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Ägypten

Tote und Verletzte bei Zusammenstößen in Ägypten

26.07.2013 | 17:38 Uhr
In Ägypten hat es bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi wieder Tote und Verletzte gegeben.Foto: dpa

Kairo.   Angeheizt durch einen Gerichtsbeschluss gegen den gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi haben sich dessen Anhänger und Gegner am Freitag abermals blutige Straßenkämpfe geliefert. Nachdem die Justiz zwei Wochen Untersuchungshaft gegen den islamistischen Politiker verhängt hatte, gab es in mehreren Städten gewalttätige Ausschreitungen. Dabei wurden laut Behörden und Medizinern trotz Einschreiten der Sicherheitskräfte mindestens drei Menschen getötet und Dutzende verletzt.

Die zwei Welten Ägyptens liegen keine zehn Kilometer auseinander. Auf dem Tahrir-Platz feierten sich am Freitag die „Zweiten Revolutionäre“ und huldigten Armeechef Abdel Fattah El-Sissi, ihrem neuen Idol. Jubel mischte sich in den Lärm der Rotorblätter grau-grüner Kampfhubschrauber, die im Tiefflug über die enthusiastische Menge ratterten.

„Mursi, Mursi“ hallte es dagegen durch das Riesenzeltlager der Muslimbrüder in Nasr City. Man werde erst weichen, wenn Doktor Mohammed Mursi wieder rechtmäßiger Präsident Ägyptens ist, tönte es unablässig.

Inszenierter Militärrausch

Wie zwei riesige feindliche Heerlager steht sich Ägyptens Bevölkerung inzwischen gegenüber. Jede Hälfte möchte die andere am liebsten aus dem gemeinsamen Land werfen. Die gegenseitige Dämonisierung hat längst Züge von Massenhysterie angenommen, bis zum späten Abend gab es bei Krawallen in Alexandria, Kairo und Damietta mindestens fünf Tote und dutzende Verletzte. „Die Armee muss den Terror ausrotten“ hing als Riesenbanner quer über den Tahrir-Platz.

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Islamisten und Armee sammeln Kräfte in Kairo - Mursi in Haft

Tausende Gegner und Unterstützer des gestürzten Präsidenten Mursi sind am Freitag in Ägypten auf die Straße gegangen, um Stärke zu demonstrieren. Armee und Muslimbrüder hatten dazu aufgerufen. Am Samstag läuft ein Ultimatum des Militärs ab. Mursi sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

Und den ganzen Tag über strömten Hunderttausende im neuen Sissi-Kosmos zusammen, um ihrem Armeechef das vor zwei Tagen von ihm eingeforderte Volksmandat gegen „Terroristen und Gewalt“ zu erteilen. Dass damit die Muslimbrüder gemeint sind, daran lässt hier niemand einen Zweifel. Obendrein erließ Ägyptens Justiz am Freitag erstmals einen Haftbefehl gegen den seit drei Wochen weggesperrten Ex-Staatschef Mursi und nahm ihn in Untersuchungshaft.

Westliche Mahnungen gelten als Verrat

Mahnungen des UN-Generalsekretärs und westlicher Staatschefs hin, Lieferstopp für US-Waffen her, Ägyptens Armee geht im Machtkampf mit den Muslimbrüdern jetzt aufs Ganze. In dem von Sissi inszenierten Militärrausch bleiben Übergangspräsident und Übergangsregierung nur noch die Rollen schweigender Statisten.

 Und neben den Feinden im Inneren, sind auch die Gegner im Äußeren inzwischen ausgemacht. „Qatar, Türkei, USA und Deutschland sind die Feinde Ägyptens“, trugen einige Demonstranten als Plakate um den Hals.

Die Forderung aus Washington und Berlin, Mursi freizulassen, gilt für sie als Verrat. Und jeder, der den 3. Juli einen Militärputsch nennt, meint es in ihren Augen nicht gut mit Ägypten. „China und Russland werden uns helfen, wir brauchen Amerika nicht mehr“, trompetet Fathi Hamdi, der in Tanta im Nildelta ein kleines Textilgeschäft besitzt.

Gut gesicherte Zeltstadt auf Asphalt

Ähnlich schlecht auf das Weiße Haus zu sprechen sind auch die Muslimbrüder in ihrem Mursi-Kosmos rund um die Rabaa Adawiya Moschee, weil Präsident Barack Obama das Reizwort Putsch einfach nicht in den Mund nehmen will. Alle Zufahrten zu dem kilometerlangen Asphalt-Zeltplatz haben sie mit Betonklötzen und Sandsäcken befestigt.

In den letzten drei Wochen ist hier Protestroutine eingekehrt. Argumente und Reden drehen sich im Kreis, ebenso wie das Zeltleben in seinem täglich wiederkehrenden Ramadan-Rhythmus. Dicht an dicht reihen sich die Behausungen aneinander, unter einer Plane wohnen „Anwälte für Mursi“, unter einer anderen „Bauern für Mursi“ und unter einer dritten „Lehrer für Mursi“. Überall hängen säuberlich an den Holzstangen befestigt die Plastiktüten der Bewohner mit Zahnbürste, Seife und einigen Habseligkeiten. Vormittags sammeln die Zeltinsassen untereinander Geld. Abends bekommen sie dafür Essen zum Fastenbrechen geliefert, was in Großküchen auf den Protestboulevards oder in Restaurants der Umgebung gekocht wird.

„Hier geht es um die Zukunft meines Landes“

In der Nacht zu Freitag jedoch hat hier niemand ein Auge zugetan. Bis in die frühen Morgenstunden plärrten die Verstärker auf der Bühne, wurde in den Zelten bei Tee und Datteln diskutiert, während Minibusse aus allen Himmelsrichtungen weitere Mitstreiter für den großen Showdown mit der anderen Seite auf dem Tahrir-Platz herankarrten.

Machtkampf in Ägypten

„Wir werden nicht klein beigeben. Wir werden keine Militärdiktatur zulassen“, sagt Mustafa Ahmed, der eigentlich Bankmanager in Kuwait ist und nach Sissis Drohrede alles am Golf stehen und liegen ließ, um in Kairo gegen den Armeechef zu demonstrieren. Bei der Präsidentenwahl gehörte er zum Wahlkampfteam des Linkspolitikers Hamdeen Sabahi. „Ehrlich gesagt, ich mag die Muslimbrüder nicht“, sagt er schließlich. „Aber hier geht es um die Zukunft meines Landes.“

Martin Gehlen


Kommentare
28.07.2013
10:34
Tote und Verletzte bei Zusammenstößen in Ägypten
von Der.Luedenscheider | #5

"Die möchte-gerne-Intellektuellen, die von Al-Jazeera abschreiben, haben damals keinen Finger krumm geacht als die Muslimbrüder an der Macht Menschen gefoltert und getötet haben und dies auch nach ihrem Sturz taten, aber sie entdecken jetzt plötzlich wie undemokratisch die ägyptische Armee ist.
Es ist ein Schlamassel und es gibt nichts zu beschönigen. Aber die Muslimbrüder sind keine Opfer, sondern ein Teil des Problems. Sie können Teil der Lösung werden, aber sie möchten nicht, weil sie alles wollen. Es ist in ihrem Interesse, dass mehr Blut fließt. Sie sperren ihre eigenen Verletzte im Lager ein statt sie an Krankenhäüser zu liefern, damit sie die Propagandabilder kriegen, die sie wollen."

27.07.2013
11:44
Tote und Verletzte bei Zusammenstößen in Ägypten
von Ani-Metaber | #4

Ein schwer durchschaubares Tohuwabohu, immerhin mit dem erkennbaren Ziel, die Muslimbrüder von der Macht fernzuhalten. Wer letztlich aber einen Nutzen haben wird?

Berichtet wurde von fehlender Ware und generellem Mangel, der bewußt herbeigeführt worden sie, um die Regierung Mursi schlecht dastehen zu lassen. Doch Mursi und die hinter ihm stehenden Kräfte haben Fehler gemacht.

Sie haben sich nicht für eine von großen Bevölkerungskreisen befürwortbare Politik entschieden, mit der die Lage im Land, nicht zuletzt durch die Stärke der Hoffnung auf Veränderungen, erträglich gemacht worden wäre.

Stärkung der Gewerkschaften, betriebliche Mitbestimmung, Streikrecht und eine demokratische Kontrolle der Wirtschaft, zur Beseitigung gesellschaftlicher Ungleichheit und wirtschaftlicher, wie auch sozialer Nöte, waren nicht das Markenzeichen ihrer kurzen Herrschaft. Und „Religion“ ist dabei eben nicht die Lösung.

Welche Angebote des Westens für Veränderungen gab es in den letzten 12 Monaten?

27.07.2013
09:53
Tote und Verletzte bei Zusammenstößen in Ägypten
von Polium | #3

Ich bin Christ und halte vom Gott Darwin, der Religion der Atheisten nichts. Obwohl, das bestimmte Menschen laut ihrer Religion fest glauben vom Affen abzustammen, sollte man durchaus tolerieren!

1 Antwort
Tote und Verletzte bei Zusammenstößen in Ägypten
von Der.Luedenscheider | #3-1

Hat er nie gesagt, aber auch ok. Nichtwissen kann man, glaube ich, nicht bestrafen. Dieses Recht nimmt sich nur der Glaube heraus.

27.07.2013
08:53
Tote und Verletzte bei Zusammenstößen in Ägypten
von Imaz | #2

Eine Zeitung hat einmal die Katze aus dem Sack gelassen.
Am 5.7.13 schrieb die "Westdeutsche Zeitung" als Überschrift eines Kommentars:

Die westlichen Demokratien haben den Militärputsch herbei gesehnt.

Ein Satz, der alles sagt.
Man hat nicht selbst geputscht, man hat das finanziell abhängige ägyptische
Militär putschen lassen.

27.07.2013
06:25
Tote und Verletzte bei Zusammenstößen in Ägypten
von darabu | #1

Reingelegt. Auf diesen einfachen Nenner läßt sich der Putsch der Militärs herunterbrechen. Ähnlich wie in den 90ern in Algerien wird auch hier eine demokratisch gewählte Regierung vom Militär weggeputscht. Die führenden Anhänger und Parteimitglieder werden gejagt, gefoltert,ermordet und der Westen schaut tatenlos zu. Froh eine unliebsame Regierung, die nicht nach ihrer Pfeife tantzt los geworden zu sein. Es wird einen Bürgerkrieg geben, soviel steht fest. Und die Schuldigen sind längst ausgemacht. Die westlichen Regierungen und Medien haben Ihren Beitrag zu diesem Konflikt geleistet. Die Nutzniesser sind die üblichen Verdächtigen.

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