittelalter zurückzuverfolgen, ihre Spuren prangen überall. Tauben sind wie wir: friedfertig, gesellig, etwas rundlich und keine Sänger vor dem Herrn. Noch etwas macht Tauben und Revierbürger zu Kumpeln: Sie lassen sich nicht vergrämen. Nicht durch die Widrigkeiten des Lebens und von Rotkehlchen schon gar nicht. Selbst die schönsten Vögel sind unter der Daune triste Gestalten. Die Taube ist da ehrlich, sie tarnt sich gar nicht erst.