Truppenübungsplatz Donbass

Es ist Frühling, im Donbass schießen Kanoniere und MG-Schützen wieder. Die Ukrainer präsentieren neue russische Gefangene, angeblich Elitesoldaten des russischen Militärgeheimdienstes, das Verteidigungsministerium in Moskau dementiert, es handele sich um Freiwillige, die irgendwann mal gedient, aber nichts mehr mit der Armee zu tun hätten. Propagandaduelle. Die Frontberichte vermelden nicht jeden Tag ein paar Gefallene wie vor dem Waffenstillstand, sondern alle paar Tage einen Gefallenen. Weniger Waffenstillstand als Krieg auf Sparflamme.

Russland hat den Konflikt als Dauerveranstaltung installiert. Die Gründe kann man gut und gleichzeitig böse nennen. Moskau will die kleine ukrainische Schwester für ihre Liebschaft mit dem freien Westen strafen, ihre angestrebte Heirat mit der Nato unmöglich machen. Es will das eigene rechtsnationale Publikum, dessen Vertreter zu Tausenden im Donbass gekämpft haben oder gerade kämpfen, bei Laune halten. Und nicht zuletzt nutzt man das Krisengebiet als Truppenübungsplatz – andere Großmächte mögen ja ebenfalls köchelnde Kleinkriege, lassen dort Kämpfer oder Kampfdrohnen feuertaufen. Auch auf dem Truppenübungsplatz Donbass wird scharf geschossen, kann man mal Kommandounternehmen mit leichten Waffen, mal ganze Panzerschlachten trainieren. Und der Sommer naht, die Saison für die Panzerschlachten.


Aber der Großangriff lässt auf sich warten. Stattdessen versichert der russische Außenminister Sergei Lawrow mal wieder, die Rebellengebiete sollten auf jeden Fall bei der Ukraine verbleiben. Und wie Rebellenunterhändler Denis Puschilin sagt, herrscht seit einigen Wochen bei den Kontaktgruppengesprächen mit der ukrainischen Seiten eine unerwartet „konstruktive Stimmung“. Gleichzeitig redet sein Chef Alexander Sachartschenko, Premier der Rebellenrepublik Donezk, von Angriff und Eroberung der Nachbarregion Charkow. Es klingt, als folgten die Rebellen dem russischen Beispiel, Gegner und Weltöffentlichkeit durch widersprüchliche Worte und Taten zu verwirren.

Außerdem aber haben die Aufständischen offenbar weder den Befehl noch die nötige Panzerunterstützung aus Moskau für einen ernsthaften Schlag. Russland, das wird immer deutlicher, scheut zurzeit jene Eskalation, mit der es noch im März bei der Kesselschlacht um Debalzewo auf dem damals gerade erst vereinbarten Waffenruhe herumtrampelte.


Bei der Suche nach Erklärungen für das unerwartete Stillhalten stößt man auf einen Brüsseler Termin. Ende Juni diskutieren die EU-Staaten die Ukraine-Sanktionen gegen Russland – verschärfen, verlängern, mildern, aufheben? Und was wann?

Aber auf jeden Fall diskutieren sie über Sanktionen, die zu funktionieren scheinen. Putin zeigt Wirkung. Gegen alle Behauptungen des Kremls, die Sanktionen griffen nicht und die Wirtschaftskrise sei schon überstanden, hat der westliche Kreditstopp die russische Ökonomie offenbar empfindlich getroffen. Dazu kommt sicher die höhere Fügung der Rohstoffpreisflaute, und jetzt mischen sich überraschend kleinlaute Töne in Moskaus neue Marschmusik.


Aber auch wenn sich im Vorfeld der EU-Sanktionsentscheidungen nach Myrrhe riechende russische Sprechblasen häufen werden, sollten die Europäer nicht vergessen: Russland hat seinen Krieg in der Ukraine auf Sparflamme gedreht, aber keineswegs beendet.