Türkischer Nationalstolz für Kinder - Wie gefährlich sind die türkischen Schulbücher?

Türkischer Unterricht in Deutschland: An einem Teil der Lehrbücher wurde jetzt Kritik von der Lehrergewerkschaft GEW laut.
Türkischer Unterricht in Deutschland: An einem Teil der Lehrbücher wurde jetzt Kritik von der Lehrergewerkschaft GEW laut.
Foto: Oliver Berg/dpa
Was wir bereits wissen
Der Streit um Schulbücher, die türkische Konsulate für den muttersprachlichen Unterricht in NRW zur Verfügung stellen, geht weiter. Ist das noch normale Heimatliebe oder nur die Verherrlichung der Nation? Die WAZ hat die vier Bücher geprüft, die hier im Sprachunterricht eingesetzt werden sollen. Hier das Ergebnis.

Essen.. Sind die Sprach-Lehrbücher, die türkische Konsulate in Deutschland verteilen, gefährlich? Sind sie voller nationalistischer und geschichtsverfälschender Botschaften? Die WAZ Mediengruppe hat das überprüft. Kapitel für Kapitel. Das Urteil von unseren Experten Rusen Tayfur und Sinan Sat, beide haben türkische Wurzeln, ist eindeutig: Die Verfasser dieser Bücher verherrlichen das Türkentum und verschweigen die dunklen Kapitel der türkischen Geschichte.

Unterdessen geht der politische Streit um die Schulbücher weiter. Das NRW-Schulministerium forderte jetzt die Lehrergewerkschaft GEW auf, Belege dafür zu nennen, dass diese Lehr­bücher nationalistisch und geschichtsverfälschend sind. Nach Ansicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft enthalten die Bücher, die von türkischen Konsulaten in Deutschland kostenlos an Türkischlehrer für den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht verschickt wurden, Diskriminierendes über Volksgruppen in der Türkei und falsche geschichtliche Informationen.

Das Institut für Turkistik der Uni Duisburg-Essen streute ebenfalls Zweifel, dass Bücher, die für türkische Kinder in der Türkei geschrieben wurden, für den Unterricht in Deutschland geeignet sein können: „Die türkischstämmigen Kinder hier brauchen Sprach-Lehrbücher, die speziell für sie konzipiert sind“, sagte Pinar Oguzkan, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts. Und das Angebot an solchen Büchern sei in Deutschland viel zu klein.

Handelt es sich bei der vierbändigen Reihe, die vom Erziehungsministerium in Ankara herausgegeben wird, also um nationalistische Staatspropaganda? Unsere Zeitung hat das überprüft. Hier die Ergebnisse:

„Es ist stets Deine erste Aufgabe, die türkische Unabhängigkeit und die türkische Republik bis in alle Ewigkeit zu schützen und zu verteidigen...“ So lauten die ersten Sätze aus Atatürks „Rede an die türkische Jugend“. Dieser Text und die türkische Nationalhymne stehen in den Büchern an oberster Stelle.

So gütig, so barmherzig

Die türkische Republik, ihre Geschichte und Kultur sowie das Osmanische Reich werden von der 1. bis zur 10. Klasse glorifiziert. Eroberungen, erfolgreiche Schlachten, osmanische Herrscher und natürlich Staatsgründer Atatürk werden verherrlicht.

Es geht auch um die „Barmherzigkeit des türkischen Volkes“, beschrieben anhand einer fiktiven Kriegsgeschichte: Ein ausländischer Soldat kämpft in Anatolien gegen die Osmanen und wird schwer verwundert. Er gerät in Gefangenschaft. Doch die Türken heilen seine Wunden und lassen ihn ziehen. Beeindruckt von der „türkischen Güte“ lässt sich der feindliche Soldat die türkische Flagge auf den Arm tätowieren...

Bildung Auf 800 Seiten erfahren die Schüler Wissenswertes über Land und Leute. Vor allem aber sind die Bücher eine Liebeserklärung an die türkische Nation und ihr Volk.

Was allerdings völlig fehlt, sind die dunklen Seiten der türkischen Staatsgeschichte. Der in der Türkei umstrittene Genozid an den Armeniern von 1915/16, bei dem Hunderttausende Menschen hingerichtet wurden, wird in einer kurzen Textpassage auf Seite 107 des 3. Buches so beschrieben: „Armenier und Türken lebten viele Jahre friedlich zusammen. Als im Ersten Weltkrieg Engländer und Russen die Armenier anstifteten, das Osmanische Reich zu schwächen, setzte sich die türkische Armee in Ostanatolien in Bewegung und in der Folge unterzeichneten die Armenier ein Abkommen, in dem sie auf Land in Anatolien verzichteten.“

Gewalttaten, wie etwa 1978 in der Stadt Kahrmanmaras und 1980 in Çorum, bei der Anhänger der rechtsgerichteten Partei MHP alevitische Wohnviertel angriffen und Hunderte Menschen enteigneten und töteten, finden sich mit keiner Zeile wieder. Erläuterungen zum Kurdenkonflikt? Fehlanzeige.

Atatürk und Fahnenappell

Stattdesssen: „Glücklich ist jener, der sich ein Türke nennen darf.“ Was da in kindlicher Sprache und freundlich illustriert Einzug in deutsche Klassenzimmer hält, ist ein Patriotismus, der in der Türkei zum Alltag gehört. Fakten über Atatürks Vater, Mutter und Schwester gehören dort zum Allgemeinwissen, der Fahnenappell zu Beginn und Ende der Schulwoche ist ein Standard-Ritual. Allerdings: Hierzulande sieht Geschichtsunterricht neutraler aus. Ein kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte gehört dazu. Die Verantwortung, mit diesem Material umzugehen, liegt nun in den Händen der Türkischlehrer.

NRW bildet selber aus, Bayern setzt auf „Konsulatslehrer“

In NRW lernen rund 50 000 Schüler an 830 Schulen Türkisch im Rahmen des herkunftssprach­lichen Unterrichts. 339 Lehrer ­erteilen ihn. Sie sind Landes-Angestelle. Mehr als 150 von ihnen wurden vom Institut für Turkistik der Uni Duisburg-Essen ausgebildet. Bayern greift noch immer vor allem auf „Konsulatslehrer“ zurück, die in der Türkei ausgebildet wurden.

Schule Für den herkunftssprachlichen Unterricht in Türkisch gibt es eine von Hessen für alle Bundesländer erarbeitete Liste mit 150 bis 200 ­geprüften und zugelassenen Schulbüchern. Die Bücherreihe des türkischen Erziehungsministeriums, die jetzt kritisiert wird, ist nicht auf dieser Liste. Sie kann aber, so das NRW-Schulministerium, von den Lehrern „in eigener Verantwortung punktuell verwendet werden“.

Eine erste Sichtung der Bücher gebe laut Ministerium „keinen Hinweis auf nationalistische, diskriminierende oder geschichts­verfälschende Inhalte“. Man prüfe weiter. Die Gewerkschaft GEW wird gebeten, „die konkreten, kritikwürdigen Stellen zu benennen“.

Pinar Oguzkan vom Institut für Turkistik in Essen erinnerte daran, dass es hier vor allem um Sprachunterricht gehe und nicht um Geschichtsunterricht: „Die Gewichtung dieser Inhalte muss stimmen.“