Tröglitz - Entsetzen nach Brandanschlag auf Flüchtlingsheim

Es war Brandstiftung: Die künftige Asylbewerberunterkunft im Ort Tröglitz ist angezündet worden. Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, war am Samstag vor Ort.
Es war Brandstiftung: Die künftige Asylbewerberunterkunft im Ort Tröglitz ist angezündet worden. Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, war am Samstag vor Ort.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Seit Wochen wird in Tröglitz Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Mit dem Brandanschlag auf das geplante Asylbewerberheim eskaliert die Situation. Fassungslosigkeit auch im politischen Berlin.

Tröglitz/Berlin.. Seit Monaten machen Rechtsextreme in Tröglitz Stimmung gegen die Aufnahme von Asylbewerbern - jetzt haben Unbekannte das geplante Flüchtlingsheim angezündet. "Es ist definitiv besonders schwere Brandstiftung", sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann am Samstag in Halle. Es handle sich um eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art. Ob Fremdenhass das Motiv war, stand zunächst nicht fest. Die Ermittler halten einen politischen Hintergrund aber für naheliegend. Landes- und Bundespolitiker äußerten sich bestürzt über den Brandanschlag.

Die Bundesregierung hat mit Entsetzen auf den Brandanschlag reagiert. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) verlangte eine rasche Aufklärung des Feuers in dem zuletzt durch Anti-Asyl-Proteste Rechtsradikaler bekanntgewordenen Ort. Er sagte am Samstag, wenn der Brand tatsächlich vorsätzlich gelegt worden sei, "ist das eine abscheuliche Tat, die unverzüglich aufgeklärt werden muss. Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel."

In dem Gebäude war in der Nacht zum Samstag ein Feuer ausgebrochen. Die zuständige Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass es sich um "besonders schwere Brandstiftung" handelt. Eine politisch motivierte Tat könne nicht ausgeschlossen werden. Rechtsradikale hatten in Tröglitz im südlichen Sachsen-Anhalt seit Wochen gegen die von Mai an geplante Aufnahme von 40 Asylbewerbern Stimmung gemacht. Wegen persönlicher Anfeindungen trat Tröglitz' ehrenamtlicher Bürgermeister Markus Nierth Anfang März zurück. Brand

SPD-Chef Gabriel: "Fremdenhass hat keinen Platz bei uns"

SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte: "Es ist die monatelange Stimmungsmache gegen Flüchtlinge, die den Hass säte, der in Tröglitz nun in Flammen gemündet ist." Der Vize-Kanzler unterstrich, Flüchtlinge gehörten zu Deutschland. Die Bundesrepublik sei ein wohlhabendes Land. Wer Schutz vor Verfolgung suche, habe Anspruch auf Hilfe. "Fremdenhass hat keinen Platz in Deutschland, das ist die Meinung der übergroßen Mehrheit in Deutschland", betonte Gabriel.

Justizminister Heiko Maas (SPD) rief die Bürger auf, Position zu beziehen gegen Rechtsextremismus. "Wenn Flüchtlingsheime brennen, ist das beschämend", sagte Maas der "Welt am Sonntag". "Wo immer Rechtsextreme Stimmung machen gegen Ausländer, müssen wir gemeinsam dagegen halten." Die große Mehrheit in Deutschland sei tolerant und weltoffen. Sie verurteile jede rassistische Hetze. Im Kurzmitteilungsdienst Twitter schrieb Maas: "Schlimmer Verdacht nach Brand in #Troeglitz macht fassungslos."

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte Bund und Länder auf, mehr für die Sicherheit von Flüchtlingen zu tun. Es drängten sich Fragen auf: "War das Flüchtlingsheim ausreichend geschützt - zumal man wusste, dass in Tröglitz ein brauner Mob unterwegs war?"

Die stellvertretende Bundestagspräsidentin Petra Pau (Linke) erklärte: "Bei so viel Unmenschlichkeit helfen nur noch ein Aufstand der Anständigen vor Ort und mehr Weitsicht der Zuständigen im Land."

300 Menschen bei Spontan-Demo in Tröglitz

Nach dem Brandanschlag auf das Flüchtlingsheim in Tröglitz haben sich am Samstag rund 300 Menschen an einer spontanen Demonstration in dem Ort beteiligt. Zu der Aktion hatte der zurückgetretene ehrenamtliche Bürgermeister des Orts, Markus Nierth, aufgerufen. Redner aus Politik, von Vereinen und Kirchen warben für ein Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung. Die geplante Unterkunft für Flüchtlinge war in der Nacht vorsätzlich angezündet worden, sie ist nun unbewohnbar. Im Mai sollten 40 Menschen einziehen.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte bei der Kundgebung auf dem Friedensplatz, man werde alles tun, um die Verbrecher hinter Gitter zu bringen. Die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des Orts seinen noch einmal erhöht worden.

In dem Wohnblock mit zwei Eingängen, in den die Flüchtlinge einziehen sollten, wohnten noch eine 50 Jahre alte Frau und ein 52-jähriger Mann. Sie konnten sich laut Polizei unverletzt ins Freie retten. Eine Nachbarin hatte beide rechtzeitig gewarnt. Die beiden wohnten auch im Dachgeschoss des Hauses - allerdings nicht direkt in dem für die Flüchtlinge vorgesehenen Bereich. (dpa)