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Trunkenheit am Lenker

24.01.2015 | 00:11 Uhr

Essen/Münster. Die Polizeibeamten dürften große Augen gemacht haben: Der Radfahrer, den sie in der Nacht zu Freitag in der Münsteraner Innenstadt stoppten, fuhr ohne Licht in falscher Richtung auf dem Gehsteig und wirkte zudem nicht besonders sicher im Sattel. Weil der 29-jährige Radler zudem deutlich nach Alkohol roch, musste er pusten: Der Test zeigte einen Wert von 1,8 Promille. Damit war seine Tour vorerst beendet.

Der Mann aus Münster ist kein Einzelfall und nicht immer geht es ohne Unfall ab, wenn Radfahrer alkoholisiert unterwegs sind. Nach einer vom Auto Club Europa (ACE) verbreiteten Studie standen 2013 von gut 77 000 Radfahrern, die an einem Unfall mit Personenschaden beteiligt waren, 3432 un­ter Alkoholeinfluss.

Meistens Männer betroffen

Dieser Anteil liegt mit gut 4,4 Prozent deutlich höher als bei Auto- (2,3 Prozent) und Motorradfahrern (1,4 Prozent). Fast jeder vierte betrunkene Fahrradfahrer wies einen Alkoholwert von mehr als zwei Promille auf. Der überwiegende Teil derer, die alkoholisiert in Unfälle mit Personenschäden verwickelt waren, sind Männer (87,4 Prozent).

Bisher dürfen sich Fahrradfahrer in Deutschland ziemlich ungestraft betrinken. Der Bundesgerichtshof hat den Alkohol-Grenzwert vor Jahrzehnten auf 1,6 Promille festgelegt. Wer weniger Alkohol im Blut hat und unauffällig fährt, muss nicht einmal ein Bußgeld fürchten. Für Radler gibt es nämlich keinen so genannten Gefahrengrenzwert, also einen Wert, bei dem man sein Fahrzeug nicht mehr sicher führen kann – und bei einem Verstoß mit einem Ordnungsgeld rechnen muss.

Für Kraftfahrer liegt diese Grenze bei 0,5 Promille. Gegen dieses Ungleichgewicht machen Experten mobil: Beim 53. Verkehrsgerichtstag im niedersächsischen Goslar soll das Thema „Radfahrer und Alkohol“ in der kommenden Woche eine zentrale Rolle spielen.

„1,6 Promille, das ist schon reichlich“, findet der Präsident des Verkehrsgerichtstages, Kay Nehm. „Dieser Wert ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt auch Jürgen Koglin, Vizepräsident des Automobil-Clubs Verkehr (ACV). „Wer kein vierrädriges Fahrzeug mehr unter Kontrolle hat, hat auch kein zweirädriges mehr im Griff.“

Untersuchungen zeigen, dass alkoholbedingte Ausfallerscheinungen bei Fahrradfahrern bereits ab 1,1 Promille stark zunähmen, sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. Nach einer Studie des Gesamtverbandes der deutschen Versicherer lassen sich bei diesem Wert „deutliche Einschnitte in der Fahrfähigkeit“ feststellen. Entgegen landläufiger Vorstellungen gefährdeten betrunkene Radfahrer dabei nicht nur sich selbst, sondern auch andere Radfahrer und Fußgänger, sagt eine Sprecherin des Automobilclubs von Deutschland (AvD).

„Man kann es nicht lassen, wie es jetzt ist“, meint auch Hannelore Herlan von der Deutschen Verkehrswacht. „Der Wert von 1,6 Promille ist viel zu hoch. Da kann man sich ordentlich hinter die Binde kippen, bis man den erreicht.“ Dabei könne man schon ab 0,3 Promille Entfernung und Tempo eines Autos nicht mehr einschätzen. „Bei 0,5 verschlechtert sich die Sehleistung“, so Herlan. „Und bei 0,8 die Reaktionsfähigkeit.“

Auch Führerschein gefährdet

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) möchte zwar, dass der Grenzwert für die absolute Fahruntüchtigkeit bei 1,6 Promille bestehen bleibt. Radler, die mit einem solchen Wert erwischt werden, verlieren auch den Führerschein. „Wir fordern aber daneben einen Gefährdungsgrenzwert von 1,1 Promille“, so ein Sprecher. So ließen sich Hunderte Unfälle verhindern.

„Die Zeiten, in denen man auch als volltrunkener Fahrradfahrer ungeschoren davon kommt, sollten in jedem Fall vorbei sein“, verlangt auch Christian Kellner, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Verkehrssicherheitsrates.

Der Deutsche Anwaltverein dagegen lehnt neue Promillegrenzen für Radfahrer ab. „Wer alkoholisiert Auto fährt, gefährdet massiv Leib und Leben Dritter“, sagt Jörg Elsner, Chef der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht. „Wer alkoholisiert Fahrrad fährt, gefährdet in aller Regel nur sich selbst.“

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2015-01-24 00:11
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